Ärzte Zeitung, 02.11.2005

Thromboseprophylaxe, auch wenn Patienten wieder laufen

Die meisten Thrombosen entstehen bei operierten Patienten nach der Initialphase / Das Gerinnungssystem kann noch über Wochen aktiviert sein

FRANKFURT AM MAIN (sko). Eine verlängerte Thromboseprophylaxe, die in der ambulanten Behandlung noch bis zu sechs Wochen fortgeführt wird, hat sich bei Hochrisikopatienten mit einer Knie- oder Hüftoperation als sehr wirkungsvoll erwiesen. Die Vollmobilisierung als Kriterium zur Beendigung der Prophylaxe heranzuziehen, hält Dr. Tom Schilling aus Wernigerode für problematisch.

Wenn Patienten eine tiefe Beinvenenthrombose (TVT) bekommen, sind die behandelnden Kollegen nicht selten aus finanziellen Gründen den Vorwürfen ausgesetzt, ihnen sei ein Fehler bei der Thromboseprophylaxe unterlaufen.

Deshalb ist hier die Dokumentation, speziell auch über zusätzliche Risiken wie eine Adipositas oder andere Basismaßnahmen extrem wichtig - und das besonders dann, wenn die Patienten keine medikamentöse Prophylaxe erhalten oder sie ablehnen: "Wenn Sie aus medizinischen Gründen auf eine medikamentöse Prophylaxe verzichten, muß die Aufklärung über andere Basismaßnahmen wie Antithrombosestrümpfe deutlich dokumentiert werden", riet Schilling bei einem Workshop in Frankfurt am Main.

Präparat der Wahl sei hier ein niedermolekulares Heparin in der Standardprophylaxe-Dosis etwa 0,3 ml Nadroparin (Fraxiparin®) so Schilling bei der von dem Unternehmen GlaxoSmithKline organisierten Veranstaltung.

Zur Dauer der Thromboseprophylaxe sei die Datenlage bei vielen Patientengruppen zwar noch ungeklärt. Aber: Die meisten Thrombosen entstünden gar nicht in der Initialphase, "sondern dann, wenn wir mit dem guten Glauben, alles getan zu haben, die Thromboseprophylaxe beenden." So sei nach einer Hüftoperation das Gerinnungssystem noch über sechs Wochen hoch aktiv.

Dementsprechend ist auch der Nutzen einer verlängerten Prophylaxe bis zu sechs Wochen bei Patienten, die wegen eines orthopädischen Eingriffs an den unteren Extremitäten zur Hochrisikogruppe für eine tiefe Beinvenenthrombose gehörten, in Studien belegt worden - mit der Folge, daß diese belegte Wirksamkeit auch in den aktuellen Leitlinien erwähnt wird, so Schilling.

Aber auch bei kleineren Eingriffen und geringerem Risiko für eine Beinvenenthrombose sollte sich die Dauer der Prophylaxe nicht danach richten, wie fit der Patient nach dem Eingriff ist: "Die Vollmobilisation ist nie als ein Kriterium zum Beenden der Prophylaxe belegt worden", warnte Schilling.

Schilling empfiehlt grundsätzlich eine Prophylaxe für mindestens zehn Tage. Falls das Risiko etwa durch eine Infektion oder weitere Bettlägerigkeit danach weiterhin erhöht ist, sollte die Prophylaxe fortgeführt werden, bis auch dieses Risiko sicher beseitigt ist.

STICHWORT Aus dem Springer Lexikon Medizin

Beinvenenthrombose

Die tiefe Beinvenenthrombose ist eine häufige Erkrankung. Diese Thrombose betrifft meist die tiefen Bein- und Beckenvenen. Weil Symptome fehlen, wird sie oft nicht diagnostiziert und erst beim Auftreten von Komplikationen (Lungenembolie) erkannt. Meist handelt es sich um eine symptomatische Thrombose, die durch eine bekannte Ursache ausgelöst wurde, seltener um eine idiopathische Erkrankung. Die häufigsten prädisponierenden Faktoren sind: Alter, Malignome, Adipositas sowie angeworbene oder erworbene Störungen der Blutgerinnung mit Thrombophilie. Als auslösende Ursachen kommen vor allem Operationen, längere Bettruhe, Immobilisation, Traumen, Geburt, langes Sitzen und Überanstrengung in Betracht.

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