Ärzte Zeitung, 18.11.2005

Schnelltests machen das Labor nicht überflüssig

Sensitivität oft überschätzt

DÜSSELDORF (gvg). Schnelltests auf Bakterien sind praktisch für die Arztpraxis. Doch Vorsicht: Negative Tests sollten keinesfalls überinterpretiert werden.

"Die meisten Hersteller von mikrobiologischen Schnelltests geben für ihre Tests Sensitivitäten von über 90 und Spezifitäten von nahe 100 Prozent an", sagte Dr. Ralf Englert aus Freiburg auf einer Veranstaltung zu Schnelltests auf dem Medica-Kongreß in Düsseldorf. Gerade die hohe Sensitivität könne Ärzte aber bei einem negativen Testergebnis in falscher Sicherheit wiegen.

Der Grund: Die genannten Zahlen beziehen sich in der Regel auf die bisherigen labormedizinischen Standardverfahren, die selbst nicht hundertprozentig sensitiv sind. Ein Beispiel ist der Scharlach-Schnelltests, so Englert.

Die Sensitivität wird dabei meist mit 90 Prozent angegeben - bezogen auf mikrobiologische und immunologische Standardverfahren. Bezogen auf die wesentlich sensitivere Polymerase-Kettenreaktion (PCR) liegt die Sensitivität der Schnelltests jedoch nur bei 55 Prozent.

Schnelltests sagen nichts über Antibiotika-Resistenzen aus

Mit anderen Worten: Auf einen positiven Scharlach-Schnelltest können sich Ärzte zu fast 100 Prozent verlassen. Ein negativer Test dagegen hilft ihnen wenig: Die Möglichkeit einer Scharlachinfektion bleibt bestehen. Weiterhelfen kann in einem solchen Fall eine nachgeschobene Laboruntersuchung. Die Voraussetzung dafür ist, daß das Labor einen entsprechend hochsensitiven PCR-Test anbietet. Das ist aber nur selten der Fall.

Den wachsenden Trend zur mikrobiologischen Schnelldiagnostik sieht Englert auch aus einem anderen Grund kritisch: "Die üblichen Schnelltests sagen uns nichts über Antibiotika-Resistenzen". Damit fehlt unter Umständen nicht nur eine wichtige Information über die möglichen Therapieoptionen. Auch epidemiologische Verschiebungen in Richtung resistenter Bakterienstämme fallen nicht mehr oder später auf.

Für ein gutes Beispiel hält Englert den steilen Anstieg bei der Häufigkeit chinolonresistenter Escherichia coli in den letzten Jahren: Kämen bei Harnwegsinfekten nur Schnelltests zum Einsatz, wäre das möglicherweise nicht so rasch aufgefallen.

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