Ärzte Zeitung, 02.11.2006

HINTERGRUND

Immer mehr Ausbrüche mit Marburg-Viren - woher der Erreger kommt, ist aber weiterhin unklar

Von Nicola Siegmund-Schultze

Ein Häkchen in der elektronenmikroskopischen Aufnahme: das Marburg-Virus. Foto: Professor Peters, Tropeninstitut Hamburg

Infektionen mit Marburg-Viren galten bis vor kurzem als äußerst exotisch, weil sie selten waren und nur wenige Menschen betrafen. Das Virus machte seit seiner Identifizierung im Jahr 1967 durch den Marburger Virologen Professor Werner Slenczka mehr Furore als potentielle biologische Waffe denn als Pathogen, das Menschen auf natürliche Weise gefährlich werden kann. Das hat sich geändert.

Bei zwei Ausbrüchen betrug die Letalität über 80 Prozent

Ende der Neunziger Jahre kam es im Kongo erstmals zu einem größeren Ausbruch. 128 Menschen starben - das waren 83 Prozent der Erkrankten. Noch mehr Opfer forderte ein Ausbruch in Angola zwischen Oktober 2004 und dem Frühjahr 2005: 388 Menschen erkrankten, 324 davon starben. Wieder lag die Letalität bei 83 Prozent und damit weit höher als zur Zeit der Entdeckung des Virus. Damals hatten sich 31 Personen in Marburg, Frankfurt und Belgrad an importierten Labor-Affen angesteckt, sieben starben.

"Eine weitere Verbreitung des Virus wird von Wissenschaftlern für wahrscheinlich gehalten", heißt es in einer Information des Robert-Koch-Institutes zu Marburg-Viren. Die Größe der beiden letzten Ausbrüche und die hohe Letalität haben die Forscher aufgeschreckt. Seither versuchen sie intensiv, dem Virusreservoir in der Natur und den Übertragungswegen auf die Spur zu kommen, um der Bevölkerung in den betroffenen Regionen bessere Empfehlungen für ihren Schutz geben zu können. Auch eine Impfung für Menschen nach Virus-Kontakt ist in Entwicklung, denn häufig infizieren sich auch Pflegekräfte oder Ärzte.

Ein tragisches Beispiel dafür ist Dr. Innocent Katenga Bonzali, Amtsarzt in der Region Watsa im Nordosten der Republik Kongo. Er hat die neuen Untersuchungen zu Marburg-Viren ins Rollen gebracht, die vor kurzem mit Hilfe der US-Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta beendet worden sind (New England Journal of Medicine 2006, 355, 909).

Die Zahl der Kranken stieg von Monat zu Monat

Bonzali hatte bereits im Oktober 1998 Alarm geschlagen, als zwei junge Männer aus der 15 Kilometer von Watsa entfernten Goldgräberstadt Durba plötzlich an einem hämorrhagischen Fieber starben. Die Zahl der Kranken stieg rasch von Monat zu Monat. Allein im Januar 1999 meldete Bonzali 21 neue Fälle. Vergeblich suchte er Hilfe auch bei internationalen Infektionsexperten. Wegen des Bürgerkriegs im Kongo - die Region war von Soldaten aus Uganda und Rebellen aus dem Kongo besetzt - konnten keine Infektiologen in die betroffene Region reisen.

Erst als Bonzali selbst am 23. April 1999 am hämorrhagischen Fieber starb, durfte ein Infektiologen-Team einreisen.

Die Ursache wurde rasch geklärt

Die Ursache der Epidemie war rasch geklärt. Am 6. Mai 1999 kam vom National Institute for Communicable Diseases in Johannesburg die Nachricht, in den nach Südafrika geschickten Gewebeproben seien Marburg-Viren nachgewiesen worden. Ein Team aus 30 Experten aus verschiedenen Ländern machte sich darauf an die Aufklärung des Ausbruchs.

