Ärzte Zeitung, 13.07.2007

Schützt Therapie gegen Herpes-Viren vor HIV-Ausbreitung?

Menschen, die mit Herpes-Viren infiziert sind, sollten Regeln für Safer Sex strikt einhalten / Kondomverwendung auch bei Oralverkehr empfohlen

BOBO-DIOULASSO (mls). Die Eindämmung von Herpesviren (HSV) hat bei Patienten mit einer HIV-HSV-Doppelinfektion vermutlich nicht nur unmittelbare Konsequenzen auf die Menge beider Virustypen. Möglicherweise eignet sich die Therapie auch zur Prophylaxe der Virusverbreitung.

Elektronenmikroskopische Falschfarben-Aufnahme: HI-Viren knospen aus einer Zelle. Foto: PhotoDisc

Darin gründet sich das große Interesse an einer Studie, die vor kurzem erneut in Kommentaren aufgegriffen wurde. In der Studie an der afrikanischen Uniklinik in Bobo-Dioulasso in Burkina-Faso erhielten je 70 gleichzeitig mit HIV und HSV-2 infizierte Frauen drei Monate lang entweder eine Behandlung mit Valaciclovir gegen das Herpesvirus oder Placebo. Die antivirale Therapie wirkte - wie vermutet - nicht allein auf die Herpesviren. Sie verminderte überdies die Menge der HIV-RNA im Blut und noch stärker im Genitalabstrich, und zwar um mindestens 50 Prozent (NEJM 356, 2007, 790 und 2323).

"Das bestätigt unsere Beobachtungen aus der täglichen Praxis und bestärkt das Umdenken bei der Präventionsberatung", kommentierte Dr. Christoph Stephan von der HIV-Schwerpunkt-Ambulanz an der Universitätsklinik in Frankfurt am Main im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". "Gerade bei Paaren, von denen einer der Partner HIV-positiv und auch HSV-infiziert ist, kommt es trotz Beachtung der Safer-Sex-Regeln zur Übertragung", sagte der Spezialist.

Noch ist zwar nicht direkt belegt, dass die Therapie gegen Herpesviren auch die Übertragungsrate senken kann. Doch die jüngste Studie hat hier zu neuen Untersuchungen entscheidenden Anstoß gegeben. "Wir weisen jedenfalls konsequent darauf hin, dass etwa der bisher als sicher angesehene Oralverkehr bei einer gleichzeitig bestehenden HSV-Infektion besser nicht mehr ohne Kondomschutz vorgenommen werden sollte", sagte Stephan. Zudem eröffnet sich Ärzten eine neue Perspektive bei der Behandlung jener doppelt mit HIV und HSV infizierten Patienten, die zum Beispiel in einem frühen Stadium der HIV-Krankheit noch keine Anti-HIV-Therapie erhalten sollen. Sie profitieren, wie man jetzt weiß, nicht nur von der gegen die Herpesviren gerichteten Therapie, auch die HIV-Menge wird vermindert.

Wie erklärt man sich diesen Effekt? Herpesviren machen die Schleimhäute anfälliger für andere Infektionen, selbst wenn die HSV-Infektion inapparent, etwa ohne Bläschenbildung verläuft. Die von den Herpesviren angelockten Lymphozyten, vor allem CD4-Zellen, bieten dem Aids-Erreger ein geeignetes Infektionsterrain. Herpesviren sorgen zudem dafür, dass eine größere Menge dieser Zellen am Infektionsort bleibt - selbst in einer intakten Schleimhaut. So tragen doppelt Infizierte nicht nur eine höhere Virusmenge, die Viren können sich auch eher in den Zellen ausbreiten. Ein solches Verstärker-Phänomen ist auch bei anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen, etwa bei Syphilis, im Zusammenhang mit Herpesviren zu beobachten.

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