Ärzte Zeitung, 11.03.2016

Hoffnungsvolle Forschung

HIV-Infektion bald heilbar?

Bei der Behandlung von HIV-Patienten ist vieles in Bewegung - und neue Forschungsergebnisse wecken die Hoffnung auf Heilung. Ist der "Abschied von Aids" zeitnah möglich? Das zeigt sich an den Münchner Aids- und Hepatitis-Tagen, die von 11. bis 13. März stattfinden.

Von Beate Schumacher

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Forscher arbeiten mit Hochdruck an der Heilung von HIV-Infizierten

© jarun011 / fotolia.com

MÜNCHEN. Hoffnung auf "Heilung" und gar der "Abschied von Aids" wurden im Februar in den Medien verkündet. Anlass für die Schlagzeilen war eine Publikation von Forschern des Heinrich-Pette-Instituts Hamburg und der TU-Dresden (Nat Biotechnol 2016; online 22. Februar).

Die Wissenschaftler haben ein Enzym so verändert, dass es gezielt die provirale DNA der meisten HI-Viren aus der DNA der Wirtszelle herausschneiden kann.

In Zellkultur und in Mäusen ist das bereits gelungen, nun soll eine Studie mit HIV-Patienten folgen. Ist das der Durchbruch zur Heilung?

Dr. Hans Jäger aus München ist zurückhaltend: "Die Arbeiten sind ein weiterer wichtiger Mosaikstein. Aber selbst wenn alles gut geht, werden die ersten Patienten in zwei bis drei Jahren behandelt werden können."

Prinzipiell hält er das Genome Editing aber für eine Technik, die mit zunehmender Erfahrung in der breiten Masse der Patienten angewendet werden kann und irgendwann die medikamentöse Therapie ersetzen könnte.

Die Heilung von HIV-Patienten ist ein großes Thema bei den heute beginnenden Münchner Aids- und Hepatitis-Tagen, als deren Vater Jäger gilt.

Der HIV-Experte leitet ebenfalls eine Studie, die auf Viruseradikation zielt: In der New-Era-Studie werden Patienten seit sechs Jahren mit einer Fünffachtherapie behandelt, um Virusvermehrung und Infektion weiterer Zellen komplett zu unterdrücken.

Innerhalb des nächsten Jahres soll bei dem ersten Patienten ein Auslassversuch gemacht werden. Ein anderer Weg wurde im Fall des als geheilt geltenden "Berlin-Patienten" beschritten: Er erhielt wegen einer Leukämie Knochenmark von einem Spender, der sich aufgrund eines Gendefekts nicht mit HIV infizieren kann.

"Das ist kein Ansatz für die große Masse der Patienten, aber ein Lichtblick", so Jäger im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

START-Studie sorgte für Paradigmenwechsel

Ein Paradigmenwechsel hat sich auch in der medikamentösen Therapie der HIV-Infektion vollzogen. "Noch vor zwei Jahren war es so, dass wir Patienten in der Frühphase der Infektion, die nicht behandelt werden wollten, erst einmal kontrolliert haben", berichtet Jäger. Heute würden die meisten Patienten erwarten, sofort behandelt zu werden.

Die frühe Therapie, unabhängig von der Zahl der Helferzellen, wird seit 2015 auch von der WHO empfohlen. Grund für diesen Paradigmenwechsel war die vorzeitig beendete Studie START (N Engl J Med 2015; 373:795-807).

Durch einen Therapiebeginn noch während eines guten Immunstatus konnte die Wahrscheinlichkeit für Aids-assoziierte Komplikationen, nicht-Aids-assoziierte Komplikationen und Todesfälle um 57 Prozent verringert werden.

Ein weiterer, vor allem für Patienten wichtiger Vorteil ist, dass sie nach einigen Monaten nicht mehr infektiös sind. Zur hohen Akzeptanz der sofortigen Therapie hat laut Jäger auch die Entwicklung der Medikamente beigetragen: Die Patienten können heute mit nur ein bis zwei gut verträglichen Tabletten ohne Nebenwirkungen behandelt werden.

Voraussetzung für den Behandlungsbeginn bei weitgehend normalen CD4-Zellzahlen ist die frühzeitige Diagnose. Nach Jägers Erfahrung geht der Anteil der "Late Presenter" zurück. Trotzdem bemängelt er, dass den Hausärzten manchmal "der mentale Klick" fehle.

Vor allem bei homosexuellen Männern mit Verdacht auf ein Pfeiffersches Drüsenfieber sollte auch an HIV gedacht und gegebenenfalls ein Test angeboten werden. Derzeit leben in Deutschland 14.000 bis 15.000 Menschen mit unerkannter HIV-Infektion, das ist knapp jeder fünfte HIV-Infizierte.

Die Zahl der Neudiagnosen liegt relativ konstant bei ungefähr 3000 plus/minus 300 pro Jahr. Das ist erstaunlich, denn durch die erfolgreiche Therapie von HIV-Patienten - bei über 80 Prozent ist kein Virus mehr nachweisbar - wäre eigentlich ein Rückgang von Neuinfektionen zu erwarten.

Möglicherweise hat es damit zu tun, dass Patienten mit frischer und daher noch unbekannter Infektion besonders infektiös sind.

Hoffnung auf eine effektivere Prävention für Hochrisikopersonen bietet die orale Präexpositionsprophylaxe (PrEP). In den USA ist sie bereits zugelassen, in Deutschland noch nicht. "Die Zulassung macht aber nur Sinn, wenn die Erstattung geregelt ist", so Jäger.

Flüchtlinge: Keine Welle von HIV-Infektionen

Das Thema Flüchtlinge wird die Teilnehmer der Aids- und Hepatitis-Konferenz ebenfalls beschäftigen. Wie Jäger betont, besteht generell im Hinblick auf Infektionen keine Gefahr für die ansässige Bevölkerung. Insbesondere sei auch keine Welle von HIV-Infektionen zu befürchten.

In Syrien etwa sei die HIV-Prävalenz mit 0,1 Prozent ebenso niedrig wie in Deutschland. Das frühe Angebot eines HIV-Tests hält Jäger trotzdem für eine gute Sache. Die medizinische Versorgung von Asylbewerbern mit HIV funktioniert laut Jäger - in Großstädten wie München besser als in eher ländlichen Regionen; sprachliche Hürden und der "bürokratische Dschungel" würden sie allerdings aufwendiger machen.

Heilung lautet auch ein wichtiges Stichwort beim zweiten Tagungsschwerpunkt, der Hepatitis: Weit über 90 Prozent der Patienten mit Hepatitis C können heute in drei Monaten vollständig kuriert werden. Trotz Kritik an der Preisgestaltung konstatiert Jäger, dass der Therapieerfolg "aus ärztlicher Sicht ein Wunder ist".

Bei der HIV-Therapie steht ein solches Wunder noch aus - dank der neusten Entwicklungen scheint es aber in den Bereich des Möglichen gerückt.

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