Ärzte Zeitung, 25.09.2015

Neue Erkenntnis

Gleiches Einfallstor für Tinnitus und chronische Schmerzen

MÜNCHEN. Offensichtlich gibt es ein zentrales Regulator-System, das sowohl bei chronischen Schmerzen als auch bei Tinnitus eine wichtige Rolle spielt, teilt die Technische Universität München (TU) mit.

Strukturelle und funktionelle Veränderungen im gleichen Hirn-Schaltkreis - dazu gehören der ventromediale präfrontale Kortex und der Nucleus accumbens, eine Kernstruktur im basalen Vorderhirn - können das Tor sowohl für Tinnitus als auch für Schmerzen öffnen, die lange über ihre eigentliche akute Ursache hinaus bestehen, haben Professor Josef Rauschecker an der Georgetown University und Professor Markus Ploner, PainLabMunich, TU München, herausgefunden (Trends in Cognitive Sciences 2015; online 23. September).

Bei Patienten wurde in den vermuteten Gehirnregionen ein signifikanter Verlust der grauen Substanz und eine beeinträchtigte Funktion der Schaltkreise im Gehirn beobachtet, heißt es in der Mitteilung.

Dabei gab es erhebliche Überschneidungen zwischen den neurologischen Veränderungen bei Tinnitus- und bei Schmerzpatienten. Alle diese Gehirnregionen seien auch wichtig für die Bewertung und die Regulierung von Sinneswahrnehmungen.

"Diese Regionen agieren als zentrales Regulator-System, das den affektiven Wert der sensorischen Stimuli ermittelt - egal, ob der Stimulus im Gehirn entsteht oder von außen kommt - und den Informationsfluss im Gehirn reguliert. Tinnitus und chronische Schmerzen entstehen, wenn dieses System beschädigt ist", wird Rauschecker in der Mitteilung zitiert.

Die Forscher stellen die These auf, dass dieses neu identifizierte Regulator-System die Relevanz und den affektiven Wert von sensorischen Stimuli berechnet und den Informationsfluss entlang bestimmter Routen steuert, die mit sogenannten ausführenden Funktionen verbunden sind. Aus ihrer Sicht wird der Prozess von zwei wichtigen Neurotransmittern, Dopamin und Serotonin, gesteuert, so die TU München.

Die Forscher argumentieren, dass Schäden an diesem System die Wahrnehmung sensorischer Signale in einer Art beeinflussen, dass entweder Tinnitus oder chronische Schmerzen entstehen können und in einer selbsterhaltenden Schleife andauern.

Besonders im Hinblick auf Behandlungsmöglichkeiten gibt es der Mitteilung zufolge aber noch eine Reihe offener Fragen. Dennoch sehen die Forscher Gründe zu vorsichtigem Optimismus.

Das bessere Verständnis für die Ursache der Krankheiten könnte zu einer standardisierten Erfassung der individuellen Risiken, Tinnitus oder chronische Schmerzen zu entwickeln, führen.

Dadurch könnte sich ein Weg für präventive Maßnahmen und eine sehr frühzeitige Behandlung zum Beispiel mittels kognitiver Verhaltenstherapie, Physiotherapie und medikamentöser Therapie ergeben. (eb)

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