Ärzte Zeitung, 28.06.2007

HINTERGRUND

Manche HIV-Infizierten leben über viele Jahre mit dem Aids-Erreger, ohne es zu wissen

Von Peter Leiner

 

Die HIV-Pandemie und ihre Auswirkungen auf Deutschland sind noch lange nicht überwunden. Ein möglicher Beleg dafür sind die aktuellen Daten des Robert-Koch-Instituts über die Zahl der Menschen, die sich 2006 neu mit dem Aids-Erreger angesteckt haben: Bei 2611 Menschen wurde im Jahr 2006 der Aids-Erreger anhand eines HIV-Antikörpertests neu diagnostiziert, 2005 lag die Zahl noch bei 2500, im Jahr 2001 sogar nur bei 1443 Erstdiagnosen. Diskutiert wird derzeit, ob es sich tatsächlich um Neu-Infektionen handelt oder ob die Zahlen nur einen verstärkten Gebrauch der HIV-Antikörpertests widerspiegeln. Auch beim 3. Deutsch-Österreichischen Aids-Kongress in Frankfurt am Main werden das Wissenschaftler diskutieren.

"Es soll zum Umdenken angeregt werden"

Der Kongress, der gestern eröffnet wurde und am Samstag endet, soll das Thema HIV / Aids wieder mehr in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. "Erstmals geht die Tagung deshalb über den medizinisch-wissenschaftlichen Bereich hinaus", sagte Kongress-Vize-Präsidentin Dr. Brigitte Schmied aus Wien zur "Ärzte Zeitung". "Es soll in der Gesellschaft zu einem Umdenken angeregt werden."

Es gibt wieder mehr HIV-Neudiagnosen
Anstieg seit 2001 um 81 Prozent
In Deutschland wurde im vergangenen Jahr bei mehr als 2600 Menschen eine Infektion mit dem Aids-Erreger HIV erstmals diagnostiziert.

So gibt es parallel zum Kongress viele öffentliche Veranstaltungen und Aktionen, etwa unter dem Motto "Aids-Patienten geben der Krankheit ein Gesicht" oder der Versuch, die größte Aids-Schleife aus Menschen für das Guinnessbuch der Rekorde zu formen. Und beim Satellitensymposium "Aids & Economy" wurden gestern die Folgen der Pandemie auf die Wirtschaft - auch in Deutschland - diskutiert. Das ist ebenfalls ein Novum für diesen Kongress, dessen Präsident in diesem Jahr Professor Schlomo Staszewski aus Frankfurt am Main ist.

Das Motto des Kongresses - "anders denken" - bedeutet auch, Menschen sollen sich wieder mehr bewusst werden, dass HIV und Aids nicht auf bestimmte Risikogruppen beschränkt sind, wie Schmied sagt. Jeder könne sich infizieren, der ein bestimmtes Risikoverhalten hat, also zum Beispiel ungeschützt promiskuitiv ist. Dass der jetzt beobachtete Anstieg der Zahl der Neu-Infektionen ihrer Ansicht nach nicht nur darauf zurück zu führen ist, dass vermehrt getestet wird, sehe man zum Beispiel an der Zunahme anderer sexuell übertragbarer Erkrankungen wie Syphilis und Gonorrhoe.

"Und daraus kann man den Umkehrschluss ziehen, dass die Verwendung von Kondomen sehr unzureichend ist", so Schmied. Jede andere zusätzliche sexuell übertragbare Erkrankung fördere natürlich auch das Risiko, eine HIV-Infektion weiterzugeben, und das Risiko, sich selbst zu infizieren. Die wichtigste Präventionsmaßnahme sei, Menschen maßgeschneidert über die Infektionsrisiken zu informieren, und zwar angepasst an das Risikoverhalten.

