Ärzte Zeitung, 07.03.2011

Psychopharmaka: Was tun bei Schwangeren?

Sollte man antipsychotisch wirkende Medikamente während der Schwangerschaft absetzen? Nicht in jedem Fall: Oft werden die Risiken antipsychotisch wirkender Substanzen für das Kind überschätzt und der potenzielle Schaden für die Mutter durch Absetzen unterschätzt, bestätigt eine Fallgeschichte.

Von Nicola Siegmund-Schultze

Psychopharmaka: Was tun bei Schwangeren?

Psychopharmaka-Therapie trotz Schwangerschaft. Es gibt gut untersuchte Arzneimittel.

© thejimcox / fotolia.com

DÜSSELDORF. Eine Patientin, die seit vielen Jahren relativ niedrig dosiert Olanzapin zur Rezidivprophylaxe einer schizophrenen Psychose einnimmt und unter dieser Medikation rückfallfrei ist, erfüllt sich ihren Kinderwunsch: Sie lässt sich im Ausland reproduktionsmedizinisch behandeln und wird schwanger.

Die Ärzte raten ihr, Olanzapin zum Schutz des ungeborenen Kindes abzusetzen. Daraufhin wird die Patientin hochpsychotisch, muss stationär aufgenommen und teilweise fixiert werden.

Die Entbindung per Sectio erfolgt zwischen Phasen der Fixierung. Acht Tage nach der Geburt eines gesunden Jungen ist die Frau tot - Folge einer Lungenembolie.

"Eine solch dramatische Entwicklung nach dem abrupten Absetzen eines Psychopharmakons ist zwar selten, ein übervorsichtiges Verhalten von Kollegen aber vergleichsweise häufig", sagte Privatdozent Dr. Christof Schaefer von der Charité Berlin, als er die Kasuistik beim Fortbildungskongress der Frauenärztlichen Bundesakademie in Düsseldorf vorstellte.

Oft würden die Risiken antipsychotisch wirkender Substanzen für das Kind überschätzt in der Abwägung mit dem potenziellen Schaden, den ein plötzliches Unterbrechen der Pharmakotherapie für die Mutter haben kann.

"Die behandelnden Ärzte sollten sich in jedem Fall miteinander abstimmen, bei Bedarf bieten wir gerne eine fallspezifische, kostenlose Beratung an", sagt der Ärztliche Leiter des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie.

Für die mit dem atypischen Neuroleptikum offenbar gut eingestellte Patientin habe keine Indikation bestanden, die Therapie zu unterbrechen. "Olanzapin gehört in Bezug auf mögliche embryo- und fetotoxische Effekte zu den best untersuchten Medikamenten", sagte Schaefer.

Für die Neueinstellung einer Schwangeren weist das Beratungszentrum auch auf alternative Optionen zu Olanzapin wie Risperidon hin.

Viele antipsychotisch wirkenden Medikamente werden während Schwangerschaft und Stillzeit "off label" angewandt, da Hersteller oft schon aus haftungsrechtlichen Gründen Gravidität und Stillzeit als absolute oder schwerwiegende Kontraindikation angeben.

Entsprechend hoch ist der Beratungsbedarf: Von den 13.835 Anfragen, die das Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum 2008 erreichten, betrafen 24 Prozent Arzneimittel zur Behandlung psychiatrischer Erkrankungen.

In einem aktuellen Report berichtet die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) über mögliche Anpassungs- und extrapyramidale Störungen Neugeborener nach antipsychotischer Pharmakotherapie Schwangerer (www.fda.gov).

Auch die FDA rät jedoch wegen möglicher Komplikationen vom Absetzen der Therapie ohne Konsultation der behandelnden Ärzte ab.

In puncto Lithium und Lamotrigin, die unter anderem als Phasenprophylaktika bei Patienten mit bipolaren Störungen angewandt werden, sagte Schaefer, dass deren Dosierung im Verlauf einer Schwangerschaft wegen erhöhter renaler Ausscheidung angepasst werden sollte, um eine ausreichende Wirksamkeit zu erzielen.

"Sofort nach der Entbindung muss dann aber eine Rückanpassung erfolgen", so Schaefer. Die Clearance könne im Einzelfall unter die in der Frühschwangerschaft abfallen und die Patientin toxische Symptome entwickeln.

Mehr Infos zu Arzneimittel und Schwangerschaft auf: www.embryotox.de

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