Ärzte Zeitung, 27.12.2012

Immunschwäche

Weniger Infekte mit Vitamin D

Menschen mit Abwehrschwäche nützt offenbar Vitamin D in hohen Dosen. Die Prophylaxe beugt Atemwegsinfekten vor und senkte den Antibiotikaverbrauch - zumindest in einer Studie.

Von Elke Oberhofer

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Nicht nur gut für Haut und Knochen, sondern auch als Erkältungsprophylaxe: Vitamin D.

© photos.com

STOCKHOLM. Zur Prophylaxe von Erkältungskrankheiten haben schwedische Forscher der Karolinska-Universitätsklinik in Stockholm 140 immundefiziente Erwachsene ein Jahr lang mit 4000 IU Vitamin D pro Tag oder Placebo behandelt (BMJ open 2012, online 13. Dezember).

Als primärer Endpunkt diente ein zusammengesetzter Score mit fünf Parametern: Symptome der Atemwege, Ohren und Nebenhöhlen, Krankheitsgefühl und Einnahme von Antibiotika.

Jeder Parameter brachte einen Punkt pro Tag; eine Pneumonie schlug mit drei Zusatzpunkten täglich über eine Woche zu Buche. Dieser über zwölf Monate ermittelte Gesamtscore konnte durch die Hochdosistherapie im Vergleich zur Placebogruppe um nahezu ein Viertel gesenkt werden.

So verringerte sich der Wert für den einzelnen Patienten bei regelmäßiger Einnahme der Vitamintropfen um durchschnittlich 47 Punkte (202 gegenüber 249 Punkten).

Sehr hohe Erwartungen nicht erfüllt

Die Forscher um Dr. Peter Bergman hatten zwar eine Reduktion um mindestens 70 Punkte erwartet, zeigten sich von dem Ergebnis aber nicht sehr enttäuscht: "Wir glauben, dass auch ein geringerer Effekt für den einzelnen Patienten relevant sein könnte."

Das Ergebnis bedeute schließlich beispielsweise 47 Tage weniger Husten oder auch 23 Tage weniger Augen- und Nebenhöhlensymptome (23 x 2 = 46 Punkte) oder neun Tage weniger, an denen der Patient zugleich unter Husten, Sinus- und Ohrsymptomen leidet, sich schlapp fühlt und Antibiotika einnimmt (9 x 5 = 45).

Zum Vergleich: Die Patienten der Placebogruppe brauchten an 33 Tagen ein Antibiotikum, die Vitamingruppe nur an 16 Tagen. Damit war der Antibiotikaverbrauch um etwa 60 Prozent gesunken. Bergman sah hierin auch ein Potenzial, Resistenzen zu vermeiden, vor allem bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem.

Auf diese beschränkt sich auch die Aussagekraft der Studie: "Es gibt keinerlei Hinweis darauf, dass Vitamin D ansonsten gesunden Menschen mit ganz normalen, vorübergehenden Atemwegsinfektionen von Nutzen sein könnte", betonen die Forscher. Genau das hat vor kurzem eine neuseeländische Studie belegt (JAMA 2012; 308: 1333).

Hier hatte die Einnahme von Vitamin D - verabreicht als monatlicher Bolus mit 100.000 IU über eineinhalb Jahre - keinerlei Auswirkung auf Häufigkeit und Schwere viraler Atemwegserkrankungen bei ansonsten gesunden Teilnehmern.

Nach Bergman empfiehlt es sich ohnehin, bei häufigen Infekten zunächst einmal den Vitamin-D-Spiegel zu bestimmen. Dieser sollte bei mindestens 20 Nanogramm pro Milliliter liegen. Die Supplementierung habe nur dann einen Sinn, wenn der Wert deutlich erniedrigt sei.

In Deutschland gehen Experten davon aus, dass bis zu 60 Prozent der Bevölkerung einen Vitamin-D-Mangel aufweisen. Außer der erhöhten Infektanfälligkeit werden als mögliche Folgen eine Erhöhung des Darmkrebsrisikos sowie des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselerkrankungen und Autoimmunerkrankungen diskutiert.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Hoffen auf Synthese?

[27.12.2012, 21:51:43]
Dr. Horst Grünwoldt 
Bravissimo!
Auch im kommenden Jahr wünsche ich uns allen medizinisch-gesundheitlich Interessierten und Bildungshungrigen noch viele profunde Kommentare des hochgeschätzten Dr. med. Thomas Schätzler, Facharzt aus Dortmund!
Sie sorgen stets für ein wunderbares, kritisches Forum im online-Ärzteblatt und bereichern nicht nur die tüchtige Redaktion, sondern uns alle stets auf´s Neue!!
Glück auf, auch 2013 !!!
Mit freundlichem Gruß und Dankbarkeit, Dr. med. vet. Horst Grünwoldt (Tierarzt i.R.) aus Rostock  zum Beitrag »
[27.12.2012, 21:15:02]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Vitamin-D-Studien-Potpourri
"Weniger Infekte mit Vitamin D bei Immunabwehrschwäche" ist ein bunter Hypothesen-Strauß mit ziemlich unverbindlichem Ergebnis im 'British Medical Journal': BMJ Open2012;2:e001663 doi:10.1136/bmjopen-2012-001663

Man hat mal eben locker 140 Patienten zusammengewürfelt, die manifesten Antikörper-Mangel (IgA, IgG und allgemeine variable Immunstörungen) aufwiesen oder alternativ gehäuft mehr als 4 bakterielle Atemwegsinfekte pro Jahr o h n e immunologische Diagnosen zeigten. ["140 patients with antibody deficiency (selective IgA subclass deficiency, IgG subclass deficiency, common variable immune disorder) and patients with increased susceptibility to RTIs (>4 bacterial RTIs/year) but without immunological diagnosis."]. Bei einer Tagesdosierung von 100 Mikrogramm Colecalciferol (entsprechend 4 Tab. Vigantoletten® 1.000 IE) fanden sich bei inkongruent und multikausal abwehrgeschwächten Patienten wenig überzeugende Ergebnisse.

Bezogen auf allgemeines Patientengut und ubiquitäre Infekte der o b e r e n Atemwege (URTI) fanden sich im JAMA bei monatlichem Bolus von 2,5 (!) Milligramm Colecalciferol (entsprechend 100 Tab. Vigantoletten® 1.000 IE) keinerlei positive Effekte: http://jama.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=1367547
["Conclusion: In this trial, monthly administration of 100 000 IU of vitamin D did not reduce the incidence or severity of URTIs in healthy adults."]

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[27.12.2012, 20:48:00]
Dr. Horst Grünwoldt 
Vitamin A und D
Dürfte nicht vor allem der Appel, eine ausreichende Vitamin A (bettaCarotin)-Versorgung durch den Verzehr von bunten Obst und Gemüse -neben dem Wurstessen, Fleisch- und Fischkonsum sowie Milchprodukten - sicherzustellen und damit den Haut- und Schleimhautschutz von außen und innen zu gewährleisten, Vorrang haben?
Schließlich sind es vor allem die gesunden Mukosae, die die IgA- Antikörper gegen Virus-Infekte im Atemwegsbereich produzieren und im Verdauungstrakt enzymatisch die Radikalfänger aus den pflanzlichen Nahrungsmitteln für eine a-cancerogene Eiweißverdauung beim Gemischtkost-Esser Mensch freisetzen.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock zum Beitrag »

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