Ärzte Zeitung, 08.04.2014

Kampf gegen Aids

Mit HIV-Selbsttest gegen die Ausbreitung

Die Zahl der HIV-Neuinfektionen pro Jahr ist in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern seit einiger Zeit mehr oder weniger unverändert niedrig. Doch auch 3000 Neuinfizierte sind zu viel. HIV-Heimtests sollen helfen, diese Zahl spürbar zu senken.

Von Peter Leiner

Mit HIV-Selbsttest gegen die Ausbreitung

Modell von HI-Viren: Mit einem Speicheltest lässt sich die Infektion abklären.

© psdesign1 / fotolia.com

Jedes Jahr stecken sich in Deutschland noch immer etwa 3000 Menschen neu mit dem Aids-Erreger HIV an. Das hat sich in den vergangenen Jahren nicht wesentlich geändert. "Jede einzelne Infektion ist eine zu viel", betont der HIV-Therapeut Dr. Hans Jäger aus München, Leiter der 15. Münchner Aids- und Hepatitis-Tage, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

"Wir müssen deshalb überlegen, wie wir außer den althergebrachten Verhaltensmaßnahmen, zum Beispiel der Anwendung von Kondomen, andere Möglichkeiten entwickeln, die einen stärkeren Schutz bieten und die Zahl der Neuinfektionen massiv reduzieren."

Erschwert wird dieses Gegensteuern durch die Tatsache, dass es immer noch viele Menschen in Deutschland gibt, die nicht wissen, dass sie mit HIV infiziert sind, oder erst so kurz infiziert sind, dass sie es noch gar nicht wissen können.

Wer sich erst vor Kurzem angesteckt hat, ist selbst besonders ansteckend, weil die Virusmenge im Körper sehr hoch ist.

Nach Angaben von Jäger liegt in Deutschland die Zahl der Infizierten, die nichts von ihrer Infektion wissen, - konservativ geschätzt - bei etwa 10.000. Insgesamt leben hier etwa 75.000 Menschen mit dem Virus.

Gute Erfahrungen mit Speicheltest

Eine Möglichkeit, die Zahl der Neuinfektionen zu senken, besteht darin, HIV-Infizierte früher als bisher zu entdecken. Unter anderem Hausärzte können viel dazu beitragen.

Leider kommt es jedoch nach den Erfahrungen von Jäger immer noch vor, dass Infizierte etwa aus einer Klinik ohne HIV-Diagnose entlassen werden, weil sich - bei geschwollenen Lymphknoten - der Verdacht auf eine bösartige Erkrankung nicht bestätigt hat und der Ursache des inzwischen verschwundenen Fiebers nicht weiter nachgegangen wurde.

Der HIV-Therapeut erinnert daran, dass bei einer HIV-Neuinfektion anfangs unspezifische Symptome wie Nachtschweiß auftreten, Fieber nach zwei Tagen wieder abklingt, nach einer Woche wieder auftritt, mal hoch und mal wieder niedrig sein kann. "Im Schnitt wird in Deutschland die Diagnose HIV-Infektion erst nach Konsultation von drei Ärzten gestellt."

Jäger zufolge wird die HIV-Infektion oft auch als Pfeiffersches Drüsenfieber verkannt, weil es eine ähnliche Symptomatik und EBV-Serologie hat. Die mögliche Folge der Fehldiagnose: Der Patient steckt Partnerin oder Partner mit dem Aids-Erreger an, weil er nicht wissen kann, dass er HIV-infiziert ist.

Selbsttest für zu Hause

Und hier bringt Jäger einen Aspekt ins Spiel, der bisher in Deutschland als Tabu gehandelt wurde: der Selbsttest auf HIV für zu Hause.

Jäger: "Wir brauchen in Deutschland viel stärker als bisher die Möglichkeit, dass sich die Patienten selbst testen, zum Beispiel mit einem Speicheltest, der inzwischen sehr gut entwickelt und in den USA längst zugelassen ist. Er wird in Europa voraussichtlich noch in diesem Jahr zugelassen."

Das ist ein radikaler Kursschwenk. "Weil wir gedacht hatten, dass es sich bei der HIV-Infektion um eine so schwierige Diagnose handelt, mit der Betroffene dann konfrontiert und alleine gelassen werden, waren wir bisher massiv dagegen", so Jäger. Jetzt nicht mehr.

Dazu beigetragen haben wohl die bisherigen guten Erfahrungen in den USA und die Tatsache, dass inzwischen auch in Deutschland einige potenziell Infizierte sich den Heimtest über das Internet besorgen, auch wenn er in Europa bisher noch nicht zugelassen ist.

Solche Patienten betreut auch Jäger in seiner HIV-Schwerpunktpraxis in München. Für ihn ist klar: Es müssen mehr Patienten die Gelegenheit bekommen, von ihrer Infektion zu erfahren.

Mit Selbsttest wird der Gang zum Arzt beschleunigt

Wer sich selbst auf HIV testet, will frühzeitig wissen, ob er infiziert ist, um rechtzeitig handeln zu können. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass bei positivem Ergebnis der Gang zum Arzt durch mehrere Aspekte beschleunigt wird.

Zunächst einmal, um das Ergebnis durch genauere Tests zu bestätigen. Nach einer Bestätigung wollen die Betroffenen die inzwischen gut verträgliche und einfache medikamentöse Therapie, um zu verhindern, dass ihr Immunsystem weiter zerstört wird.

"Zum anderen möchten sie, dass ihr Partner nicht gefährdet wird", weiß Jäger. Inzwischen ist nämlich klar: Wer seine Medikamente über längere Zeit konsequent einnimmt, ist auch nicht mehr ansteckend.

Allein auf einen Heimtest kann man aber natürlich nicht bauen, um die Zahl der Neuinfektionen zu drücken, das sieht auch Jäger so. Die traditionellen Angebote für Tests auf HIV müssten auch weiterhin bestehen bleiben. Außer Gesundheitsämtern, Hausarzt- und Schwerpunktpraxen seien es auch die Aids-Hilfen, die eine sehr wichtige Arbeit leisteten.

"Das ganze Instrumentarium soll ja erhalten bleiben, doch ich möchte, dass es erweitert wird, und zwar für die Menschen, die - aus welchen Gründen auch immer - nicht ins Gesundheitsamt oder in die anderen Einrichtungen gehen, um sich testen zu lassen", betont der Aids-Spezialist.

HIV-Infektion hat ihren Schrecken verloren

Jede einzelne Infektion mit dem Aids-Erreger ist eine Infektion zu viel. Deshalb muss jede Chance genutzt werden, um die Zahl der Neuinfektionen drastisch zu reduzieren.

Vielleicht gelingt es tatsächlich mit dadurch, dass mehr Menschen die Gelegenheit erhalten, sich im stillen Kämmerlein selbst zu testen, um rechtzeitig therapiert werden zu können. Die Zeichen sind günstig, wie die Erfahrungen nicht nur in den USA lehren.

"Wir können HIV-Infizierte behandeln wie Patienten mit Hypertonie oder Diabetes auch", so Jäger. Damit hat die Erkrankung ihren Schrecken aus den Anfangsjahren der Pandemie längst verloren. Wenn das endlich in die Köpfe aller geht, ist viel gewonnen.

Vor allem in die Köpfe jener, die sich wegen der leider noch herrschenden Stigmatisierung nicht wagen, sich bei einem Infektionsverdacht einem Arzt anzuvertrauen.

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