Ärzte Zeitung, 28.06.2006

HINTERGRUND

Renaissance der Syphilis - in Ballungsgebieten infizieren sich wieder mehr Menschen mit Treponemen

Von Peter Leiner

Syphilis-Erreger Treponema pallidum im Lichtmikroskop. Charakteristisch: mit sechs bis 14 Windungen ist er deutlich mehr verdrillt als apathogene Treponemen. Foto: dpa.

Noch vor einem halben Jahrhundert hatte man auch in Deutschland geglaubt, durch die kausale Therapie mit Penicillin Syphilis besiegen zu können. Tatsächlich sank zunächst die Zahl der Menschen, die sich neu mit dem Erreger Treponema pallidum angesteckt hatten, bis Ende der 70er Jahre deutlich. Doch dann wandte sich das Blatt. Seit Ende der 90er Jahre steigt die Zahl der Infizierten in Deutschland wieder, und zwar auf inzwischen 2,8 infizierte Frauen und Männer pro 100 000 Einwohner.

Auslöser der Syphilis (Lues) ist die spiralig gewundene Spirochäte Treponema pallidum, die in der Regel durch Geschlechtsverkehr übertragen wird. Vor allem homosexuelle Männer in Ballungsräumen wie Hamburg, Frankfurt am Main, Köln und Berlin waren - und sind - von der Infektionskrankheit betroffen. Die meisten erkranken im 3. und im 4. Lebensjahrzehnt.

Syphilis immer häufiger auch bei Heterosexuellen

Zu einer Häufung von Syphilis-Erkrankungen bei Heterosexuellen ist es in den letzten Jahren in mehreren Regionen Deutschlands gekommen, etwa in Sachsen 2005 und nun im Großraum Aachen im ersten Halbjahr 2006. So haben im ersten Quartal 2005 Ärzte in Sachsen 145 Syphilis-Neuerkrankungen gemeldet. In diesem Jahr wurde dort die Diagnose von Januar bis März bereits bei 189 Patienten gestellt. Das entspricht einem Zuwachs von etwa 30 Prozent.

Der bundesweit größte Syphilisausbruch bei Heterosexuellen seit 20 Jahren im Großraum Aachen hält offenbar immer noch an, wie das RKI mitteilt. Die Gesundheitsbehörden haben dort eine Häufung der Infektionskrankheit bei Frauen registriert (Epidemiologisches Bulletin 21, 2006, 161). Die Rate der Neuerkrankungen liegt bei ihnen mit 19 pro 100 000 fast 24 Mal so hoch wie im Bundesdurchschnitt (0,8 Fälle pro 100 000 Frauen).

Von der Infektionskrankheit im Aachener Gebiet besonders stark betroffen sind nach Angaben des RKI drogenabhängige Frauen, die im Bereich der Prostitution arbeiten. Sie könnten sich gegen Freier, die ungeschützten Verkehr wünschten, oft schlechter durchsetzen als professionell arbeitende und nicht drogenabhängige Prostituierte.

Infektionsrisiken ergeben sich nicht nur beim Sex, sondern auch über die gemeinsame Nutzung von Injektionsbesteck beim Drogenkonsum. Werden Spirochäten über infiziertes Injektionsbesteck beim Drogengebrauch übertragen, kommt es nach Angaben des RKI zu untypischen Erkrankungsverläufen, das Primärstadium wird übersprungen. Weil die Symptomatik vieldeutig sei, werde Syphilis oft gar nicht erkannt.

Gewöhnlich ist ja das erste Zeichen der Infektion - üblicherweise am Geschlechtsorgan - ein dunkelroter Fleck oder ein Knötchen, das rasch in eine Erosion übergeht. Ausdehnung und Tiefe dieses Primäraffekts nehmen allmählich zu, nach ein bis zwei Wochen hat er sein typisches Aussehen. Es ist ein scharf begrenztes, flaches Geschwür mit gelblich belegtem Grund und derbem, nicht unterminiertem Randwall. Später kommt es aufgrund eines massiven zellulären Infiltrates zu einem indurativen Ödem - deshalb auch die Bezeichnung "harter Schanker".

In der Regel breiten sich nach Abheilen des Primäraffekts die Erreger über das Blut im Körper aus. Das Intervall zwischen Primäraffekt und sekundären Symptomen - vier bis zehn Wochen nach einer Infektion - wird auch als zweite Inkubationsperiode bezeichnet. Fast alle Organsysteme sind im zweiten Stadium betroffen.

HIV-Infizierte sollten auch auf Syphilis untersucht werden

Syphilis, die wie die Infektion mit dem Aids-Erreger der nichtnamentlichen Meldepflicht unterliegt, tritt immer häufiger auch gemeinsam mit einer HIV-Infektion auf. Inzwischen wird etwa bei 15 Prozent der Syphilis-Kranken eine HIV-Infektion neu diagnostiziert. Fast 80 Prozent der HIV-Infizierten haben Syphilis-Antikörper.

Weil die Therapie bei HIV-Infizierten inzwischen so erfolgreich geworden ist, hat sich das Verhalten der Infizierten verändert. Sie schützen sich seltener als zu Beginn der HIV-Pandemie, wodurch das Risiko, sich mit anderen Erregern - auch dem Syphilis-Erreger - anzustecken, steigt. Dermatologen wie Professor Norbert Brockmeyer aus Bochum empfehlen daher, jeden Syphilis-Kranken auf HIV zu testen und jeden HIV-Infizierten in regelmäßigen Abständen auf Syphilis.

STICHWORT

Diagnostik

Meist erfolgt die Diagnostik serologisch. Grundsätzlich solle ein Test auf ein unspezifisches Antigen, etwa Cardiolipin-Cholesterin-Lecithin-Antigen, mit einem Test auf einen gegen Treponemen gerichtete Antikörper kombiniert werden, so das Robert-Koch-Institut in Berlin.

Therapie

Treponema pallidum ist immer noch gegen Penicilline empfindlich, Resistenzen sind nicht bekannt. Nur bei Penicillin-Allergie ist zur Therapie ein Ausweichen auf andere Antibiotika wie Tetrazykline, Makrolide und Cephalosporine erforderlich, wie es in den deutschen Leitlinien heißt. Wenn es durch den Zerfall der Erreger während der Therapie zu toxischen Reaktionen wie Schüttelfrost, Fieber und Kopfschmerzen kommt - zur Jarisch-Herxheimer-Reaktion -, ist eine Kortisontherapie indiziert. Nach einer Therapie ist eine Neuinfektion mit dem Erreger möglich

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