Ärzte Zeitung, 17.09.2004

Invasive Pilzinfektionen bleiben oft zu lange unerkannt

Aktuelle Autopsiestudie deckt eine sehr hohe Dunkelziffer auf / Heute werden häufiger Aspergillus-Arten als Candida-Spezies nachgewiesen

HAMBURG (kas). Die Gefährlichkeit invasiver Mykosen wird noch immer unterschätzt. Dies belegt eine aktuelle Autopsiestudie von Privatdozent Stefan Koch aus Bad Saarow, die der Pathologe bei einer Veranstaltung in Hamburg selbst vorgestellt hat. Und: Oft werden Mykosen nicht rechtzeitig erkannt.

Sporenköpfe von Aspergillus fumigatus. Der Pilz kann eine Aspergillose - meist mit Lungenbefall - auslösen. Foto: Pfizer

Aus den Jahren 1973 bis 2001 sind insgesamt 4813 Autopsien am HUMAINE Klinikum Bad Saarow auf systemische Mykosen hin untersucht worden, wie Koch bei der von Pfizer unterstützten Veranstaltung zur 38. Wissenschaftlichen Tagung der Deutschsprachigen Mykologischen Gesellschaft (DMykG) berichtet hat. Dabei war selbst nach 1992 - also nach der Wiedervereinigung Deutschlands - die Autopsierate in Bad Saarow mit 28 Prozent noch viel höher als im Bundesdurchschnitt.

Es sei aufgefallen, daß seit Studienbeginn nicht nur die Mykose-Inzidenz bei Patienten, die später obduziert wurden, auf das 2,5fache gestiegen war, sondern auch, daß sich das Erreger-Spektrum gewandelt habe, so Koch. Bis 1980 habe es nur Candida-Infektionen gegeben, ab 1992 seien in erster Linie Schimmelpilze (Aspergillus-Arten) nachgewiesen worden.

Insgesamt ist von einer Mykose-Inzidenz im gesamten Zeitraum der Studie von einem Prozent auszugehen, zwischen 1992 und 2001 dagegen war die Inzidenz mit fast zwei Prozent doppelt so hoch.

Bedenklich sei: Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen war die Mykose die direkte Todesursache, aber nur bei sechs Prozent dieser Patienten wurde sie zu Lebzeiten diagnostiziert, so Koch. Hochgerechnet auf Deutschland gibt es somit jährlich einige tausend Patienten mit nicht erkannten, letalen Mykosen.

Daß lebensbedrohliche System-Mykosen auch bei uns nicht nur Immungeschwächte betreffen, belegt eine vom DMykG-Vorsitzenden, Professor Herbert Hof aus Mannheim als Beispiel geschilderte Kasuistik. Bei einem 60jährigen, bisher gesunden Weltenbummler, der sich mit Husten und Hautausschlag vorstellte, wurde wegen disseminierter Granulome an Haut und Lunge eine Tuberkulose vermutet.

Als der Zustand des Patienten sich trotz Tbc-Behandlung verschlechterte, wurde nur die Medikation verändert, aber nicht an andere Erreger gedacht. Die richtige Diagnose stellte erst der Pathologe: Coccidioides imitis, ein Pilz, der in Kalifornien häufig, bei uns aber sehr selten ist. Dabei hätte der Erreger einfach nachgewiesen werden können, und eine einwöchige Therapie etwa mit dem Triazol-Antimykotikum Voriconazol (Vfend®) hätte den Patienten vermutlich gerettet, so Hof.

Mykologische Stiftung

Anfang 2004 hat sich die Stiftung der Deutschsprachigen Mykologischen Gesellschaft (DMykG e.V.) konstituiert. Ihr Ziel sei es, so Stiftungspräsident Dr. Jürgen Bufler aus Karlsruhe, die Forschung zu Mykologie in Deutschland voranzubringen und die hohe Dunkelziffer von Toden durch unerkannte Mykosen zu senken. Mit Stipendien und Forschungspreisen zur Pilz-Diagnostik und Therapie will man den Fachbereich Mykologie attraktiver machen. Mehr Infos: www.dmykg.de (kas)

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