Drei simple Tests bei Vestibularsyndrom grenzen rasch Hirninfarkt von Neuritis ab

Anhaltender Drehschwindel, Übelkeit, Fallneigung - bei solchen Symptomen verraten Augenstellung und -bewegung präziser als eine frühe Bildgebung, ob die Ursache im Gehirn oder in der Peripherie zu suchen ist.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Akuter Drehschwindel - manchmal ist ein Hirninfarkt die Ursache. © Hennig Arzneimittel

Akuter Drehschwindel - manchmal ist ein Hirninfarkt die Ursache. © Hennig Arzneimittel

© Hennig Arzneimittel

Ein Hirnstamm- oder Kleinhirninfarkt kann zu einem akuten Vestibularsyndrom führen, das an eine Neuritis vestibularis erinnert - vor allem wenn das Infarktareal in der Nähe vestibulärer Hirnkerne liegt. Gerade bei älteren Hypertoniken und Diabetikern mit Vestibularsyndrom sollte rasch geklärt werden, ob nicht ein Schlaganfall vorliegt, so Professor Marianne Dieterich von der LMU München. Dieterich stellte bei der Fortbildungsveranstaltung Neuro Update dazu einige simple Tests vor:

  • Horizontaler Kopfimpulstest: Hiermit lässt sich sehr einfach und ohne Geräte der horizontale vestibulo-okuläre Reflex testen. Ist dieser gestört, spricht dies mit hoher Wahrscheinlichkeit für eine periphere Ursache. Die Testperson fixiert dabei einen Punkt, etwa den vor ihm stehenden Arzt. Dieser hält den Kopf des Patienten seitlich mit beiden Händen und dreht ihn dann sehr rasch, aber nur um wenige Grad nach links und rechts. Normalerweise wird die Drehung durch eine rasche kontraversive Augenbewegung ausgeglichen, Neuritis-Patienten gelingt dies jedoch nicht, wenn der Kopf zur Läsionsseite gedreht wird - sie machen dann eine gut sichtbare Korrektur-Sakkade. Bei bilateralem Labyrinth-Ausfall treten Korrektur-Sakkaden sowohl bei Rechts- als auch Linksdrehung auf, hier sind dann nicht selten ototoxische Antibiotika oder ein Morbus Menière die Ursache.

Dass der Kopfimpulstest bereits schon recht zuverlässig zwischen peripheren und zentralen Ursachen differenzieren kann, hat eine Studie mit 43 Patienten mit Schlaganfallverdacht ergeben: Alle hatten ein akutes vestibuläres Syndrom und vaskuläre Risikofaktoren, bei allen wurde der Kopfimpulstest und anschließend eine Bildgebung per CT oder MRT vorgenommen. Das Ergebnis: Acht Patienten hatten eine Neuritis vestibularis, und bei allen acht war - wie zu erwarten - der Kopfimpulstest pathologisch. 34 Patienten hatten einen Schlaganfall, und davon war bei 31 (91 Prozent) der Kopfimpulstest unauffällig. Lediglich drei Patienten (9 Prozent) mit Schlaganfall hatten auch trotz der zentralen Läsion ein auffälliges Ergebnis. Daher sei es wichtig, auch bei positivem Kopfimpulstest einen Schlaganfall nicht generell auszuschließen, so Dieterich. Weitere Hinweise zu Differenzierung können auch die Art des Nystagmus und die vertikale Stellung der Augäpfel liefern.

