Ärzte Zeitung, 20.07.2015

US-Analyse

Schilddrüsenstörung könnte Darmkrebs begünstigen

Ein verstärktes Screening auf Darmkreb könnte gerade bei Patienten mit einer gestörten Schilddrüsenfunktion Sinn machen. Das zeigt eine US-Studie.

Von Veronika Schlimpert

Schilddrüsenstörung könnte Darmkrebs begünstigen

Eine Thyroxin-Therapie verminderte bei den Studienteilnehmern mit Hypothyreose das Darmkrebsrisiko. Diese schützende Wirkung fiel umso stärker aus, je länger die Hormontherapie andauerte.

© Klaus Rose

PHILADELPHIA. Studien deuten darauf hin, dass Schilddrüsenfunktionsstörungen zur Karzinomentwicklung beitragen können.

Angesichts der Häufigkeit dieser Erkrankungen wäre diese Assoziation - wenn sie sich bestätigt - von enormer Bedeutung für das Gesundheitswesen.

Einer aktuellen Fall-Kontroll-Studie zufolge scheinen sowohl die Schilddrüsenunterfunktion als auch die -überfunktion mit einem moderat erhöhten Risiko für Kolonkarzinome assoziiert zu sein.

Zu diesem Ergebnis kamen die Studienautoren um Dr. Ben Boursi von der University of Pennsylvania in Philadelphia, nachdem sie bei 20.990 Patienten mit kolorektalen Karzinomen und 82.054 vergleichbaren Kontrollen aus der THIN-Datenbank die Häufigkeit von Schilddrüsenfunktionsstörungen verglichen hatten (J Natl Cancer Inst 2015; 107: djv084).

Hormontherapie mindert das Risiko

Nach ihrer Untersuchung fiel das Krebsrisiko für jene Studienteilnehmer höher aus, die in der Vergangenheit eine unbehandelte klinische oder subklinische Hypothyreose hatten: mit einer adjustierten Odds Ratio (OR) von 1,16. Auch im Falle einer Hyperthyreose stieg das Darmkrebsrisiko (OR 1,21).

Hingegen war es vermindert, wenn die Schilddrüsenunterfunktion mit Thyroxin behandelt worden war (OR 0,92). Diese schützende Wirkung fiel umso stärker aus, je länger die Hormontherapie andauerte (OR für 5-10 Jahre: 0,88, > 10 Jahre: 0,68).

Patienten, deren Hypothyreose behandelt werde, würden also ein geringeres Risiko für kolorektale Karzinome aufweisen, schreiben die Studienautoren. Unbehandelt hingegen steige das Karzinomrisiko im Falle einer Hypo- und einer Hyperthyreose.

Aber wie kann sowohl ein Überschuss als auch ein Mangel an Hormonen das Karzinomrisiko erhöhen? Die Wissenschaftler erklären sich dies mit der antagonistischen Wirkung der Schilddrüsenhormone auf die Karzinomentwicklung. Einerseits würden die Hormone die Zellproliferation und -differenzierung beeinflussen und könnten somit die Tumorgenese fördern.

Andererseits interagierten sie mit dem Östrogen-Signalweg, der mit einem verminderten Kolonkarzinomrisiko in Verbindung gebracht werde.

Wahrscheinlich komme es sowohl bei einer Hypo- als auch bei einer Hyperthyreose zu einem Ungleichgewicht dieser Wirkungen in Richtung Proliferation, spekulieren die Autoren. Durch eine länger anhaltende Hormonbehandlung würde sich dieses Ungleichgewicht womöglich wieder umkehren.

Verstärktes Darmkrebsscreening?

Diese Erkenntnis kann nach Ansicht von Boursi und seinen Kollegen - wenn sie sich denn bestätigt - Ärzten bei ihrer Entscheidung, wann sie eine Hormonersatztherapie bei asymptomatischen, subklinischen Hypothyreosen beginnen, unterstützen.

Darüber hinaus könnte bei Patienten mit Schilddrüsendysfunktionen ein verstärktes Darmkrebs-Screening sinnvoll sein.

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