Ärzte Zeitung, 14.03.2007

"Aids ist als globales Problem vergleichbar dem Klimawandel"

Chef der UN-Organisation UNAIDS warnt vor Verharmlosung der Seuche / Kanzlerin Merkel will HIV und Aids zum Thema beim G-8-Gipfel machen

BREMEN (cben). Die Bekämpfung von HIV und Aids soll Chefsache werden. Das forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer Rede auf der Konferenz "Verantwortung und Partnerschaft - gemeinsame gegen HIV/AIDS", in Bremen.

HIV und Aids seien ein internationales Problem und machen "nicht an den Landesgrenzen halt", so Merkel, Es sei darum eine "internationale Aufgabe, diesen Trend umzukehren". Merkel kündigte an, dass HIV und Aids auch beim G-8-Gipfel im Juni in Heiligendamm erstmals Thema sein werden.

Die Kanzlerin verwies auf die steigenden Infektionszahlen: 40 Millionen Menschen sind weltweit von HIV und Aids betroffen, jährlich infizieren sich vier Millionen Menschen neu. Jährlich sterben sechs Millionen Menschen an den Folgen der Krankheit. 70 Prozent der Infizierten leben südlich der Sahara, mehr als die Hälfte davon sind Frauen. In der EU lebten Ende 2005 ingesamt 720 000 Aids-Infizierte, ein Jahr später waren es 740 000. "Es gibt keinen Grund, die Hände in den Schoß zu legen!", warnte Peter Piot, Chef der UN-Organisation UNAIDS. "Aids ist ein Problem vergleichbar mit dem Klimawandel", sagte Piot.

Tatsächlich nimmt die Zahl der Neuinfektionen besonders an den Rändern Europas, in Portugal, Russland und in den baltischen Staaten zu. Offenbar spielen in Portugal die vielen Immigranten eine große Rolle. In den osteuropäischen Staaten befördert der soziale Zerfall nach dem Ende der UDSSR diese Entwicklung. Peeter Laasik, stellvertretender Gesundheitsminister Estlands, bestätigte, dass die Zahl der Infektionen parallel mit der Arbeitslosenzahl im Norden des Landes gestiegen sei.

Nina Skibnevskaya von der Organisation AIDS Infoshare aus Russland sagte gestern bei dem Kongress in Bremen, die medizinische Versorgung in ihrem Land werde besonders durch die Tabuisierung von Aids erschwert. Die Ärzte seien schlecht informiert, nicht einmal die Virenbelastung der HIV-Patienten werde erfasst, Therapieprotokolle existierten nicht. Zudem würden Nichtregierungsorganisationen im Kampf gegen Aids kaum unterstützt.

Wie schwierig der Weg der Enttabuisierung in Deutschland gewesen ist, berichtete die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth. Auch hierzulande seien in den 80er Jahren Hysterie und Unkenntnis Zeichen der politischen Debatte über Aids gewesen, erinnerte sie. Das Kabinett des damaligen Kanzlers Helmut Kohl habe gar darüber debattiert, ob man Erkrankte internieren solle, berichtete sie. Ohne Selbsthilfegruppen hätte man die Wende in der Diskussion über Aids nicht geschafft.

Außer der Prävention wurden in Bremen auch die Finanzierung der Aufklärung und die medikamentöse Behandlung der Patienten diskutiert. "Bis zum Jahr 2006 wurden 200 Milliarden Dollar weltweit zur AIDS-Bekämpfung eingesetzt", sagte Peter Piot. "Das ist beispiellos, aber nur die Hälfte dessen, was nötig ist", ergänzte der Chef von UNAIDS.

Er zeigte sich überzeugt, dass "HIV und Aids uns noch einige Generationen begleiten werden." Gesundheitsministerin Ulla Schmidt appellierte an die Regierungen, den Kampf gegen Aids zu unterstützen. HIV und Aids müssten zur politischen Priorität in Europa werden, betonte sie.

Viele Beiträge zu den Themen HIV und Aids unter: www.aerztezeitung.de

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