  • Nystagmus-Test: Bei peripherer Ursache wird meist ein horizontaler Spontannystagmus zur nicht betroffenen Seite beobachtet. Er lässt sich durch eine visuelle Fixierung unterdrücken und verstärkt sich, wenn die Fixierung (etwa mit der Frenzel-Brille) aufgehoben wird. Blickt der Patienten in die Bewegungsrichtung des Nystagmus, nimmt dessen Intensität zu. Die Richtung des Nystagmus selbst bleibt aber immer gleich.
  • Bei einer zentralen Läsion ändert sich dagegen meist die Richtung des Nystagmus mit der Blickrichtung, zudem wird der Nystagmus kaum durch eine Fixierung beeinflusst, er wird also auch nicht intensiver, wenn die visuelle Fixierung aufgehoben wird. Schlägt der Nystagmus ausschließlich vertikal oder rotierend, ist fast immer ein Infarkt die Ursache.  Ist keine Frenzel-Brille in der Nähe, genügt auch ein gewöhnliches Ophthalmoskop: Dabei wird das fixierende Auge auf- und abgedeckt, während der Arzt den Nystagmus am anderen Auge verfolgt.
  • Vertikale Divergenz (skew deviation): Dieser Befund der Augäpfel liefert einen direkten Hinweis auf eine Hirnstamm- oder Kleinhirnläsion. Die beiden Bulbi stehen dabei auf unterschiedlicher vertikaler Höhe. Oft ist die Divergenz Teil einer Ocular-Tilt-Reaktion mit Augenverrollung und Kopfneigung zur Seite.
  • Wie gut und sicher sich mit solch einfachen Untersuchungen ein Hirninfarkt von einer Neuritis vestibularis unterscheiden lässt, hat vor kurzem eine Studie mit 101 Teilnehmern gezeigt. Die Patienten hatten vestibuläre Symptome und zudem vaskuläre Risikofaktoren. Sie wurden neurologisch, neuroophthalmologisch sowie per CT oder MRT untersucht. Von diesen Patienten hatten 76 tatsächlich einen Hirninfarkt. Mit dem Kopfimpulstest, einem Nystagmus-Test und Prüfung der vertikalen Divergenz konnten alle Schlaganfallpatienten zuverlässig erkannt werden -und nur bei vier Prozent der Teilnehmer wurde fälschlicherweise ein Schlaganfall diagnostiziert.

Damit war das Ergebnis der neuroophthalmologischen Untersuchung sensitiver als die initiale Bildgebung: Diese war bei 12 Prozent der Patienten falsch negativ. Ein weiteres Ergebnis: Drei Patienten mit Schlaganfall hatten zwar einen pathologischen Kopfimpulstest, der eine periphere vestibuläre Läsion nahe legte, die vertikale Divergenz verwies bei zwei von ihnen aber klar auf einen Schlaganfall. Dieterich plädierte daher beim akuten Vestibularsyndrom für ein Vorgehen in drei Schritten: Kopfimpulstest, Nystagmus-Test und Prüfung der vertikalen Divergenz.

Lesen Sie dazu auch: ApoplexSchlaganfall oder Neuritis? Blick in die Augen schafft Klarheit

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Das könnte Sie auch interessieren
Grippeschutz in der Praxis – Jetzt reinhören!

© DG FotoStock / shutterstock

Update

Neue Podcast-Folgen

Grippeschutz in der Praxis – Jetzt reinhören!

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Herz mit aufgemalter Spritze neben Arm

© Ratana21 / shutterstock

Studie im Fokus

Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Prävention durch Influenzaimpfung?

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Junge Frau spricht mit einer Freundin im Bus

© skynesher | E+ | Geytty Images

Update

Impflücken bei Chronikern

Chronisch krank? Grippeimpfung kann Leben retten

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Abb. 1: FIB-4 1,3: numerische 26%ige Risikoreduktion der 3-Punkt-MACE durch Semaglutid 2,4mg

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [17]

Kardiovaskuläre, renale und hepatische Komorbiditäten

Therapie der Adipositas – mehr als Gewichtsabnahme

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma GmbH, Mainz
SCD-PROTECT-Studie-- Frühe Phase nach Diagnose einer Herzinsuffizienz – deutlich höheres Risiko für den plötzlichen Herztod als in der chronischen Phase.

© Zoll CMS

SCD-Schutz in früher HF-Phase

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: ZOLL CMS GmbH, Köln
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Chronische Wunden

Wundauflagen klug auswählen. So geht´s!

Depression, Angst, Schmerzen

Was zeichnet „schwierige“ Patientinnen und Patienten aus?

Lesetipps
Ein Impfbuch.

© Axel Bueckert / stock.adobe.com

Robert Koch-Institut

Impfkalender für 2026: Die Neuerungen im Überblick

Männer spielen Beachvolleyball

© LuneVA/peopleimages.com / stock.adobe.com

Interview mit Physiotherapeutin

Bewegung bei Nackenschmerzen: Welcher Sport ist der richtige?

Arzt-Patienten-Gespräch

© mangostock / stock.adobe.com

Interview

Wie die hausärztliche Nachsorge onkologischer Patienten gelingen kann