Ärzte Zeitung, 29.09.2005

Enzephalitis durch Masern häufiger als gedacht

Kinder- und Jugendärzte warnen vor Spätkomplikation / Neue Erkrankungen mit sklerosierender Panenzephalitis

MÜNCHEN (ddp.vwd). Ein zehnjähriges Mädchen aus dem Saarland und ein elfjähriger Junge aus Baden-Württemberg sind an der tödlich verlaufenden Gehirnentzündung SSPE (Subakute sklerosierende Panenzephalitis) erkrankt, einer Spätkomplikation einer Maserninfektion.

Eine rechtzeitige Impfung von Kindern ist die einzige Möglichkeit, eine Panenzephalitis durch Masernviren zu verhindern. Ist die Gehirnentzündung einmal ausgebrochen, verläuft sie tödlich. Foto: dpa

Wie der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) mitteilt, haben sich beide Kinder als Säuglinge im Alter zwischen vier und sechs Monaten mit dem Masernvirus angesteckt. Bei dem Jungen aus der Nähe von Stuttgart seien noch keine starken Symptome aufgetreten, die Krankheit bei dem Mädchen aus Homburg/Saar sei dagegen bereits weit fortgeschritten.

SSPE ist eine progredient verlaufende Enzephalitis. Sie kann Monate bis zehn Jahre nach einer Maserninfektion auftreten. Wird eine SSPE diagnostiziert, leben die Betroffenen im Schnitt noch ein bis drei Jahre.

Ausgelöst wird die Krankheit durch Masernviren, die nach einer Infektion in das Gehirn der Betroffenen eindringen und dort Nervenzellen zerstören. "Wir wissen nicht, weshalb bei manchen Menschen diese Erkrankung ausbricht und bei anderen nicht. Jungen scheinen häufiger betroffen zu sein als Mädchen", so der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut (RKI), Professor Heinz-Josef Schmitt. Der Mainzer Infektiologe fügte hinzu: "Eine Therapie gegen die SSPE gibt es leider nicht."

Nach Angaben von Benedikt Weißbrich vom Institut für Virologie und Immunbiologie der Universität Würzburg wird in Lehrbüchern die Häufigkeit von SSPE mit etwa ein bis fünf SSPE-Erkrankungen auf eine Million Masern-Erkrankungen angegeben.

"Wir haben in der Vergangenheit zwischen vier und zehn SSPE-Erkrankungen pro Jahr festgestellt - insgesamt über 120 Erkrankungen seit 1988", so Weißbrich. Bezogen auf die Zahl der Maserninfektionen in Deutschland bedeute dies, daß SSPE in Deutschland möglicherweise deutlich häufiger vorkomme als bisher angenommen.

Eine Erklärung für die Unterschätzung des SSPE-Risikos könnte sein, daß diese chronische Form der Masern-Gehirnentzündung nicht an das RKI in Berlin gemeldet werde, sagte Weißbrich. Daher fehlten verläßliche Angaben über die Zahl der tatsächlichen Erkrankungen. SSPE-Erkrankungen treten im Durchschnitt erst sieben Jahre nach einer Erkrankung auf.

"Je jünger Kinder bei einer Maserninfektion sind, desto höher ist das Risiko, später an einer SSPE zu erkranken. Bei Kindern unter einem Jahr kann das Risiko bei 1 zu 5000 liegen", zitierte Schmitt die Ergebnisse einer britischen Untersuchung. Ansteckend sei die Krankheit nicht.

Die STIKO wiederholte ihren Appell, Kinder gegen Masern zu impfen. Dies sei der einzige Schutz gegen solche Erkrankungen. Für das Ziel der WHO, die Masern bis 2010 in Deutschland zu eliminieren, müßten Impfquoten für die erste und die zweite MMR-Impfung von über 90 Prozent erreicht werden, sagte Schmitt.

Nach Angaben des RKI liegen die Quoten für die zweite Impfung in den alten Bundesländern bei etwa 50 Prozent und in Ostdeutschland bei mehr als 60 Prozent.

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