Neuer Blick auf die Schlaganfall-Penumbra

Bildgebende Verfahren bei Schlaganfällen könnten künftig noch stärker Einfluss auf die Therapie nehmen als heute. So sollen neue CT- und MRT-Methoden Prognosen ermöglichen, ob und wie viel Hirngewebe im Infarktareal noch zu retten ist.

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:

Im Fokus der neuen Verfahren steht beim ischämischen Schlaganfall die Infarktrandzone, die Penumbra, also funktionell gestörtes, aber prinzipiell noch lebensfähiges Gewebe. Es ist inzwischen unbestritten, dass es auch außerhalb des Drei- oder Viereinhalbstundenfensters für die Lysetherapie noch Patienten gibt, die eine Penumbra und damit rettbares Gewebe aufweisen. Umgekehrt profitieren Patienten ohne Penumbra selbst innerhalb des Dreistundenfensters vermutlich nicht von der Gefäßrekanalisation - das Risiko einer Einblutung wäre größer als der zu erwartende Nutzen. Die Frage ist, inwiefern sich bei den komplexen und dynamischen Abläufen nach einem Hirninfarkt therapierelevante Aussagen über den Zustand des Gewebes um den Kerninfarkt herum treffen lassen.

Schnelle CT zeigt, wie das Blut in den Kopf fließt

Als einen der größten Fortschritte bei der CT bezeichnet Professor Rüdiger von Kummer von der TU Dresden die bessere zeitliche Darstellung. Mit schnellen Scannern kann man heute beobachten, wie das Blut in den Kopf hinein fließt und durch die Venen wieder heraus. "Wir werden in Zukunft gute Möglichkeiten haben, mit dieser Technik Kollateralkreisläufe besser als bislang zu beobachten und zu quantifizieren", sagte von Kummer beim ANIM-Kongress in Bad Homburg. Zudem sei es möglich, Hirnperfusion und Perfusionsdefizite darzustellen, und zwar mit einer größeren räumlichen Auflösung und einer besseren Quantifizierungsmöglichkeit als per MRT.

Ein Nachteil der meisten CT-Scanner ist allerdings, dass nicht das gesamte Gehirn abgebildet wird. Neuere Geräte ermöglichen inzwischen dreidimensionale Perfusionsbilder des ganzen Gehirns. Daran lassen sich virtuell transversale und sagittale Schnitte vornehmen, um bestimmte Ebenen beurteilen zu können.

Zur Differenzialdiagnose ist die MRT sehr wichtig

Deutlich schlechter ist die CT im Vergleich zur MRT jedoch beim Erkennen von Gewebeveränderungen. Ein zelluläres Ödem ist nicht von extrazellulären Wasseransammlungen zu unterscheiden. Die CT ist nicht sensitiv für alte Blutungen, wie sie bei Hypertonie-Patienten zu beobachten sind, oder bei Amyloidangiopathien, was Aufschluss über den bisherigen Krankheitsverlauf geben könnte. Frische Hirninfarkte oder andere differenzialdiagnostisch wichtige Hirnpathologien sind schwer zu erkennen. Bei transitorischen ischämischen Attacken zum Beispiel oder bei einem MS-Schub muss man auf die MRT zurückgreifen. Schließlich ist die Strahlenbelastung besonders bei wiederholten CT, gegebenenfalls in Kombination mit CT-Angiografien sehr hoch.

Bei akuten Blutungen sind MRT und CT zumindest gleichwertig, sagen Experten. Um zerebrale Ischämien darzustellen, ist dagegen die diffusionsgewichtete MRT (DWI, diffusion weighted imaging) sensitiver als konventionelle CT - so sensitiv, dass bis zu 25 Prozent falsch positive Befunde im Vergleich zu PET erhoben würden, sagte Professor Jan Sobesky aus Berlin. Mit der MR-Perfusionsdarstellung (PWI, perfusion weighted imaging) steht ein Surrogatparameter für die Hirnperfusion zur Verfügung. Mit PWI lassen sich also Zonen der Minderdurchblutung sichtbar machen. Allerdings seien die Aufnahmen mit Vorsicht zu interpretieren, warnte Sobesky. "Die bunten Bilder sind sehr suggestiv!" Neuroradiologen streiten noch darüber, welche technischen Parameter und welche Grenzwerte die besten Aussagen zulassen. Je nach benutzten Grenzwerten erhält man in der Praxis mehr oder weniger große minderdurchblutete Areale.