Es muss unkompliziert sein, sich auf HIV testen zu lassen

"Eigentlich sollte jeder sexuell aktive Mensch seinen HIV-Serostatus kennen", fordert Schmied. Je nach Risikoverhalten solle man ab und an den HIV-Serostatus überprüfen lassen. Schmied erinnerte daran, dass bei 30 Prozent der HIV-Infizierten auch in Deutschland die Infektion erst in einem späten Stadium der Erkrankung diagnostiziert wird, wenn also Symptome des Immunmangelsyndroms wie eine Pneumocystis-carinii-Pneumonie auftreten. Unter Umständen leben HIV-Infizierte zehn Jahre mit dem Erreger, ohne es zu wissen, und ohne Chance, eine Therapie zu erhalten oder den Partner vor HIV schützen zu können.

Kann eine antiretrovirale Therapie das Risiko der Übertragung des Aids-Erreger verringern? Schmied: "Bei einer erfolgreich behandelten HIV-Infektion mit komplett supprimierter Virusmenge ist sicherlich auch das Infektionsrisiko entscheidend vermindert. Wenn es HIV-Infizierte gibt, die promiskuitiv leben und kein Kondom verwenden können oder wollen, dann ist es durchaus auch eine Option, eine solche Therapie vorzuschlagen." Denn mit einer kompletten Virussuppression - wenn nicht noch andere Geschlechtskrankheiten vorliegen - sei das Infektions- und Transmissionsrisiko nur marginal, so Schmied. Insofern müsse es unkompliziert sein, sich auf HIV testen zu lassen.

Der Aids-Kongress soll auch dazu beitragen, die Zusammenarbeit der medizinischen und wissenschaftlichen Fachbereiche zu fördern. Denn durch die Einführung der hochaktiven antiretroviralen Therapie hat sich das Bild der HIV-Erkrankung verändert: Die Patienten haben heute annähernd die gleiche Lebenserwartung wie die übrige Bevölkerung und können wie sie etwa an arterieller Hypertonie oder Diabetes erkranken. Dazu kommen Koinfektionen wie mit Hepatitis-B- oder -C-Viren. Weil immer mehr Ärzte mit HIV und Aids konfrontiert werden, sei eine kontinuierliche Fortbildung über HIV / Aids erforderlich, so Schmied.

Die ersten Symptome werden von Ungeübten nicht erkannt

Noch immer werden die ersten Symptome der HIV-Krankheit von Ärzten, die mit der Erkrankung wenig vertraut sind, nicht erkannt. Schmied: "Die häufigste Differenzialdiagnose und sehr oft Fehldiagnose ist das Pfeiffersche Drüsenfieber, also die durch das Epstein-Barr-Virus ausgelöste infektiöse Mononukleose." Die akute HIV-Infektion gehe sehr häufig mit gastrointestinalen Beschwerden, mit Fieber, Lymphknotenschwellungen und bei vielen HIV-Infizierten auch mit einem Exanthem, vor allem am Körperstamm, einher. Es könne auch zur Erhöhung der Leberfunktionsparameter kommen. Bei solchen Patienten sei die Anamnese besonders wichtig und etwa die Frage nach einem möglichen ungeschützten sexuellen Kontakt. Dann könne den Betroffenen ein HIV-Test angeboten werden. Allerdings ist der HIV-Antikörper-Test zu diesem Zeitpunkt noch negativ. Nur mit einem Test, der das Virus direkt nachweist, kann zum Zeitpunkt der akuten HIV-Infektion die Diagnose sicher gestellt werden.

STICHWORT

Pneumocystis-carinii-Pneumonie

Die Pneumocystis-carinii-Pneumonie (PcP) gilt noch immer als häufigste opportunistische Infektion bei HIV-Infizierten. In den Anfangsjahren der HIV-Pandemie starben viele Patienten an den Folgen dieser interstitiellen Pneumonie. PcP-Erreger ist ein Schlauchpilz, der heute den Namen P. jiroveci trägt. Klinisch ist die PcP durch einen subakuten Verlauf mit langsam progredienter Dyspnoe und trockenem Husten gekennzeichnet. Therapie-Mittel der Wahl ist Co-trimoxazol. Alternative sind etwa Pentamidin und Trimethoprim / Dapson. (ple)

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