Ärzte Zeitung, 12.03.2010
HIV-Therapie - Herausforderungen bleiben sehr groß
Die HIV-Therapie ist einer der größten Erfolge in der
Geschichte der Medizin - mittlerweile haben HIV-Patienten eine nahezu
normale Lebenserwartung.

HI-Virus, schematische Darstellung. ©
S. Kaulitzki / fotolia.com
Von Andrea Warpakowski
Die HIV-Therapie ist eine Erfolgsgeschichte.
Dennoch gibt es nach wie vor Grenzen wie anhaltende chronische
Entzündung, lebenslange gewissenhafte Einnahme der Medikamente,
Langzeitnebenwirkungen und trotz wirksamer Therapie keine Eradikation
des HI-Virus aus nicht zugänglichen Reservoiren. Die heutige
antiretrovirale Therapie sei wirksamer, weniger toxisch und einfacher
einzunehmen als die ersten Dreifachkombinationen der 90er Jahre,
bestätigte Professor Joseph Eron aus Chapel Hill in North Carolina bei
der Retroviruskonferenz in San Francisco. Es gibt nun mehr als 20
HIV-Medikamente für die initiale Therapie, nach Therapieversagen und
für intensiv vorbehandelte Patienten. Moderne initiale
Dreifachkombinationen können bei regelmäßiger Einnahme bei mindestens
drei Viertel der Patienten langfristig die Virusvermehrung hemmen und
die Viruskonzentration unter die Nachweisgrenze von 50 Kopien pro
Milliliter Blut senken.
Doch trotz der hohen Potenz der Medikamente kann das HIV nicht
aus dem Körper eliminiert werden. Auch das Immunsystem erholt sich bei
vielen Patienten nicht vollständig. Die auch unter einer
antiretroviralen Therapie anhaltende Immunaktivierung ruft eine
chronische Entzündung hervor. Als Beleg für eine chronische Entzündung
verwies Eron auf den Nachweis von Entzündungsmarkern wie hochsensitives
C-reaktives Protein, Interleukin-6, Amyloid A und B und D-Dimer. Wie
groß die Rolle der chronischen Entzündung bei den häufiger werdenden
nicht-Aids-definierenden Erkrankungen bei behandelten HIV-Infizierten
ist, kann Eron zufolge bisher nicht ausreichend erklärt werden. Dazu
gehören unter anderen kardiovaskuläre Erkrankungen, metabolisches
Syndrom, Krebs, Knochenfrakturen, Leber- und Nierenerkrankungen und
frühzeitiges Altern.
Zum einen werden die HIV-Patienten mit einer wirksamen
HIV-Therapie älter und entwickeln damit immer häufiger klassische
Risikofaktoren für diese Erkrankungen. Zum anderen kann auch die
antiretrovirale Therapie diese Erkrankungen hervorrufen oder
verstärken. Auch eine lange nicht behandelte HIV-Infektion trage zu
nicht-Aids-definierenden Erkrankungen bei, sagte Eron. Die geringsten
Sterberaten werden erreicht, wenn die HIV-Infizierten bei einem noch
relativ guten Immunstatus mit mindestens 350 CD4-Helferzellen pro
Mikroliter mit der Therapie beginnen.
Von einer Versorgung mit HIV-Medikamenten wie in den
Industrieländern sind die meisten ressourcenschwachen Länder noch weit
entfernt. Zur Zeit werden in diesen Ländern vier Millionen
HIV-Infizierte antiretroviral behandelt, davon 3,2 Millionen in Ländern
südlich der Sahara. Weitere sechs Millionen warten auf eine initiale
HIV-Therapie.
Dr. Peter Mugyenyi, Direktor des Joint Clinical Research
Centre in Kampala in Uganda, berichtete bei der Konferenz, dass
ressourcenschwache Länder häufig noch Medikamente einsetzen, mit denen
in Industrieländern HIV-Patienten kaum noch behandelt werden, diese
aber billig sind. Und der Verlauf der HIV-Therapie kann dort meistens
nur klinisch bestimmt werden, Laboruntersuchungen zur Bestimmung der
CD4-Zellzahl und der Virusmenge gibt es meist nicht. "Trotz all der
Schwierigkeiten nehmen selbst HIV-Patienten mit weit fortgeschrittener
Erkrankung lange Jahre erfolgreich die initiale Therapie ein, etwa die
Hälfte der Patienten sogar länger als zehn Jahre", betonte Mugyenyi.
Versagt die erste Therapie, gibt es für die nachfolgende Therapie so
gut wie keine Option. Eine individualisierte Zweittherapie wie in den
Industrieländern sei oft nicht möglich, und eine Dritttherapie gebe es
gar nicht.
Ob HIV aus dem Körper entfernt werden kann, prüft Professor
Johannes Bogner in München. Je 20 Patienten mit akuter und chronischer
HIV-Infektion erhalten bis zu sieben Jahre lang gleichzeitig fünf
HIV-Medikamente, die das Virus am Eintritt in die CD4-Zelle hindern,
den Einbau des viralen Erbgutes in das Genom der Zelle verhindern und
die HIV-Vermehrung in der Zelle hemmen. Die Chance, dass diese
intensive Therapie ruhende Viren binnen sieben Jahren aus den
Reservoiren eliminiert, liegt Bogner zufolge bei 50 zu 50: "Stellen wir
uns einmal vor, das wäre der Weg zur Heilung und wir hätten es nicht
einmal versucht."

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