Ärzte Zeitung, 13.06.2016

Jodtabletten-Debatte in NRW

Experten warnen vor eigenmächtiger Jodblockade

Aus Angst vor einem Reaktorunfall soll NRW Medienberichten zufolge Jodtabletten für alle Schwangeren und Minderjährigen im Land kaufen. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie warnt vor einer "vorsorglichen" Eigenmedikation.

MAINZ. Wird bei einer Reaktorkatastrophe radioaktives Jod freigesetzt, bieten Jodtabletten einen gewissen Schutz. Denn hochdosiertes Jod in Form von Kaliumjodid-Tabletten blockiert die Schilddrüse und reduziert damit das Risiko für Schilddrüsenkrebs. Dosierung und Zeitpunkt der Einnahme müssen aber exakt nach Vorgaben der Behörden erfolgen.

Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) rät anlässlich der Jodtabletten-Debatte in Nordrhein-Westfalen von einer "vorsorglichen" Eigenmedikation dringend ab. Zu hohe Joddosen schadeten der Gesundheit, so die DGE in einer Mitteilung. Die handelsüblichen Jodtabletten seien andererseits zu gering dosiert und reichten nicht zur "Jodblockade". Die Bevölkerung solle sich auf die behördlichen Angaben zu Anlass, Zeitpunkt und Dosierung verlassen.

Jod zum Schutz vor Strahlenschäden

Ende Mai berichteten zahlreiche Medien, dass Nordrhein-Westfalen vorsorglich Jodtabletten für alle Schwangeren und Minderjährigen im Land kaufen werde. Sie sollen bei einem Reaktorunfall an diese zum Schutz vor Strahlenschäden der Schilddrüse verteilt werden. Hintergrund der Maßnahme seien die grenznah gelegenen belgischen Atomkraftwerken Tihange und Doel, die als störanfällig gelten, erinnert die DGE.

Professor Helmut Schatz von der DGE bekräftigt, dass die Einnahme von Kaliumjodid-Tabletten das vermehrte Auftreten von Schilddrüsenkrebs verhindert: "Nach dem Reaktorunglück im ukrainischen Tschernobyl vor 30 Jahren gaben die Behörden in Polen sofort Jodtabletten an Kinder aus. Im Unterschied zur Ukraine und zu Weißrussland stieg dort die Zahl der Schilddrüsenkarzinome bei Kindern und Jugendlichen nicht an", wird der Experte zitiert.

Radioaktives Jod wird bei einem Reaktorunfall freigesetzt. Es hat die gleichen chemischen und biologischen Eigenschaften wie das in der Nahrung vorkommende natürliche Jod und wird daher wie normales Jod in der Schilddrüse gespeichert.

"Diese konzentrierte Speicherung in der Schilddrüse unterscheidet Jod von anderen Stoffen", so Schatz in der Mitteilung der DGE. "Durch die Einnahme von extrem hochdosierten Jodtabletten wird die Aufnahme des freigesetzten radioaktiven Jods in der Schilddrüse blockiert."

130 Milligramm ein bis zwei Tage vor Eintreffen der radioaktiven Wolke empfohlen

Die WHO empfiehlt 130 Milligramm als Einmalgabe ein bis zwei Tage vor Eintreffen der radioaktiven Wolke. Drei Stunden später sind die Tabletten nur noch zu 50 Prozent wirksam, zehn Stunden später gar nicht mehr, heißt es in der Mitteilung. Noch später kann die Einnahme sogar schaden, da dann das durch die Atmung schon aufgenommene radioaktive Jod langsamer ausgeschieden wird.

Jodpräparate, die als Schilddrüsensupplemente für Schilddrüsenerkrankungen oder für Schwangere angeboten werden, sind für den Einsatz nach einem Störfall völlig ungeeignet, da sie um einige Zehnerpotenzen niedriger dosiert sind: Sie enthalten 100 bis 200 Mikrogramm und haben auch nicht die unten aufgeführten Nebenwirkungen.

Der Höchstwert für die Jodzufuhr betrage in Deutschland 500 Mikrogramm pro Tag, so der Endokrinologe Schatz. Professor Matthias Weber, DGE-Mediensprecher von der Uni Mainz, warnt vor den Folgen eines unbedachten Umgangs mit den hochdosierten Kaliumjodid-Tabletten: "Jod in diesen extrem hohen Dosen kann zu Störungen der Schilddrüsenfunktion wie einer Hyperthyreose, mit Herzrasen, Schweißausbrüchen, Gewichtsverlust und Bluthochdruck führen."

Auch ein Morbus Basedow oder eine Hashimoto-Thyreoiditis könnten die Folge sein. "Niemand sollte zum Schutz vor möglichen Reaktorunfällen eigenständig hochdosierte Jodpräparate einnehmen. Wenn eine Reaktorunfall eingetreten ist, werden die Behörden unverzüglich die entsprechenden Informationen und Empfehlungen zur Einnahme von Jodtabletten bekannt geben", so Weber. (eb)

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