Ärzte Zeitung online, 04.10.2013

Entwicklungsstottern

Lieber erst mal abwarten?

Mehr als jedes zehnte Kind im Vorschulalter stottert. Doch zumindest im ersten Jahr seiner Sprachstörung scheint es, einer australischen Studie zufolge, dadurch keinen Schaden zu nehmen.

Von Christine Starostzik

Lieber erst mal abwarten

Kleine Stotterer sind anderen Kindern in puncto Sprachverständins und Ausdrucksfähigkeit sogar überlegen.

© Klaus Rose

PARKVILLE. Entwicklungsstottern tritt zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr häufig auf.

In einer Kohortenstudie hatten Dr. Sheeena Reilly und Kollegen vom Murdoch Childrens Research Institute bereits zuvor festgestellt, dass 8,5% der Australier im Alter von drei Jahren entsprechende Probleme zeigen.

Nun untersuchten die Autoren an 1619 Kindern, wie häufig Vierjährige stottern, wie lang die Sprachstörung anhält und welchen Einfluss sie auf die Entwicklung der Kinder hat (Pediatrics 2013; online August 26, 2013).

Die Untersuchung war Teil der Early Language in Victoria Study (ELVS). Um die Sprachleistung zu bewerten, analysierten die Autoren u.a. über zwölf Monate die monatlichen Angaben von Eltern und Logopäden.

Sogar Vorteile für kleine Stotterer

Im Alter von vier Jahren stotterten 181 (11,2%) der Studienkinder. Als Risikofaktoren für die Entwicklung der Sprachstörung ergaben sich in der adjustierten Analyse ein Leben als Zwilling, das männliche Geschlecht sowie ein höherer Bildungsgrad der Mutter.

Insgesamt hatten nach zwölf Monaten neun Kinder mit dem Stottern wieder aufgehört (10% der Jungen, aber keines der Mädchen). Vier dieser Kinder hatten professionelle Unterstützung. Schwieriger war es vor allem für diejenigen, die ganze Wörter mehrmals wiederholten.

Bei den Scores zum kindlichen Verhalten (Strength and Difficulties Questionaire Temperament Scale) schnitten stotternde und nicht stotternde Kinder vergleichbar ab.

Bei Tests zum Sprachverständins, zur Ausdrucksfähigkeit, zur nonverbalen Wahrnehmung und bei den Scores zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität ergaben sich für die kleinen Stotterer sogar bessere Werte.

Empfehlung: Zunächst zwölf Monate abwarten!

Diese Ergebnisse scheinen die lang gehegte Vorstellung zu widerlegen, dass das Entwicklungsstottern kleiner Kinder, das sich noch während des Spracherwerbs ausbildet, mit einem ungünstigen Verlauf behaftet sein könnte.

In der Studie zeigten sich sogar einige Vorteile für stotternde Kinder. Die Autoren wollen die kleinen Probanden jetzt weiter beobachten, um herauszufinden, wann und bei welchen Kindern eine Besserung der Symptome eintritt.

Wenn ansonsten nichts dagegen spricht, ist die derzeitige Empfehlung, zunächst zwölf Monate abzuwarten, bevor eine Behandlung begonnen wird. Möglicherweise, so die Autoren, kann dieser Zeitrahmen für viele Kinder sogar noch ausgeweitet werden.

Denn es ist zu bedenken, dass die Therapie nicht nur sehr zeitaufwendig, sondern auch sehr kostenintensiv ist. Hingegen könnten mit einer Watchful-Waiting-Strategie nur die Kinder einer Behandlung zugeführt werden, bei denen die Störung nicht selbstlimitierend und möglicherweise mit einer nachteiligen Entwicklung zu rechnen sei.

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