Ärzte Zeitung, 14.03.2008

Selen bei Immunthyreoiditis - nur niedrig dosiert?

Reduktion der Antikörper gegen Schilddrüsenperoxidase / Hinweis auf erhöhte Inzidenz von Typ-2-Diabetes je nach Selenspiegel

WIESBADEN (hem). Ob eine Selenzufuhr bei Autoimmunthyreoiditiden mehr nutzt oder eher schadet, ist umstritten. Eine Selen-Therapie reduziert etwa die Antikörper gegen Schilddrüsenperoxidase. Aber es gibt auch Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Selensubstitution und erhöhter Inzidenz von Typ-2-Diabetes bei Dicken. Eine Option kann sein: Selen-Substitution ja, hohe Dosierungen nein.

Professor Karl-Michael Derwahl aus Berlin gab beim Wiesbadener Schilddrüsen-Symposium 2008 einen Überblick über fünf wichtige Erkenntnisse zur Selen-Substiution:

  • Erstens: In zwei Studien konnte ein positiver Effekt von Selen (100 bis 200 μg Natriumselenit) bei Autoimmunthyreoiditis nachgewiesen werden. Antikörper gegen die Schilddrüsenperoxidase (TPO-Autoantikörper) gingen in beiden Studien signifikant zurück. Ob dadurch weniger Patienten bei euthyreoter Hashimoto-Thyreoditis eine Hypothyreose entwickeln, ist aber noch unklar. In einer Studie bei insgesamt 2143 schwangeren Frauen entwickelte sich aber unter der Gabe von Selen nicht nur deutlich seltener eine postpartale Thyreoiditis, sagte Derwahl auf der vom Unternehmen Merck Serono unterstützten Veranstaltung. Auch die Inzidenz von Hypothreosen ging im Vergleich zu Placebo zurück, und zwar deutlich um 40 Prozent.
  • Zweitens: Unter Selen erhöhte sich jedoch die kumulative Inzidenz an Typ-2-Diabetes von 8,4 auf 12,6 pro 100 Lebensjahre. Diese Follow-up-Daten aus einer Studie, bei der es primär um die Effekte von Selen bei Hautkrebs ging, beruhen allerdings auf Patientenangaben und sind nicht gesichert.
  • Drittens: In einer US-amerikanischen Querschnittstudie erhärtete sich der Verdacht auf eine Assoziation zwischen Selenspiegel und Diabetes-Prävalenz. Allerdings: Die mit den Selenspiegeln ansteigende Diabeteshäufigkeit ergab sich nur bei übergewichtigen Menschen, nicht aber bei Menschen mit einem BMI unter 25. Das ging aus einer Subgruppen-Analyse hervor.

Und: Männer und Raucher hatten ein deutlich gesteigertes Diabetesrisiko, wenn ihre Selenspiegel erhöht waren.

  • Viertens: Eine Selen-Substitution ging einer jüngst publizierten Metaanalyse von prospektiven Kohortenstudien zufolge mit einer signifikant um 16 Prozent erniedrigten KHK-Inzidenz einher. Ein durchaus widersprüchlicher Befund angesichts des erhöhten Risikos unter Selen, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln. Denn Diabetes ist bekanntlich ein kardiovaskulärer Risikofaktor.
  • Fünftens: Allerdings ist die tägliche Selenzufuhr in verschiedenen Ländern unterschiedlich. In den USA etwa ist sie doppelt so hoch wie die empfohlene Menge von 50 bis 60 μg pro Tag. In Deutschland liegt die tägliche Aufnahme dagegen deutlich darunter.

Eine allgemeine Empfehlung für eine Selen-Therapie bei Thyreoiditis gab Derwahl aufgrund der widersprüchlichen Daten nicht. In Deutschland könnte eine Selen-Substitution durchaus Sinn machen. Die ungünstigen Daten in Zusammenhang mit zusätzlicher Selenzufuhr rührten hauptsächlich von US-amerikanischen Verhältnissen her, bei denen man ohnehin schon von einer Selen-Überversorgung ausgehen müsse. Dort, so mutmaßte der Endokrinologe, könnten die positiven antioxidativen Wirkungen von Selen bei zusätzlicher Zufuhr in prooxidative Effekte umschlagen.

Ob Selen nutzt oder schadet, hängt auch von der Dosis ab.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »