Ärzte Zeitung, 18.03.2010
Drei
simple Tests bei Vestibularsyndrom grenzen rasch Hirninfarkt von
Neuritis ab
Anhaltender Drehschwindel, Übelkeit,
Fallneigung - bei solchen Symptomen verraten Augenstellung und
-bewegung präziser als eine frühe Bildgebung, ob die
Ursache im Gehirn oder in der Peripherie zu suchen ist.
Von Thomas Müller

Akuter Drehschwindel - manchmal ist ein
Hirninfarkt die Ursache. © Hennig Arzneimittel
Ein Hirnstamm- oder Kleinhirninfarkt kann zu einem
akuten Vestibularsyndrom führen, das an eine Neuritis
vestibularis erinnert - vor allem wenn das Infarktareal in der
Nähe vestibulärer Hirnkerne liegt. Gerade bei
älteren Hypertoniken und Diabetikern mit Vestibularsyndrom
sollte rasch geklärt werden, ob nicht ein Schlaganfall
vorliegt, so Professor Marianne Dieterich von der LMU München.
Dieterich stellte bei der Fortbildungsveranstaltung Neuro Update dazu
einige simple Tests vor:
Horizontaler
Kopfimpulstest: Hiermit lässt sich sehr einfach und
ohne Geräte der horizontale vestibulo-okuläre Reflex
testen. Ist dieser gestört, spricht dies mit hoher
Wahrscheinlichkeit für eine periphere Ursache. Die Testperson
fixiert dabei einen Punkt, etwa den vor ihm stehenden Arzt. Dieser
hält den Kopf des Patienten seitlich mit beiden
Händen und dreht ihn dann sehr rasch, aber nur um wenige Grad
nach links und rechts. Normalerweise wird die Drehung durch eine rasche
kontraversive Augenbewegung ausgeglichen, Neuritis-Patienten gelingt
dies jedoch nicht, wenn der Kopf zur Läsionsseite gedreht wird
- sie machen dann eine gut sichtbare Korrektur-Sakkade. Bei bilateralem
Labyrinth-Ausfall treten Korrektur-Sakkaden sowohl bei Rechts- als auch
Linksdrehung auf, hier sind dann nicht selten ototoxische Antibiotika
oder ein Morbus Menière die Ursache.
Dass der Kopfimpulstest bereits schon recht
zuverlässig zwischen peripheren und zentralen Ursachen
differenzieren kann, hat eine Studie mit 43 Patienten mit
Schlaganfallverdacht ergeben: Alle hatten ein akutes
vestibuläres Syndrom und vaskuläre Risikofaktoren,
bei allen wurde der Kopfimpulstest und anschließend eine
Bildgebung per CT oder MRT vorgenommen.
Das Ergebnis: Acht
Patienten hatten eine Neuritis vestibularis, und bei allen acht war -
wie zu erwarten - der Kopfimpulstest pathologisch. 34 Patienten hatten
einen Schlaganfall, und davon war bei 31 (91 Prozent) der
Kopfimpulstest unauffällig. Lediglich drei Patienten (9
Prozent) mit Schlaganfall hatten auch trotz der zentralen
Läsion ein auffälliges Ergebnis.
Daher sei
es wichtig, auch bei positivem Kopfimpulstest einen Schlaganfall nicht
generell auszuschließen, so Dieterich. Weitere Hinweise zu
Differenzierung können auch die Art des Nystagmus und die
vertikale Stellung der Augäpfel liefern.
Nystagmus-Test:
Bei peripherer Ursache wird meist ein horizontaler
Spontannystagmus zur nicht betroffenen Seite beobachtet. Er
lässt sich durch eine visuelle Fixierung unterdrücken
und verstärkt sich, wenn die Fixierung (etwa mit der
Frenzel-Brille) aufgehoben wird. Blickt der Patienten in die
Bewegungsrichtung des Nystagmus, nimmt dessen Intensität zu.
Die Richtung des Nystagmus selbst bleibt aber immer gleich.Bei
einer zentralen Läsion ändert sich dagegen meist die
Richtung des Nystagmus mit der Blickrichtung, zudem wird der Nystagmus
kaum durch eine Fixierung beeinflusst, er wird also auch nicht
intensiver, wenn die visuelle Fixierung aufgehoben wird.
Schlägt der Nystagmus ausschließlich vertikal oder
rotierend, ist fast immer ein Infarkt die Ursache.
Ist keine Frenzel-Brille in der Nähe, genügt
auch ein gewöhnliches Ophthalmoskop: Dabei wird das fixierende
Auge auf- und abgedeckt, während der Arzt den Nystagmus am
anderen Auge verfolgt.
Vertikale
Divergenz (skew deviation): Dieser Befund der
Augäpfel liefert einen direkten Hinweis auf eine Hirnstamm-
oder Kleinhirnläsion. Die beiden Bulbi stehen dabei auf
unterschiedlicher vertikaler Höhe. Oft ist die Divergenz Teil
einer Ocular-Tilt-Reaktion mit Augenverrollung und Kopfneigung zur
Seite.Wie gut und sicher sich mit solch einfachen
Untersuchungen ein Hirninfarkt von einer Neuritis vestibularis
unterscheiden lässt, hat vor kurzem eine Studie mit 101
Teilnehmern gezeigt. Die Patienten hatten vestibuläre Symptome
und zudem vaskuläre Risikofaktoren. Sie wurden neurologisch,
neuroophthalmologisch sowie per CT oder MRT untersucht. Von diesen
Patienten hatten 76 tatsächlich einen Hirninfarkt. Mit dem
Kopfimpulstest, einem Nystagmus-Test und Prüfung der
vertikalen Divergenz konnten alle Schlaganfallpatienten
zuverlässig erkannt werden -und nur bei vier Prozent der
Teilnehmer wurde fälschlicherweise ein Schlaganfall
diagnostiziert.
Damit war das Ergebnis der neuroophthalmologischen
Untersuchung sensitiver als die initiale Bildgebung: Diese war bei 12
Prozent der Patienten falsch negativ. Ein weiteres Ergebnis: Drei
Patienten mit Schlaganfall hatten zwar einen pathologischen
Kopfimpulstest, der eine periphere vestibuläre Läsion
nahe legte, die vertikale Divergenz verwies bei zwei von ihnen aber
klar auf einen Schlaganfall. Dieterich plädierte daher beim
akuten Vestibularsyndrom für ein Vorgehen in drei Schritten:
Kopfimpulstest, Nystagmus-Test und Prüfung der vertikalen
Divergenz.
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