Ärzte Zeitung, 20.12.2012

Infektionen

Gebissen werden oft Kleinkinder

Kinder unter fünf Jahren sind die häufigsten Opfer bissiger Hunde. Die meisten Infektionen entstehen aber nach Katzenbissen. In einer retrospektiven Studie wurden Daten aus 19 Jahren Unfallversorgung zusammengetragen.

Von Christine Starostzik

Gebissen werden oft Kleinkinder

Nicht immer steckt Aggressivität dahinter, oft passiert eine Verletzung auch beim Spielen.

© Andrey Bandurenko/fotolia.com

WIEN. Lippen, Zunge, Wangen und Finger sind die häufigsten Stellen an denen Kinder Bisswunden erleiden.

Dabei liegt die Zahl der Hundebisse etwa so hoch wie die der Menschenbisse.

Letztere kommen meist durch Selbstverletzungen zustande. Dies ergab eine retrospektive Studie, die Ursachen und Folgen von Bissverletzungen untersuchte (Injury 2012; 43: 2117).

Stellt sich ein Patient mit Bissverletzung vor, gilt es schnell einzuschätzen, wie hoch das Infektionsrisiko ist, ob ein Antibiotikum benötigt wird oder ob die Wunde eventuell chirurgisch versorgt werden muss.

Doch sowohl die Art des Wundmanagements als auch die Frage nach einer Antibiotikaprophylaxe werden in der Literatur kontrovers diskutiert.

Daten von knapp 1600 Kindern ausgewertet

Manuela Jaindl und Kollegen, Wien, werteten jetzt die Daten von 1592 Kindern aus, die zwischen 1992 und 2011 im Traumazentrum der Medizinischen Universität Wien nach Bissverletzungen versorgt worden waren.

43,8 Prozent der im Durchschnitt 7,7 Jahre alten Kinder waren von einem Hund gebissen worden, 3,9 Prozent von einer Katze, 8,7 Prozent von anderen Tieren und 43,6 Prozent hatten Menschenbisse erlitten. Bekannte Hunde hatten am häufigsten in die Wange gebissen, Katzen und andere Tiere eher in den Finger.

Fremde Hunde dagegen schnappten bevorzugt nach dem Oberschenkel, unbekannte Katzen lieber nach der Hand, und alle anderen Tiere bissen am häufigsten in den Finger.

444 Kinder hatten sich selbst auf die Lippe gebissen, 134 auf die Zunge und 22 in die Wange. Die häufigsten Fremdbisse verletzten Lippen (16), Finger (13) und Wangen (10).

Zu 55,2 Prozent waren Jungen, zu 44,8 Prozent Mädchen betroffen, wobei die meisten Hundebisse eher bei Jungs vorkamen, Katzenbisse dagegen häufiger bei Mädchen.

10,7 Prozent der Wunden hatten sich infiziert, am häufigsten wenn sie durch einen Katzenbiss entstanden waren (37,1 Prozent Primär- und Sekundärinfektionen vs. 14,6 Prozent nach Hundebissen vs. 3,5 Prozent nach Menschenbissen).

Bei punktierten Wunden und solchen größer als 3 cm war die Infektionsrate dreimal größer als bei allen anderen Verletzungen. 13,9 Prozent der Kinder hatten eine primäre Antibiotikatherapie erhalten, 1,3 Prozent eine sekundäre.

Die sekundären Infektionsraten waren signifikant höher bei Patienten, die eine primäre Antibiotikatherapie erhalten hatten (14,9 vs. 3,7 Prozent). 1,7 Prozent der Kinder waren chirurgisch versorgt worden.

Kleine Kinder können Verhalten der Tiere nicht einschätzen

Fazit der Autoren: Fast drei Viertel aller Bissverletzungen durch Hunde betrafen Kinder im Alter bis zu fünf Jahren, und überwiegend waren es bekannte Tiere, die plötzlich wild wurden.

Dies liegt einerseits daran, so die Autoren, dass kleine Kinder das Verhalten der Tiere nicht einschätzen können, andererseits befinden sich die Hauptangriffspunkte Gesicht und Hände etwa auf gleicher Höhe mit dem Hund.

Nur wenige der Wunden benötigten eine chirurgische Versorgung, und auch eine Antibiotikatherapie war nicht oft erforderlich.

Demnach ist bei rascher Erstversorgung und enger Wundkontrolle offenbar in der Regel mit einer unkomplizierten Wundheilung zu rechnen.

Quelle: www.springermedizin.de

[20.12.2012, 12:42:23]
Dr. Horst Grünwoldt 
Tierisches Verhalten
Nach der Anzeige von mehreren hundert Beißunfällen zwischen Menschen und Hunden (und wenigen Katzen) bei der Frankfurter Polizei in den neunziger Jahren, und der tollwutbezogenen Abklärung mit dem Veterinäramt, habe ich als zuständiger Amtstierarzt wiederholt folgende Feststellungen getroffen:
- die Beißattacken eines Hundes gegen eine fremde oder sogar vertraute Person geschehen i.d.R. als Affekthandlung nach Erschrecken oder als Abwehrreaktion des Tieres nach "In-die Enge"-Getriebener. Dieses tierische Grundverhalten ist durch Kleinkinder natürlich noch nicht abzuschätzen.
- Bißverletzungen an Kindern haben den größten Schweregrad, da sie sich meistens im Kopfbereich (Mund und Wangen) befinden. Sie sollten deshalb sowohl antibiotisch, immunologisch (Tetanus- und Tollwut-Prophylaxe) wie auch kosmetisch (keine chirurgische Naht-, sondern Wundkleber im frischen Zustand) versorgt werden, da sonst unschöne und im weiteren Jugendleben mitwachsende Gesichtsnarben entstehen können,
- die Begegnung von Kindern mit Tieren jeder Art sollte immer unter der Aufsicht von Erwachsenen geschehen, denen das oftmals vorhersehbare Verhalten der anderen Lebewesen ethologisch vertraut ist,

- Hundebisse haben meistens den Charakter von Rißwunden, wohingegen Katzenbisse nadelscharfe Einstiche darstellen; so erklärt sich bei letzteren die potentiell tiefe Wundinfektions-Gefahr nach "Injektion" der bakteriellen Zahnflora (haemolysierende Streptokokken, s.a. Phlegmone) oder sogar des tollwutvirus- haltigen Speichels.
Deshalb empfiehlt sich nach tierärztlicher Selbsterfahrung zunächst die rasche Waschung der Bißwunde mit Seife und nach anschließender Ab-Spülung die Jodophore-Desinfektion der Haut,
- Bei unklarer, epidemiologischer Tollwutsituation wird zur unverzüglichen Simultan-Schutzimpfung (kontralaterale Injektion "aktiv und passiv", dabei homologes AK-Serum nur um das Wundgebiet infiltrieren) geraten.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt (FTA für Hygiene und Mikrobiologie)
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