Die Forscher fanden heraus, daß 52 Prozent der Infizierten junge Männer waren, die Gold in der Mine Goroumbwa schürften. Es gab offenbar mehrere, voneinander unabhängige Primärinfektionen, denn es wurden neun genetisch verschiedene Virus-Linien isoliert. Innerhalb einer Gruppe von Personen, die sich bei einem primär infizierten Patienten angesteckt hatten, fanden sich stets dieselben Isolate. Erst als die Goldmine Goroumbwa wegen Versagens von Wasserpumpen ab August 2000 Menschen nicht mehr zugänglich war, traten keine Neuinfektionen mehr auf.

Größere Wirbeltiere, die die Krankheit übertragen könnten, gibt es in der Umgebung nicht, so das Forscherteam. Es hat pflanzenfressende oder räuberisch lebende Fledermäuse im Verdacht, zumal sich von diesen Tieren größere Kotmengen um die Mine herum fanden. Aber isolieren konnten die Wissenschaftler das Marburg-Virus aus den am Ort lebenden Tieren nicht. In experimentell infizierten Fledermäusen vermehrt sich das Virus allerdings, ohne aber Symptome bei den Tieren auszulösen. Die Forscher vermuten, daß das Marburg-Virus sich noch nicht gut an Primaten angepaßt hat, weil es sie rasch tötet. Damit wird die eigenen Verbreitung der Viren limitiert.

Ein Impfstoff wurde erfolgreich im Tierversuch getestet

Bislang gibt es gegen Infektionen mit dem Marburg-Virus keine spezifische antivirale Therapie. Aber vor wenigen Monaten hat eine Gruppe kanadischer und US-amerikanischer Forscher erfolgreich einen Impfstoff im Tierversuch getestet, der für eine Immunisierung nach Virus-Exposition weiterentwickelt werden soll ("The Lancet" 367, 2006, 1399).

Die neuentwickelte Vakzine besteht aus einem apathogenen, viralen Vektor, der das Gen für ein Marburg-Virus-Glykoprotein transportiert. Fünf Makaken als Versuchstiere, die den rekombinanten Impfstoff erhielten, überlebten eine anschließende Virusinfektion. Drei ungeschützte Tiere, die als Kontrollen dienten, starben.

STICHWORT

Marburg-Virus-Infektion

Vorkommen: Zentralafrika

Erreger: Einzelstrang-RNA-Virus aus der Familie der Filoviridae, das sind fadenförmige oder U-förmig gebogene Erreger.

Natürlicher Wirt: unbekannt

Übertragung: Primärinfektionswege sind unbekannt. Von Mensch zu Mensch wird das Virus über direkten Kontakt mit infizierten Körperflüssigkeiten, vor allem Blut,
übertragen.

Inkubationszeit: etwa sieben Tage.

Verlauf: Zu Beginn haben die Patienten oft Schüttelfrost, Muskelschmerzen, ein allgemeines Krankheitsgefühl, Schmerzen im Abdomen und Fieber. Später kommt es zu Hämorrhagien etwa in den Augenlidern oder im Gaumen, in inneren Organen und im ZNS. Schließlich kommt es zu schwersten inneren Blutungen und Schocksyndromen.

Letalität: 25 bis über 80 Prozent der Erkrankten.

Therapie: nur symptomatisch

Prophylaxe: Impfstoff in der Entwicklung. (nsi/mut)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Werden europäische Männer immer unfruchtbarer?

Männern haben immer weniger Spermien. Direkte Rückschlüsse auf Fruchtbarkeit erlaubt das nicht – es könnte aber nur die Spitze eines Eisbergs gesundheitlicher Probleme sein. mehr »

Psychotherapie soll künftig Unifach werden

Ein einheitliches Berufsbild, Studium an der Uni. Die Psychotherapeutenausbildung steht vor umwälzenden Veränderungen. Kritiker vermissen beim Entwurf aber Konkretes zum Thema Weiterbildung. mehr »

Ist die menschliche Entwicklung am Ende?

Über Hunderttausende von Jahren ist der Mensch zu dem geworden, was er heute ist. Und nun? Ein Grimme-Preisträger fragt sich, ob Unsterblichkeit erstrebenswert ist und wohin uns die Evolution führen wird - oder kann der Mensch sie austricksen? mehr »