Ärzte Zeitung, 12.02.2016

Zeckengenom sequenziert

Neuer Ansatz für Therapie bei Borreliose?

NEU-ISENBURG. Das Genom der Lyme-Borreliose-übertragenden Hirschzecke hat ein internationales Team von Wissenschaftlern nach zehn Jahren Forschungsarbeit vollständig entschlüsselt (Nat. Comm. 2016; 7:10507).

Die Forscher hoffen nun auf genaue Erkenntnisse, wie die krankheitsverursachenden Borrelien auf den Menschen übertragen werden, um neue Therapiemöglichkeiten gegen die Lyme-Borreliose und andere von Zecken übertragene Krankheiten zu entwickeln.

Angriffspunkte für Therapien

Einen ersten Schritt haben die Forscher um Monika Gulia-Nuss von der Purdue Universität in Arizona dabei bereits getan: Sie konnten einige der am Infektionsverlauf beteiligten Proteine identifizieren.

So schreiben die Wissenschaftler, sie hätten im Speichel der Zecke mehrere Proteine nachgewiesen, die eine Übertragung der Borreliose-Erreger auf den Menschen erleichtern. Ein Enzym der Borrelien könne zum Beispiel mit einem Protein im Speichel der Zecke interagieren und in dieser Kombination den Transport des Erregers durch Blut und Lymphflüssigkeit wesentlich erleichtern.

Mit den identifizierten Proteinen habe man nun gute Angriffspunkte für mögliche Wirkstoffe gefunden, hoffen die Forscher und erinnern, dass Zecken mehr Pathogene auf Mensch und Tier übertrügen als alle anderen Arthropoden.

Durch Zeckenbisse ausgelöste Krankheiten führten jährlich zu tausenden Todesfällen bei Mensch und Tier, allein in Europa würden etwa 65.000 Fälle von Lyme-Borreliose pro Jahr gemeldet.

Komplexes Zeckengenom

Das Genom der Hirschzecke ist das erste entschlüsselte Genom einer Zecke überhaupt. Die Gensequenzierung habe sich zehn Jahre hingezogen, da sich das Genom als besonders komplex herausgestellt habe, erklären die Wissenschaftler.

Rund 20 Prozent der entschlüsselten Gene seien wohl spezifisch für Zecken, daher böten sich damit auch ganz neue Möglichkeiten, Wirkstoffe gezielt zur Zeckenabwehr zu entwickeln.

Die Forscher entdeckten außerdem Gene, mit denen die Tiere das menschliche Blut verdauen können, das in großen Mengen toxisches Eisen enthält - ein Hinweis auf "eine einzigartige parasitäre Lebensweise", wie sie betonen. (bae)

[26.02.2016, 13:46:33]
Ursula Dahlem 
Fehlende verlässliche Zahlen
Es gibt in Deutschland wenig belastbares Material über die tatsächlichen Inzidenzen zur Lyme-Borreliose beim Menschen. Deshalb werden Inzidenzen von 60 000 bis >200 000 angenommen. Zur Prävalenz der Lyme-Borreliose gibt es überhaupt kein belastbares Datenmaterial.

Es verwundert, woher die Aussage stammt, dass "tausende Todesfälle bei Mensch und Tier" auftreten. In anderen Ländern gibt es durch Zeckenstiche anderer Spezies durchaus gravierende Fälle, die aber für Deutschland nicht beschrieben sind. Z.B kommt es in Australien zu Zeckenunfällen mit den dort heimischen Spezies, die sehr schnell zum Tode führen können. Das sollte nochmal genauer recherchiert werden.

Daneben gibt es einzelne Todesfälle beim Menschen durch FSME in Deutschland.

Die kompletten Auswirkungen von unzureichend oder nichtbehandelten Zeckenerkrankungen in Europa sind bislang nicht hinreichend bekannt, ebenso nicht die Dunkelziffer von unerkannten Erkrankungen, die bei Lyme-Borreliose zur mitunter schwer heilbaren Spätform der Lyme-Borreliose führen kann. Persistierende Beschwerden nach Behandlung einer Lyme-Borreliose sind von einer persistierenden Infektion durch Borrelien nach unzureichender Behandlung nur unzulänglich zu unterscheiden.

Die frühzeitige und ausreichende antibiotische Behandlung einer Lyme-Borreliose ist derzeit die wichtigste Therapie, um Spätfolgen nach Möglichkeit zu vermeiden. Die klinische Entscheidung über eine notwendige antibiotische Behandlung ist in der Frühphase von besonderer Bedeutung, da Antikörper nach Infektion oft erst spät gebildet werden und nicht zur Erkennung in der Frühphase verlässlich herangezogen werden können. Es wäre begrüßenswert, wenn die Forschung in dieser Richtung forciert würde. Ein Impfstoff ist in der Entwicklung, aber es gibt keine Informationen wann dieser marktreif ist. Ebenso schützen borrelienspezifische Antikörper, wie sie bei einer Infektion gebildet werden, nicht vor neuerlichen Infektion mit Borrelien .

Die FSME lässt sich durch Impfung vermeiden, tritt aber nicht in ganz Deutschland auf und ist auch nur auf Risikogruppen uneingeschränkt zu empfehlen.

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