"Mismatch-MRT" bildet Penumbra besonders gut ab

Die Kombination von DWI und PWI, auch Mismatch-MRT genannt, soll nun eine genauere Definition der Penumbra zulassen. Von Mismatch sprechen Neuroradiologen, wenn die Perfusionsläsion größer ist als die Diffusionsläsion. Aus der volumetrischen Differenz ergibt sich das penumbrale, zu rettende Gewebe. Ein "Match" liegt dagegen vor, wenn diffusions- und perfusionsgestörtes Areal deckungsgleich sind und damit keine Penumbra vorhanden ist. Sobesky ist überzeugt, dass es in Kürze gelingen wird, differenziert etwas über den "Lufthunger" der betroffenen Gewebsareale sagen zu können. Außerdem steht ein Konsens über die technische Definition von Mismatch aus, um Therapieentscheidungen davon abhängig machen zu können.

Dass dies, jedenfalls im Moment, tatsächlich therapierelevant ist, ist aber umstritten. Die Mismatch-MRT könnte zumindest helfen, sich außerhalb des 4,5-Stundenfensters für oder gegen die Lysetherapie zu entscheiden. Klinische Studien zur MR-basierten Lysetherapie laufen. Auch für interventionelle Therapieverfahren bei ischämischem Schlaganfall sind die neuen Möglichkeiten interessant. Und schließlich dürften neue Techniken dazu beitragen, die komplexen pathophysiologischen Vorgänge nach Hirninfarkten besser zu verstehen.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Das könnte Sie auch interessieren
Grippeschutz in der Praxis – Jetzt reinhören!

© DG FotoStock / shutterstock

Update

Neue Podcast-Folgen

Grippeschutz in der Praxis – Jetzt reinhören!

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Herz mit aufgemalter Spritze neben Arm

© Ratana21 / shutterstock

Studie im Fokus

Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Prävention durch Influenzaimpfung?

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Junge Frau spricht mit einer Freundin im Bus

© skynesher | E+ | Geytty Images

Update

Impflücken bei Chronikern

Chronisch krank? Grippeimpfung kann Leben retten

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Abb. 1: Risikoreduktion durch Bempedoinsäure gegenüber Placebo in der CLEAR-Outcomes-Studie für den primären 4-Komponenten-Endpunkt (A) und den sekundären 3-Komponenten-Endpunkt (B) stratifiziert nach Diabetes-Status

© Springer Medizin Verlag

Diabetes mellitus

Bempedoinsäure: Benefit für Hochrisiko-Kollektive

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Daiichi Sankyo Deutschland GmbH, München
7-Jahres-Daten belegen günstiges Nutzen-Risiko-Profil von Ofatumumab

© Vink Fan / stock.adobe.com

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

7-Jahres-Daten belegen günstiges Nutzen-Risiko-Profil von Ofatumumab

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Robert Koch-Institut

Impfkalender für 2026: Die Neuerungen im Überblick

Medizinische Rehabilitation

Wie Ärzte beim beim Reha-Antrag unterstützen können

Lesetipps
Diabetespatientin spritzt sich Insulin mit Insulinpen

© Goffkein / stock.adobe.com

Wenig bekannte Insulinkomplikation

Vorsicht bei Insulininjektionen: Nicht immer dieselbe Stelle nehmen

Eine kalorienarme, pflanzenbasierte Kost für mehrere Tage am Stück pro Monat kann Patienten und Patientinnen mit Morbus Crohn bei der Remission helfen.

© rh2010 / stock.adobe.com

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Morbus Crohn: In nur fünf Tagen per Diät zur Remission?