Ärzte Zeitung, 27.09.2009

Erste Erfolge mit einer HIV-Vakzine bieten Ansatzpunkte für neue Versuche

Die Ergebnisse der thailändischen Studie mit 16 000 Teilnehmern sind zwar nicht überwältigend gut. Aber sie sind immerhin ermutigend, nachdem Impfungen in früheren Studien die Infektionsraten sogar erhöht hatten.

Von Angela Speth

Erste Erfolge mit einer HIV-Vakzine bieten Ansatzpunkte für neue Versuche

Eine Ärztin impft in Bangkok/Thailand einen Probanden mit dem Impfstoff VaxGen gegen das HI-Virus.

Foto: dpa

Unter den Blinden ist der Einäugige König - dieses Sprichwort passt auf die Versuche, eine HIV-Impfung zu etablieren. Denn bisher gab es bloß Fehlschläge auf der ganzen Linie, in allen bisher beendeten Studien. Mehr noch: Der in der STEP-Studie getestete Impfstoff MRKAd5 HIV-1 des Unternehmens Merck (in Deutschland: MSD) hatte nicht nur in der Prävention einer HIV-Infektion versagt, sondern bei manchen Patienten eine Infektion mit dem Virus sogar gefördert. Jetzt wollten sich die Wissenschaftler wieder verstärkt der Grundlagenforschung zuwenden, gab Dr. Anthony Fauci im Jahr 2007 resigniert bekannt, prominenter US-Aids-Forscher am NIAID (National Institute of Allergy and Infectious Disease) in Bethesda.

Die Misserfolge liegen nicht nur daran, dass viele HIV-Strukturen sehr variabel sind und das Virus folglich kaum zu fassen ist. Sie sind auch dadurch bedingt, dass noch immer nicht genau verstanden ist, welche Immunmechanismen den Aids-Erreger eigentlich in Schach halten.

Kein Wunder, dass vor diesem düsteren Hintergrund die jetzt präsentierte RV-44 genannte Phase-III-Studie wie eine Erfolgsmeldung anmutet: Zum ersten Mal überhaupt hat sich ein Impfstoff als wirksam erwiesen.

An dieser Studie hatten genau 16 402 Freiwillige, Rekruten in Thailand, teilgenommen, vorwiegend heterosexuelle Männer und Frauen zwischen 18 und 30 Jahren mit durchschnittlichem Infektionsrisiko. Geimpft wurden sie seit Oktober 2003 mit der Kombination zweier Impfstoffe nach einem neuartigen Prime-Boost-Konzept: "Primer" war der Impfstoff Alvac® HIV des Unternehmens Sanofi Aventis Pasteur. Er enthält als Genfähre die abgeschwächte Form des Vogelvirus Canarypox, das in Menschen weder wachsen, noch Krankheiten auslösen kann. In den Vektor eingebaut sind veränderte Versionen der drei HIV-Gene env, gag und pro. Diese Vakzine bekamen die Teilnehmer viermal im Verlauf von sechs Monaten injiziert.

Bei den beiden letzten Injektionen erhielten die jungen Männer und Frauen zusätzlich einen verstärkenden "Booster": den Impfstoff Aidsvax® B/E. Vom Unternehmen Genentech entwickelt, exprimiert er das genetisch veränderte Oberflächenprotein gp120 des HI-Virus. Beide Präparate waren auf die in Südostasien am meisten verbreiteten Subtypen B und E des HI-Virus maßgeschneidert.

Und beide hatten in früheren Studien versagt. Alvac®-HIV war in Frankreich, Thailand, Uganda und den USA getestet worden, Aidsvax® bei Drogenkonsumenten in Thailand sowie homosexuellen Männern in Nordamerika und Europa. Wegen dieser Vorgeschichte ernteten die Leiter der thailändischen Studie denn auch von einigen Experten ein spöttisches Lächeln, als sie sich in den Kopf setzten, ihre Impfaktion dennoch zu starten.

Zwei Ziele peilten die Wissenschaftler mit ihrer 105-Millionen-Dollar-teuren Studie an, die das thailändische Gesundheitsministerium, das NIAID, die US-Army und die Hersteller der Impfstoffe als Partner unterstützten: Zum einen wollten sie nachweisen, dass die Immunisierung einer HIV-Infektion vorbeugt. Und zum anderen wollten sie erreichen: Wenn sich die Teilnehmer trotz Impfung schon mit dem Virus ansteckten, dann sollte wenigstens dessen Vermehrung im Blut gehemmt werden.

Die Erwartungen in die Prävention hat die Studie mit einer Verringerung der Infektionsrate um 31 Prozent zwar enttäuscht, aber zumindest nicht ganz zunichtegemacht. Die Hoffnung allerdings, dass auch die Infektion milder verliefe, weil Antikörper gegen HIV gebildet oder T-Killerzellen aktiviert würden, erfüllte sich nicht. Nicht die Spur einer immunologischen Schutzwirkung ließ sich feststellen.

Diese Diskrepanz zwischen den beiden Studienendpunkten ist ein Rätsel. Auch weitere wichtige Fragen werden noch lange unbeantwortet bleiben: Warum ist die Kombination beider Impfstoffe jetzt zum Teil erfolgreich, nachdem sie doch einzeln eine Pleite waren? Wie lange dauert die Immunität? Wie wirkt die Impfung bei Risikogruppen wie Homosexuellen und Drogenabhängigen? Genaueres versprechen sich Fachwelt und Öffentlichkeit von einer Vorstellung der Resultate am 20. Oktober bei einem Impfkongress in Paris.

Eins aber ist jetzt schon klar: Die Ergebnisse rechtfertigen nicht die Zulassung, sie wird von den Herstellern auch gar nicht angestrebt. Und erst recht bietet die Impfung keine Aussichten für Afrika, denn sie enthält keine Elemente des Virus-Subtyps C, der auf dem schwarzen Kontinent vorherrscht. Dort aber leben 22 Millionen Infizierte - zwei Drittel der Infizierten weltweit. Aber noch ist ja nicht aller Tage Abend: Derzeit werden in vielen Dutzenden von Studien noch weitere 30 Aids-Impfstoffe getestet.

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