Ärzte Zeitung App, 06.11.2014

Chemikalien

Beeinträchtigen sie die Entwicklung des Feten?

Industrielle Chemikalien verändern einer aktuellen Studie zufolge die Schilddrüsenhormon-Aktivität in der Plazenta. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie kommentiert die Ergebnisse der Untersuchung auf ihrer Website.

BOCHUM. Industrielle Chemikalien verändern die Schilddrüsenhormon-Aktivität in der Plazenta. Zu diesem Schluss kommt die Arbeitsgruppe von R. Thomas Zoellner von der University of Massachusetts in Amherst, die Plazentaproben von 164 schwangeren Frauen ohne Schilddrüsenerkrankungen analysierte, die an der "GESTE Canadian Prospective Birth Cohort Study" teilnahmen (J. Clin. Endocrinol. Metab. 2014; online 9. Oktober).

Im Mutterkuchen wurden die Expression des Enzyms CYP1A1 bestimmt, sowie die Expression von zwei Genen, für die in älteren Arbeiten und aktuell in einer Zelllinie eine Regulation durch Schilddrüsenhormon gezeigt werden konnte.

Hierbei handelte es sich um humanes plazentares Laktogen (HPL) und eine Wachstumshormon-Variante (GH-V).

Plazentaproben analysiert

In 132 der 164 Proben ließ sich eine Genexpression von CYP1A1 nachweisen, wobei die Werte um bis zu Faktor 5 schwankten, teilt die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie mit. Die Expressionsspiegel von CYP1A1 waren positiv mit dem Expressionsniveau von HPL und GH-V korreliert.

Hingegen zeigte sich keine Korrelation zu den Schilddrüsenhormonspiegeln, weder im Blut der Mutter noch in der Nabelschnur. Bei rauchenden Schwangeren fanden sich im Mutterkuchen ebenfalls deutlich höhere CYP1A1-Spiegel.

CYP1A1 transformiert endokrine Disruptoren wie polychlorierte Bisphenyle (PCBs) und andere Dioxin-ähnliche industrielle Chemikalien in eine Form, die mit den Schilddrüsenhormonrezeptoren interagieren kann.

Hierdurch könnte es zu einer Störung der Schilddrüsenhormonwirkung kommen. Die Autoren schlussfolgern, dass höhere CYP1A1-Spiegel auf eine erhöhte Exposition mit endokrinen Disruptoren hinweisen und dass ungeachtet des in der Studie fehlenden Einflusses auf die Schilddrüsenhormonspiegel bei Mutter und Neugeborenem, eine Wirkung auf der Ebene der Schilddrüsenhormonrezeptoren denkbar ist.

Diese Vermutung bedürfe jedoch der Überprüfung, so die DGE, und als nächsten Schritt wollen die Autoren untersuchen, ob eine schlechtere kognitive kindliche Entwicklung mit höheren CYP1A1-Spiegeln im Plazentagewebe korreliert.

Die höheren CYP1A1-Spiegel in der Plazenta von Raucherinnen lieferten eine weitere Begründung für eine Nikotinabstinenz in der Schwangerschaft, so die DGE.

Kausalität ist nicht belegt

"Bei der Arbeit handelt es sich um eine Studie der Genexpression, und die Daten erlauben keine zuverlässige Aussage über die tatsächlichen biologischen Konsequenzen", wird Professor Dagmar Führer vom Universitätsklinikum Essen in der Mitteilung zitiert.

Hierzu hätten zunächst einmal die CYP1A1-Proteinexpression und die Enzymaktivität untersucht werden müssen. Ferner handelt es sich um eine reine Assoziation von Genexpressionsspiegeln, so die Expertin von der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen am Universitätsklinikum Essen.

Ein kausaler Zusammenhang werde hierdurch nicht belegt, denn es sei möglich, dass zum Beispiel die untersuchten Zielgene auch durch andere Faktoren als nur Schilddrüsenhormone reguliert werden.

Insofern sind nach Auffassung von Führer umfangreiche funktionelle Untersuchungen erforderlich, um zu zeigen, dass die bearbeiteten Parameter in einem relevanten Zusammenhang stehen.

"Immerhin ist die Arbeit ist ein interessanter Anstoß, die Folgen einer Exposition mit endokrinen Disruptoren auf Plazentaniveau zu betrachten. Und es bleibt abzuwarten, welche neuen Erkenntnisse sich aus nachfolgenden Untersuchungen für die Praxis ergeben werden", so die Expertin

Über endokrine Disruptoren wurde in Blogbeiträgen und Pressemitteilungen der DGE mehrfach berichtet, so Führer. Eine Beeinträchtigung der Schilddrüsenhormonwirkung im Organismus durch endokrine Disruptoren werde seit langem diskutiert.

Molekulare Mechanismen der Schilddrüsenhormonwirkung stehen im Fokus des Schwerpunktprogramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft "THYROID TRANS ACT" (www.thyroidtransact.de). (eb)

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