Ärzte Zeitung, 01.12.2004

Aidskranke Eltern schreiben Erinnerungsbücher

Kleine Familienchroniken für die Aids-Waisen in Uganda / Henning Mankell hat Frauen besucht, die Erinnerungsbücher verfaßt haben

Von Ulrike Koltermann

Manche legen es in eine bunte Blechbüchse, manche in einen Korb, in den der Name des Kindes eingeflochten ist. Es ist mehr ein Testament als ein Geschenk, denn es bekommt seine Bedeutung erst, wenn die Eltern gestorben sind. Hunderte aidskranker Eltern in Uganda haben "Erinnerungsbücher" für ihre Kinder verfaßt. Sie sollen ihnen alles Wichtige über ihre Familie erzählen, wozu ihre Eltern möglicherweise keine Gelegenheit mehr haben. Derzeit leben im subsaharischen Afrika etwa elf Million Aids-Waisen. Viele von ihnen haben ihre Eltern so früh verloren, daß sie sich kaum an sie erinnern können.

Sie sind Waisen, weil ihre Eltern an Aids gestorben sind: Kinder spielen vor dem Abendessen im Spielzimmer des Waisenhauses "Nyumbani" bei Nairobi in Kenia. Foto: dpa

"Als Du das erste Mal in den Kindergarten gingst, hattest Du Passionsfruchtsaft und Kekse dabei", erzählt etwa Christine Aguga ihrer zehn Jahre alten Tochter Everlyn. Christine erzählt mit dem Stift. Sie hat ein schmales Buch vor sich, in dem sie gewissenhaft viele Rubriken ausfüllt: Deine Geburt, meine liebsten Erinnerungen an Dich, Informationen über Deine Verwandte, meine Hoffnungen für Deine Zukunft, Familienbräuche. "Ich erwarte vor allem von dir, daß du dir der Gefahr einer HIV-Infektion bewußt bist und dich dagegen schützt", schreibt Christine. Sie weiß, daß ihre Tochter das Buch lesen wird, wenn sie selbst an Aids gestorben sein wird.

Eine an Aids erkrankte Frau mit ihrem Kind in Uganda. Foto: dpa

"Viele haben mit geraten, das Konzept der Erinnerungsbücher nicht nach Uganda zu bringen, weil für Afrikaner mündliche Traditionen viel wichtiger sind als geschriebene Berichte", erinnert sich Caroline Lindsay Smith, die sich seit Mitte der 90er Jahre für die Verbreitung von Erinnerungsbüchern in Uganda eingesetzt hat. Das Muster haben afrikanische Einwanderer in England entwickelt. Sie hatten Angst davor, fern von ihrer Heimat zu sterben und ihren Kinder die Wurzeln abzuschneiden.

Die Erinnerungsbücher sind wie Schatzkisten für die Kinder. Sie erfahren, unter welchen Umständen sie auf die Welt gekommen sind und was sich ihre Eltern für ihre Zukunft wünschen. Häufig sind es die Mütter, die die Bücher schreiben, nachdem der Vater bereits gestorben ist. Aids ist in vielen afrikanischen Familien noch immer ein Tabu. Viele Eltern bringen es nicht übers Herz, ihren Kinder von der eigenen Krankheit zu erzählen. Etwa 30 Prozent der Schreiber wollen, daß ihre Kinder erst nach ihrem Tod das Buch erhalten.

Manchen HIV-Infizierten hilft die Arbeit an den Familienchroniken aber auch, um mit den Kindern ins Gespräch zu kommen. "Ohne die Arbeit an dem Erinnerungsbuch hätte ich meinen Kindern nichts von meiner Krankheit gesagt", berichtet eine Mutter aus Uganda. "Jetzt haben wir mehr Vertrauen zueinander. Wir können uns gegenseitig Kraft geben."

Der schwedische Autor Henning Mankell hat in Uganda Frauen besucht, die Erinnerungsbücher verfaßt haben. Er hat seine Erlebnisse zusammen mit dem Erinnerungsbuch von Christine veröffentlicht. "Es sind wichtige Dokumente unserer Zeit", schreibt Mankell. "Kein Kind soll als erwachsener Mensch vor der Tatsache stehen, über seine Eltern nichts anderes zu wissen, als daß sie an Aids gestorben sind."

Henning Mankell: "Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt". Paul Zsolnay Verlag, Wien. 143 Seiten. ISBN 3-552-05297-6

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