INTERVIEW

Infektionen mit Fuchsbandwurm durch Waldbeeren? Gesicherte Daten gibt es nicht!

Sind im Wald die Heidelbeeren reif, werden Verbraucher vor deren Verzehr gewarnt. Der Grund: An den Früchten könnten Eier des Fuchsbandwurms haften. Wissenschaftliche Belege für diesen Infektionsweg gibt es jedoch nicht, sagt Dr. Beate Grüner im Gespräch mit Sabine Stürmer von der "Ärzte Zeitung".

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Wird bis zu 4 mm lang: der kleine Fuchsbandwurm.

Wird bis zu 4 mm lang: der kleine Fuchsbandwurm.

© Foto: Uni Bern

Ärzte Zeitung: Naschen Sie Heidelbeeren im Wald oder Erdbeeren vom Feld?

Dr. Beate Grüner: Ja, aber selten. In den süddeutschen Risikogebieten rate ich, heimische Waldfrüchte oder Obst aus Bodennähe gründlich zu waschen. Ansonsten gelten einfache Hygieneregeln wie gründliches Händewaschen vor dem Essen.

Ärzte Zeitung: Welche Infektionswege für den Fuchsbandwurm sind denn gesichert?

Grüner: Keine. Wie es zur Aufnahme der sehr resistenten Eier kommt, wissen wir nicht. Aber es gibt Risikogruppen in den süddeutschen Endemiegebieten: Hundebesitzer, die ihre Vierbeiner frei im Wald laufen lassen oder Personen aus der Landwirtschaft. Denkbar ist, dass die Eier bei der Feldarbeit aufgewirbelt und eingeatmet werden. Bei Hundehaltern könnten die Eier über das Fell an die Hände gelangen und dann beim Essen verschluckt werden. Da Hunde auch Überträger sein können, sollte man sie regelmäßig entwurmen.

Ärzte Zeitung: Was deutet denn auf eine alveoläre Echinokokkose?

Grüner: Wenig. Unspezifische Symptome wie Müdigkeit, Appetitlosigkeit und Bauchschmerzen treten meist erst auf, wenn das parasitäre Gewebe schon sehr umfangreich ist. Bei zentraler Lage kann es durch Druck auf die Gallenwege zum Auftreten eines Ikterus kommen.

Ärzte Zeitung: Aber wie wird die Echinokokkose dann entdeckt?

ZUR PERSON Dr. Beate Grüner betreut am Uniklinikum Ulm die von Professor Peter Kern geleitete Echinokokkose-Sprechstunde. Kontakt: www.uniklinik-ulm.de - Suche "Sektion Infektiologie" Foto: privat

Grüner: Meist durch Zufall, wenn wegen erhöhter Leberwerte oder BSG ein Ultraschall erfolgt. Zeigt das Bild dann eine inhomogene Leberläsion, wird oft zunächst an Metastasen oder Tumoren gedacht. Ist der Patient Landwirt von der schwäbischen Alb, kann auch an den Fuchsbandwurm gedacht und eine entsprechende Serologie veranlasst werden. Bei einem Büromenschen aus dem Norden wird natürlich nicht so schnell die Verdachtsdiagnose alveoläre Echinokokkose gestellt. Im Ultraschall oder CT zeigt der typische Herd eine unregelmäßige Begrenzung, vesikuläre Strukturen und Verkalkungen.

Ärzte Zeitung: Wie wird die Echinokokkose nachgewiesen?

Grüner: Entscheidend für die Diagnose ist das morphologische Korrelat, fast immer also der Leberherd. Die Echinokokken-Serologie hilft bei der Einordnung. Aber 20 Prozent der Infizierten haben eine negative Serologie. Anderseits ist eine positive Serologie noch keine Erkrankung, sondern zeigt nur, dass der Körper mit Wurm-Antigen Kontakt hatte. Bei positiver Serologie ohne Leberherd sollte der Befund jährlich mittels Serologie und Sonografie kontrolliert werden. Da die Inkubationszeit der Echinokokkose 5 bis 15 Jahre beträgt, ist eine langfristige Kontrolle sinnvoll.

Ärzte Zeitung: Welche Therapiemöglichkeiten gibt es, wenn sich die Echinokokkose manifestiert?

Grüner: Wird der Befall früh entdeckt, sodass der Herd noch klein ist, idealerweise auch noch peripher liegt und die Lebergrenzen nicht überschreitet, ist die operative Resektion Therapie der Wahl. Extrem wichtig ist die antiparasitäre Nachbehandlung über zwei Jahre mit dem antiparasitären Wirkstoff Albendazol, da das Gewebe infiltrierend wächst und schon gestreut haben kann.

Ärzte Zeitung: Was ist, wenn eine Op nicht infrage kommt?

Grüner: Dann ist eine lebenslange medikamentöse Behandlung mit einem Benzimidazol angezeigt. Das ist bei den meisten Patienten so. Denn viele können nicht operiert werden, weil der Herd zu groß ist, ungünstig liegt oder durch eine erhöhte Komorbidität das Op-Risiko zu hoch ist.

Ärzte Zeitung: Ist die medikamentöse Therapie überhaupt wirksam?

Grüner: Ja, sehr wirksam - wenn sie gut vertragen wird. Das ist bei den meisten Patienten der Fall. Diese können ein normales Leben führen. Unsere Problempatienten sind die, die Albendazol nicht vertragen und deshalb leber- oder knochenmarktoxische Reaktionen zeigen, denn es gibt keine weiteren etablierten Wirkstoffe. Durch modifizierte Schemata können wir aber auch den Verlauf über Jahre verzögern.

Ärzte Zeitung: Wie viele Echinokokkose-Patienten haben Sie bereits in Ihrer speziellen Sprechstunde gesehen? Unterstützen Sie auch niedergelassene Kollegen?

Grüner: So zirka 250 Infizierte aus dem gesamten Bundesgebiet. Insgesamt werden in Deutschland pro Jahr 20 bis 30 Neuerkrankungen gemeldet. Wir beraten oder behandeln die Patienten in Kooperation mit den Hausärzten oder niedergelassenen Internisten und Chirurgen. Wenn uns die Bilder vorliegen, reicht oft eine telefonische Beratung.

ZUR PERSON

Dr. Beate Grüner betreut am Uniklinikum Ulm die von Professor Peter Kern geleitete Echinokokkose-Sprechstunde. Kontakt: www.uniklinik-ulm.de - Suche "Sektion Infektiologie"

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