Ärzte Zeitung, 15.07.2010

"Gesundheit und medizinische Versorgung sind Menschenrechte!"

Ab Sonntag treffen sich Experten, Ärzte und Aktivisten zur 18. Internationalen Aids-Konferenz in Wien. Einen besonderen Augenmerk wollen sie in diesem Jahr auf Menschenrechtsverletzungen und Diskriminierung HIV-Infizierter legen, betonte die Vizepräsidentin der Konferenz, Dr. Brigitte Schmied, im Interview mit der "Ärzte Zeitung".

"Gesundheit und medizinische Versorgung sind Menschenrechte!"

"30 bis 60 Prozent wissen nicht, dass sie HIV-infiziert sind." (Dr. Brigitte Schmied)

© privat

Ärzte Zeitung: Frau Dr. Schmied, es gibt Berichte, wonach die Heilung von Patienten mit HIV-Infektion in nächster Zukunft möglich erscheint. Für wie realistisch halten Sie das?

Dr. Brigitte Schmied: Nach dem derzeitigen Wissensstand halte ich das für nicht wahrscheinlich. Aber ich schließe Überraschungen nicht aus.

Ärzte Zeitung: Studien lassen vermuten, dass bei maximaler Virussuppression mit antiretroviralen Medikamenten ungeschützter Geschlechtsverkehr zwischen langjährigen Sexualpartnern möglich sei, ohne den Partner zu infizieren...

Schmied: Unter bestimmten Voraussetzungen! Dazu gehört, dass die Virusbelastung mindestens sechs Monate lang maximal supprimiert ist und keine weiteren sexuell übertragbaren Erkrankungen vorliegen.

Ärzte Zeitung: Haben HIV-infizierte Menschen heute bereits eine Lebenserwartung wie nicht infizierte?

Schmied: Alle sicher nicht. Nicht für alle Menschen weltweit steht die notwendige medizinische Versorgung zur Verfügung. In Österreich oder Deutschland hängt das unter anderem davon ab, inwieweit Resistenzen vorliegen und ob die Medikamente richtig eingenommen werden. Hinzu kommen verschiedene Koerkrankungen. Im Optimalfall kann eine durchschnittliche Lebensdauer erreicht werden. Im Einzelfall wird man das aber, wie bei anderen schweren Krankheiten auch, nicht vorhersagen können. In der heutigen Zeit hat die Lebensqualität auch einen sehr hohen Stellenwert und ist bei Therapieeinstellungen ein wichtiges Kriterium.

Dr. Brigitte Schmied

Aktuelle Position: Präsidentin der Österreichischen AIDS Gesellschaft, Vizepräsidentin der 18. Internationalen Aids-Konferenz 2010 in Wien, Leiterin der 2. Inneren Abteilung im Otto Wagner Spital in Wien.
Karriere: Die Lungenfachärztin befasst sich seit 1990 mit HIV-Infektionen und Aids. Seit 1994 leitet die Ärztin die Immunambulanz im Otto Wagner Spital in Wien und arbeitet seit 2000 im Vorstand der Österreichischen AIDS Gesellschaft, deren Präsidentin sie 2002 wurde. In dieser Funktion hat sie bereits zweimal den Deutsch-Österreichischen AIDS-Kongress mit ausgerichtet und organisiert. (ner)

Ärzte Zeitung: Nun gibt es nach wie vor relativ viele Neudiagnosen, in Deutschland mehr als 2800 pro Jahr. Warum hapert es in Europa noch bei der Prävention?

Schmied: Ob jemand Kondome benutzt oder nicht, etwas riskiert oder nicht ist oft eine spontane Entscheidung und nicht immer die richtige. Hinzu kommt, dass je nach Region 30 bis 60 Prozent der Betroffenen nicht wissen, dass sie HIV-infiziert sind. Wir sollten nicht vergessen, dass eine effiziente Therapie signifikant das Infektionsrisiko reduziert. Sie ist damit ebenfalls eine präventive Maßnahme. Wir müssen jungen Menschen unvermindert bewusst machen, dass die HIV-Infektion trotz guter Behandlungsoptionen eine große psychische Belastung ist und Benachteiligungen im Leben, Stigmatisierung und Diskriminierung zur Folge hat. Ich sehe selbst bei langjährigen Patienten, bei denen alles perfekt läuft, dass immer die Angst davor da ist, dass die Befunde diesmal schlecht aussehen. Gerade junge Menschen, die sich etwas aufbauen wollen, haben es sehr viel schwerer als Nichtinfizierte.

Ärzte Zeitung: Das Motto der Welt-Aids-Konferenz 2010: "Rechte hier und jetzt". Worauf soll damit aufmerksam gemacht werden?

Schmied: Ich bin nicht glücklich über diese womöglich missverständliche Übersetzung ins Deutsche. Es geht um Menschenrechte, Stigmatisierung und Diskriminierung HIV-infizierter Menschen, zumal wenn sich dies auf den Zugang zur medizinischen Behandlung auswirkt. Die Konferenz wird besonders auf Osteuropa und Zentralasien fokussieren, wo 57 Prozent der Patienten sich durch Drogenmissbrauch und über kontaminierte Nadeln und Spritzen angesteckt haben. Teilweise stehen dort Therapien in noch geringerem Ausmaß zur Verfügung als in Afrika oder Südamerika.

Es müssen dort verstärkt Risikoreduktionsstrategien implementiert werden wie Nadel- und Spritzentauschprogramme sowie Substitutionstherapien. Teilweise selektioniert man dort infizierte Menschen für den Zugang zu antiretroviralen Therapien. Das sind Menschenrechtsverletzungen. Gesundheit und medizinische Versorgung sind Menschenrechte! Die Wiener Erklärung im Vorfeld der diesjährigen Aids-Konferenz soll auf diese Problematik hinweisen und ist vor allem an die politischen Entscheider gerichtet.

Ärzte Zeitung: Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton wird in Wien sprechen. Welche Signale erwarten Sie von ihm und weiteren bekannten Persönlichkeiten, die bei der Konferenz auftreten werden?

Schmied: Bill Clinton hat mit seinem Engagement für HIV-infizierte und Aids-kranke Menschen schon sehr viel bewirkt. Eine starke Stimme zu haben, erhöht die Chance, etwas in Bewegung setzen zu können.

Das Gespräch führte Thomas Meißner.

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