Ärzte Zeitung, 19.04.2016

"Lustpille" für Frauen

Mehr Frust als Lust

Eine umfassende Metaanalyse hat Nutzen und Risiken der "Lustpille" für Frauen unter die Lupe genommen - mit ziemlich vernichtendem Ergebnis.

Von Beate Schumacher

Mehr Frust als Lust

Statt mehr Lust auf Sex bekamen viele Frauen bei der Einnahme der "Lustpille" Nebenwirkungen wie Schwindel und Müdigkeit, wie eine Analyse ergeben hat.

© Franck Camhi / iStock / Thinkstock

ROTTERDAM. Die FDA-Zulassung von Flibanserin zur Behandlung von prämenopausalen Frauen mit vermindertem sexuellem Verlangen (hypoactive sexual desire disorder, HSDD) hat 2015 für heftige Debatten gesorgt.

Kritiker warnten unter anderem vor einer Medikalisierung der weiblichen Sexualität und vor einer zu großen Einflussnahme der pharmazeutischen Industrie. Vor allem bezweifelten sie, dass die Vorteile einer dauerhaften Therapie die damit verbundenen Nebenwirkungen wettmachen würden.

Ärzte aus den Niederlanden haben deswegen das Nutzen-Risiko-Verhältnis erneut überprüft und die bisher umfassendste Analyse dazu vorgelegt (wir berichteten kurz).

Nach diesen Daten wird die Zahl der befriedigenden sexuellen Erfahrungen (satisfying sexual events, SSE) im Durchschnitt um 0,5 pro Monat erhöht. Gleichzeitig kommt es zu einer klinisch relevanten Zunahme von Schwindel, Somnolenz, Übelkeit und Fatigue.

Qualität der Studien "sehr gering"

Die Ärzte um Loes Jaspers von der Universität in Rotterdam haben acht Studien in ihre Metaanalyse einbezogen, darunter drei nicht veröffentlichte, mit insgesamt fast 6000 Frauen (JAMA Intern Med 2016, online 29. Februar).

Obwohl alle Studien randomisiert, placebokontrolliert und doppelblind angelegt waren, wird ihre Qualität wegen möglicher statistischer Verzerrungen von den Ärzten als "sehr gering" bewertet.

An zwei Studien waren Frauen nach der Menopause beteiligt, die in der FDA-Zulassung nicht berücksichtigt sind. Alle Teilnehmerinnen lebten in stabilen heterosexuellen Beziehungen. Die Zahl der SSE lag vor Therapiebeginn im Mittel bei 2,5 pro Monat.

Die Intensität des sexuellen Verlangens, beurteilt mit dem eDiary desire-Score, erreichte anfangs 11,1 von 84 möglichen Punkten, das Verlangen gemäß dem Female Sexual Function Index (FSFI) betrug 1,8 auf einer Skala von 1,2-6,0.

Während der 24-wöchigen Therapie mit Flibanserin 100 mg/d erhöhte sich die Zahl der SSE gegenüber Placebo im Mittel um 0,49, in den Studien mit prämenopausalen Frauen um 0,65.

Der Zugewinn fiel in unpublizierten Studien geringer aus als in veröffentlichten, mit 0,31 versus 0,58 zusätzlichen SSE. Das sexuelle Verlangen nahm ebenfalls zu: um 1,63 Punkte im eDiary desire-Score und um 0,27 Punkte im FSFI-Unterscore. Alle Unterschiede waren signifikant gegenüber Placebo.

Typische HSDD-Patientinnen?

Unerwünschte Effekte waren unter Flibanserin insgesamt häufiger als unter Placebo. Bei den laut Hersteller therapieassoziierten Nebenwirkungen reichte die Ereignisrate von 29,9 bis 36,5 Prozent in den Verumgruppen, verglichen mit 12,7 bis 15,8 Prozent in den Kontrollgruppen: Schwindel und Somnolenz traten jeweils etwa viermal, Übelkeit 2,4- und Fatigue 1,6-mal häufiger auf als unter der Scheintherapie.

Von schweren Nebenwirkungen wie Synkopen und Hypotonie waren 4,2-6,0 Prozent der Frauen unter Flibanserin und 3,5 Prozent unter Placebo betroffen. Auch hier waren alle Unterschiede statistisch signifikant.

"Unsere Beobachtungen sprechen dafür, dass der Nutzen der Flibanserinbehandlung marginal ist, vor allem wenn man das gleichzeitige Auftreten von unerwünschten Wirkungen in Betracht zieht", so das Fazit der Autoren. Die Annahme, dass das Medikament sicher sei, ist in ihren Augen "voreilig".

Gravierende Nebenwirkungen möglich

Zum einen umfasse das Nebenwirkungsspektrum auch gravierende Ereignisse wie Synkopen, zum anderen seien die Nebenwirkungen in den Studien oft nicht detailliert erfasst worden. Laut Jaspers und Kollegen ist außerdem "unklar, ob Frauen mit 2,5 SSE pro Monat typische HSDD-Patientinnen darstellen".

Darüber hinaus halten die niederländischen Ärzte zusätzliche Studien für notwendig, die HSDD-Patientinnen mit somatischen und psychischen Begleiterkrankungen einschließen.

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