Ärzte Zeitung, 12.12.2007

Hormon gibt Frauen Lust auf Sex zurück

Nach Ovarektomie steigert Testosteron-Substitution das sexuelle Verlangen / Studien mit etwa 1000 Frauen

HAMBURG (hbr). Frauen, die durch einen chirurgischen Eingriff in die Menopause versetzt werden, leiden oft unter zunehmender sexueller Lustlosigkeit. Sie profitieren von niedrig dosiertem Testosteron. Damit steigt das sexuelle Verlangen, und der Leidensdruck sinkt.

Genügt eine Östrogen-Substitution nicht, kann Frauen nach Ovarektomie auch ein Testosteron-Ersatz empfohlen werden.

Foto: Klaro

Im Vorfeld einer Entfernung von Gebärmutter und Eierstöcken sollten Patientinnen darauf hingewiesen werden: Bei bis zu 46 Prozent dieser Frauen nimmt das sexuelle Verlangen anschließend deutlich ab. Das kann an Testosteronmangel liegen, so Dr. Anneliese Schwenkhagen aus Hamburg. Testosteronmangel tritt nach der Ovarektomie ziemlich abrupt und massiv auf, weil die Spiegel an Gesamt- und an freiem Testosteron innerhalb weniger Tage auf die Hälfte absacken.

Mangelt es den Frauen nicht nur an sexueller Lust, sondern leiden sie auch darunter, spricht man vom HSDD (Hypoactive Sexual Desire Disorder). Bei diesen Frauen kann die Substitution von fehlendem Testosteron das sexuelle Verlangen und die seelische Verfassung deutlich bessern. Das belegen zwei Studien mit etwa 1000 Frauen mit HSDD nach der Entfernung von Gebärmutter und Ovarien.

Eine Östrogentherapie hatte den Frauen nicht geholfen. Deshalb erhielten sie zusätzlich 24 Wochen lang ein Testosteron-Pflaster (Intrinsa®) oder Placebo. Mit der Tagesdosis von 300 μg stieg das freie Testosteron in den mittleren prämenopausalen Normbereich.

Die Testosteron-Substitution brachte signifikante Vorteile: Das sexuelle Verlangen der Frauen stieg deutlich, und die sexuelle Aktivität nahm um 74 Prozent zu, unter Placebo aber nur um 33 Prozent. In der zweiten Studie war die sexuelle Aktivität mit dem Hormonpflaster um 51 Prozent gestiegen, mit Placebo um 23 Prozent. In beiden Studien sank zudem die seelische Belastung um zwei Drittel, so Schwenkhagen bei einer Veranstaltung von Procter & Gamble in Hamburg.

132 Frauen wurden zusätzlich nach ihrer Einschätzung der Behandlung befragt. Dabei wussten weder die Patientinnen noch deren Ärzte, ob sie das Hormon oder Placebo erhielten. Trotzdem waren die Unterschiede deutlich: Mit Placebo nahmen nur 33 Prozent Vorteile durch die Therapie wahr. Dagegen gaben in der Testosteron-Gruppe 52 Prozent der Frauen an, die Therapie habe relevante Besserungen gebracht. Bei diesen Frauen hatte die Lust auf Sexualität erheblich zugenommen, der Leidensdruck war gesunken, und die Zahl befriedigender sexueller Aktivitäten war um 4,4 im Monat gestiegen im Vergleich zu 0,5 bei den Non-Respondern. Schwenkhagen empfiehlt, für einen Therapieversuch auf jeden Fall drei Monate anzusetzen. Nach ihrer Erfahrung merken die Frauen in dieser Zeit, ob sie davon profitieren.

STICHWORT

HSDD

HSDD (Hypoactive Sexual Desire Disorder) ist definiert als ständiger oder wiederholter Mangel an sexuellen Gedanken oder mangelnde Bereitschaft zu sexuellen Aktivitäten, wobei die Betroffenen oder ihre Beziehungen darunter leiden. Ursache der Störung kann ein Testosteronmangel nach Entfernen der Eierstöcke sein.

In einer solchen chirurgisch induzierten Menopause leben etwa sechs Millionen Frauen in Deutschland, Italien, Frankreich, Großbritannien und Spanien. Etwa 16 Prozent von ihnen haben HSDD.

(hbr)

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