Ärzte Zeitung, 23.06.2004

Viel mehr Pneumonien durch Legionellen als bisher gedacht

Pro Jahr 30 000 Infizierte / Schneller Urintest schafft Diagnosesicherheit

MAGDEBURG (ple). Potentiell tödliche Pneumonien durch Legionellen sind in Deutschland viel häufiger als vermutet. Jährlich erkranken mindesten 30 000 Menschen daran, etwa zehn Prozent sterben an den Folgen der Infektion. Ein Urin-Schnelltest hilft bei der Entscheidung für das richtige Antibiotikum.

Selbst beim Duschen ist eine Infektion mit Legionellen durch Einatmen von Wasserdampf möglich. Foto: dpa

Pro Jahr haben etwa 30 000 Pneumonie-Kranke eine Legionellose. Das sind mindestens dreimal mehr als bisher angenommen worden ist. Die neuen Schätzungen beruhen auf Daten des Kompetenznetzes "Ambulant erworbene Pneumonien". Wie Professor Tobias Welte vom Uni-Klinikum in Magdeburg im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" sagte, werden von den 500 000 Pneumonien im Jahr etwa sechs Prozent durch Legionella pneumophila verursacht.

Ohne Hilfsmittel sind Legionellosen schwer zu erkennen. Jeder zweite der meist älteren Patienten über 65 Jahre ist fieberfrei. Husten, Auswurf und Luftnot müßten bei fieberfreien Patienten an Pneumonie denken lassen. Bei schweren Verlaufsformen einer Pneumonie und Verdacht auf eine Legionellose, etwa nach einer Südeuropa-Reise, empfiehlt der Infektiologe einen Urintest. Mit dem Test, dessen Ergebnis in 15 Minuten vorliegt, wird im Urin ein Antigen des Serotyps 1 von Legionella pneumophila nachgewiesen.

Bestätigt sich eine Legionellose, ist eine mindestens dreiwöchige Antibiotikatherapie angezeigt. "Alle modernen Makrolid- und Chinolonpräparate sind Legionellen-wirksam", sagt Welte, "Penicillin nicht."

Nach Analyse der ersten Daten des Kompetenznetzes haben sich übrigens drei Parameter herauskristallisiert, bei denen eine stationäre Betreuung diskutiert werden sollte: Auffällig niedriger Blutdruck, Atemfrequenz über 30/Minute und neu aufgetretene Verwirrtheit.

STICHWORT

Legionella pneumophila

Legionellen sind Bakterien, die im Süßwasser vorkommen. Zum Leben brauchen sie eine Wassertemperatur von 23 bis 55 Grad Celsius. In Kaltwasser-Leitungen sollte es deshalb auch im Sommer nicht über 20 °C warm werden. In Warmwassersystemen sollte das heiße Wasser nicht unter 55 °C abkühlen. Wenn Wasserleitungen und Boiler regelmäßig durchgespült werden, ist die Gefahr geringer, daß sich ein Bakterienbelag bildet.

Infizieren kann man sich überall, wo man belastete Wassertröpfchen einatmet, etwa beim Duschen, in Whirlpools, durch Klimaanlagen, beim Autowaschen oder an Springbrunnen. Dann können die Bakterien eine schwere Lungenentzündung auslösen, die Legionärskrankheit. Mit Legionellen belastetes Wasser zu trinken, ist dagegen ungefährlich.

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Mehr Pneumonien unter Benzodiazepinen

Benzodiazepine sind bei Patienten, die an Morbus Alzheimer leiden, mit einer Häufung von Lungenentzündungen assoziiert. Für Z-Substanzen gilt das womöglich nicht. mehr »

Psychotherapie bei Borderline nur mäßig erfolgreich

Spezifische Psychotherapien sind bei Borderline-Patienten unterm Strich zwar wirksamer als unspezifische Behandlungen: Allerdings fällt die Bilanz in kontrollierten Studien eher mager aus. mehr »

KBV legt acht Punkte für eine Reformagenda vor

Rechtzeitig vor dem Bundestagswahlkampf und dem Start in eine neue Legislaturperiode hat die KBV ein Programm für eine moderne Gesundheitsversorgung vorgelegt. Was steht drin? mehr »