Ärzte Zeitung online, 06.03.2014

Leitartikel zum Mitochondrien-Ersatz

Horror oder Hoffnung?

Eine neue IvF-Methode könnte bei Frauen mit Mitochondriopathie verhindern, dass sie die Erbkrankheit an ihre Kinder weitergeben. Im Gegensatz zu Großbritannien, das die neue Option begrüßt, halten sich die Behörden in den USA zunächst einmal bedeckt.

Von Peter Leiner

Horror oder Hoffnung?

Eine neue IvF-Methode wird bei Frauen mit Mitochondriopathie diskutiert.

© Matthias Haas / fotolia.com

Für manche Gegner der bisher nur bei Tieren erprobten Technik zur Prävention von Mitochondriopathien ist diese der Einstieg ins Klonen von Menschen - und sie lehnen sie deshalb auch kategorisch ab.

Das ist vor wenigen Tagen auch während eines Treffens des Cellular, Tissue and Gene Therapies Advisory Committee der US-Behörde FDA deutlich geworden. Tatsächlich ist die Methode jenem Verfahren, mit dem das geklonte Schaf Dolly - und viele andere Tiere danach - geschaffen wurde, recht ähnlich.

Eine Mitochondriopathie beeinträchtigt besonders Muskeln und Nerven. Es soll daher verhindert werden, dass eine Frau mit einer klassischen Mitochondriopathie die in ihren Eizellen enthaltenen mutierten Organellen an ihre Kinder weitergibt.

Dazu soll noch vor oder kurz nach der Befruchtung das haploide oder diploide Erbgut im Zellkern der Eizelle entnommen und in eine zuvor entkernte Eizelle einer gesunden Spenderin übertragen werden - so stellen es sich die Befürworter der Methode vor.

Im einen Fall handelt es sich um einen Spindeltransfer, bei dem erst nach dieser Manipulation die In-vitro-Fertilisation erfolgt. Im anderen Fall ist es ein Zellkerntransfer im Vorkernstadium, also nach der Befruchtung, aber noch vor der Verschmelzung der Kerne von Spermium und Ei.

Versuche mit Makaken waren erfolgreich

Bei "nicht menschlichen Primaten", wie es die Wissenschaftler gerne formulieren, hat diese Technik bereits funktioniert. Dr. Shoukhrat Mitalipov von der Oregon Universität in Portland etwa berichtete von inzwischen vier gesunden, noch jungen, maximal vier Jahre alten Makaken, deren weitere Entwicklung nun genau verfolgt werde.

Zudem seien Züchtungsexperimente geplant, um die Auswirkungen der Technik auf die nachfolgende Generation zu überprüfen. Längst werden Versuche mit dieser Technik auch mit menschlichen Keimzellen gemacht und die Embryonalentwicklung bis ins Blastozystenstadium (sechs bis acht Tage alt) verfolgt.

Die bisherigen tierexperimentellen Erfolge mit dem Mitochondrien-Austausch zur Prävention haben zumindest die Briten überzeugt, sodass bereits Mitte des Jahres in Großbritannien, wo die Eizellspenderinnen euphemistisch als "Mitochondrien-Spenderinnen" bezeichnet werden, im Parlament über einen Gesetzentwurf zur Einführung der neuen Technik diskutieren wird.

Seit 27. Februar 2014 hat jeder Brite die Möglichkeit, dem Gesundheitsministerium seine Ansichten durch Beantwortung von neun Fragen dazu - nach Lektüre von 47 Seiten Hintergrundinformation - mitzuteilen. Bis 21. Mai 2014 haben Interessierte Gelegenheit, sich zu äußern.

US-Behörde FDA ist noch zurückhaltend

So weit sind die Behörden in den USA allerdings noch nicht. Die FDA wollte sich mit ihrer Veranstaltung zunächst einmal nur ein Bild vom aktuellen Stand der Wissenschaft bei der Mitochondrienersatz-Therapie machen.

Eine Abstimmung über die klinische Anwendung der Methoden sei zu diesem Zeitpunkt nicht vorgesehen gewesen, so eine Sprecherin des FDA-Ausschusses. Dennoch wurde während der Veranstaltung über die Verfahren so detailliert diskutiert, als sei die weltweit erste Studie bereits in Vorbereitung.

Am besten geeignet wären nach Ansicht der Teilnehmer demnach Patientinnen mit MELAS-Syndrom (Myopathie, Enzephalopathie, Laktatazidose, Schlaganfall-ähnliche Episoden) oder MERRF-Syndrom (Myoclonic Epilepsy with Ragged Red Fiber).

Sie müssten jünger als 35 Jahre sein und bereits ein an einer Mitochondriopathie erkranktes Kind haben. Die Eizellspenderinnen müssten gesund und zudem keine Überträgerinnen genetischer Erkrankungen sein. Ein Langzeit-Follow-up der nach Mitochondrien-Ersatz geborenen Kinder sei unerlässlich.

Um das Risiko einer Übertragung von mutierter mitochondrialer DNA zu minimieren, schlugen Teilnehmer der Veranstaltung vor, vor der geplanten Übertragung in die Gebärmutter das Geschlecht zu bestimmen und dann nur männliche Embryonen für die Implantation zu verwenden.

Nach einem Bericht einer Arbeitsgruppe um den Tübinger Biologen Dr. Klaus Reinhardt sind allerdings männliche Nachkommen - in tierexperimentellen Untersuchungen - gesundheitlich besonders gefährdet gewesen (Science 2013; 341: 1345).

Der Grund: Das gestörte "Zwiegespräch" zwischen den Genen der Mitochondrien und des Zellkerns. Die Gene der Mitochondrien seien nach dem Ersatz letztendlich "fremden" mütterlichen und väterlichen Genen des Zellkerns ausgesetzt. Das schlage sich zum Beispiel in einer verminderten Fertilität der Nachkommen nieder.

Eine Garantie für ein gesundes Kind gibt es nicht

Kein Wissenschaftler wird jemals garantieren können, dass das erste, mithilfe des Mitochondrien-Ersatzes geborene Kind tatsächlich gesund sein wird.

Es muss damit gerechnet werden, dass es krank sein wird, sei es, weil es trotz des Verfahrens an einer Mitochondriopathie erkrankt ist, sei es, weil durch die Manipulationen in der Petrischale zelluläre und genetische Veränderungen ausgelöst worden sind, die zu unerwarteten Erkrankungen führen.

Wer will dem ersten Kind, das nur mithilfe der neuen Technik zur Welt gekommen ist, eines Tages erklären, dass seine Behinderungen ausschließlich Folge der Manipulationen sind?

Da es auch jetzt noch viel zu viele unbeantwortete Fragen gibt, von denen sich einige auch nicht durch Versuche mit "nicht menschlichen Primaten" beantworten lassen, sollte die Ersatztherapie als Option nicht mehr in Betracht gezogen, sondern mehr in die Forschung zur Entwicklung von Therapien für die bereits betroffenen Kinder investiert werden.

Die erste klinische Studie zum Mitochondrien-Ersatz könnte in einer Katastrophe enden, nicht nur für die daraus entstandenen Kinder, sondern auch für die nachfolgenden Generationen. Das Risiko dieser neuen Forschung tragen vor allem die Kinder.

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