Ärzte Zeitung, 28.11.2016

HIV-Indexpatient

Ende eines Mythos

Viele Jahre wurde behauptet, der kanadische Flugbegleiter Gaétan Dugas habe den Aids-Erreger in die USA eingeschleppt. Endlich räumt ein US-Evolutionsbiologe mit einem Mythos auf, der durch Nachlässigkeit, Geschäftssinn und Ruhmessucht entstanden ist.

Ein Leitartikel von Peter Leiner

Ende eines Mythos

"THE MAN WHO GAVE US AIDS": Gaétan Dugas wurde zum Sündenbock für die Aids-Epidemie erklärt.

© Syda Productions / fotolia.com

Patient Zero", also der Patient, der am Beginn der HIV-Epidemie in USA als mutmaßlicher Indexpatient steht, hatte einen Namen: Gaétan Dugas, ein frankokanadischer homosexueller Flugbegleiter, der angeblich den Aids-Erreger HIV nach USA und durch sein promiskuitives Verhalten andere in Gefahr gebracht hatte.

Diese Sichtweise wurde vor allem durch das bei St. Martin's Press erschienene Buch "And The Band Played On" des ebenfalls homosexuellen Journalisten Randy Shilts seit 1987 verbreitet, was in der Headline "THE MAN WHO GAVE US AIDS" in der "New York Post" im Oktober 1987 gipfelte.

Shilts begleitete die Epidemie journalistisch bereits seit 1982 und landete 1988 mit seinem Buch einen Bestseller. Dugas, der zunächst an einem Kaposi-Sarkom erkrankt war, starb 1984 an den Folgen von Aids. Und wurde von Shilts zum Sündenbock erklärt. Im besten Fall, weil der es nicht besser wusste.

Verwechslung: Buchstabe "O" mit der Ziffer "0"

Schon vor zwei Jahren hat der Historiker Dr. Richard A. McKay von der Universität von Cambridge in USA darauf aufmerksam gemacht, dass "Patient Zero" für Dugas nach Angaben von Dr. William W. Darrow von den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) nicht als Bezeichnung für den Indexpatienten der Aids-Epidemie in USA gedacht war (Bull. Hist. Med 2014; 88: 161).

"O" habe nicht für die Zahl gestanden, sondern für den Buchstaben "O" – für "Out(side) of California", also für eine Person, die nicht aus Kalifornien stammte. Darrow habe 2008 im Gespräch mit ihm gesagt, dass er nie behauptet habe, "Patient O" sei der erste Aids-Patient in den USA gewesen, der die Infektionskrankheit nach Amerika gebracht habe.

Gemeinsam unter anderem mit seinem CDC-Kollegen Dr. David M. Auerbach hatte Darrow 1984 ein Diagramm veröffentlicht, das die sexuellen Beziehungen von 40 Aids-Patienten untereinander – vor allem aus Los Angeles und New York – darstellte, mit "O" im Zentrum (Am J Med 1984; 76: 487).

Das hatten manche mit der Zahl "0" verwechselt, sich darüber aber keine weiteren Gedanken gemacht. Shilts hatte durch seine intensiven Recherchen herausgefunden, dass die mit "O" bezeichnete Person Dugas war.

Erreger aus den Jahren 1978 und 1979 sequenziert

Auch um endlich dem Mythos vom Indexpatienten Dugas ein Ende zu bereiten, hat sich glücklicherweise der Evolutionsbiologie Professor Michael Worobey von der Universität Arizona in Tuscon gemeinsam mit McKay und dem CDC-Veteranen Dr. Harold W. Jaffe daran gemacht, das im Serum von Dugas aus dem Jahr 1983 entdeckte HI-Virus gemeinsam mit den Viren aus mehr als 50 anderen Serumproben genauer unter die Lupe zu nehmen.

Das Erbgut und das von Viren aus dem Serum von sieben weiteren Patienten aus New York und San Francisco aus den Jahren 1978 und 1979 wurden fast komplett sequenziert. Sie gehören zur HIV-1-Gruppe M (Subtyp B) dem häufigsten Aids-Erreger in Amerika und Europa.

Neue Methode zur Erbgut-Analyse verwendet

Die Ergebnisse der genetischen und phylogenetischen Analysen hatte Worobey bereits während der CROI-Jahrestagung (Conference on Retroviral and Opportunistic Infections) Anfang des Jahres in Boston vorgestellt und jetzt – wie berichtet – publiziert (Nature 2016; online 26. Oktober).

Das genetische Material der Viren hat unter der langen Aufbewahrungsdauer sehr gelitten, wodurch in den Seren stark fragmentierte Erbgut-Sequenzen in nur äußerst geringen Mengen vorhanden waren.

Die moderne Gentechnikmethode des NGS (next generation sequencing) und das gängige PCR-Verfahren reichten Worobey und seinen Kollegen nicht aus, um das genetische Material so stark zu vermehren, dass eine Sequenzierung und damit letztlich ein Vergleich zwischen den HIV-Genomen zum Aufbau eines Stammbaums möglich waren.

Dr. Thomas D. Watts aus Worobeys Labor gelang es schließlich, eine Methode zu entwickeln, das er "RNA jackhammering" nennt, mit der sich passende Fragmente zu größeren Stücken zusammenfügen lassen, um sie dann mit der PCR zu vermehren.

HIV erreichte offenbar bereits 1971 die USA

Aufgrund der gewonnenen genetischen Daten und unter anderem mithilfe der HIV-Datenbank der Los Alamos National Laboratories, in denen auch HIV-Erbgutsequenzen aus der Karibik enthalten sind, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass HIV-1 etwa 1967 vom Epizentrum in Afrika – wahrscheinlich Léopoldville/Kinshasa im Kongo – ausgehend die Karibik erreichte.

Etwa 1971 sei das Virus nach New York City gelangt und von dort ungefähr 1976 nach San Francisco. Bei dem HI-Virus-Genom von "Patient O" habe es sich nicht um etwas Besonderes gehandelt, so Worobey in Boston.

Im jetzt konstruierten Stammbaum liege es mittendrin. 1978/79 habe bereits eine große genetische Diversität zwischen den schon existierenden Aids-Erregern bestanden, vor allem in New York. Damit fällt Dugas als Indexpatient raus.

Mehr als 30 Jahre nach seinem Tod ist Dugas damit rehabilitiert. Dass der Mythos überhaupt entstehen konnte, beruht auf Nachlässigkeit, Unwissenheit und einer gehörigen Portion Geschäftssinn und Ruhmessucht.

Bitter, dass erst eine gemeinsame Kraftanstrengung von Historikern, Gesundheitsforschern und nicht zuletzt Gentechnikern und Epidemiologen benötigt wurde, um dem Mythos ein Ende zu bereiten.

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