Ärzte Zeitung App, 01.12.2014

Antibiotika-Rezepte

Ärzte knicken im Tagesverlauf ein

Hausärzte stellen gegen Nachmittag gehäuft Antibiotika-Rezepte aus. US-Forscher haben auch eine Hypothese, woran das liegt.

Ärzte knicken im Tagesverlauf ein

Ärzte fühlen sich in die Erwartungshaltung ihrer jeweiligen Patienten ein und verschreiben dann gelegentlich wider besseres Wissen ein Antibiotikum gegen akute Atemwegsinfekte, besonders nachmittags.

© Alexander Raths / fotolia.com

BOSTON. Die Versuchung, einem Patienten mit Husten oder schwerem Schnupfen wider besseren Wissens ein Antibiotikum zu verschreiben, ist in der Hausarztpraxis groß:

Die Patienten verlangen oft vehement danach, man selbst hat das Bedürfnis, zu handeln, oder spürt auch mal den Drang, eine ausgedehnte Visite zu beenden. Und nicht zuletzt ist da die Angst, man könnte eine Komplikation übersehen.

Wie ein Team von Wissenschaftlern aus Boston jetzt zeigen konnte, knicken offenbar viele Ärzte im Lauf des Tages unter diesem Druck ein. Dieses Phänomen bezeichnen die Wissenschaftler als "Entscheidungsmüdigkeit"- ein Begriff, den Psychologen im Zusammenhang mit Gerichtsentscheidungen geprägt haben (JAMA Internal Medicine, online 6. Oktober 2014).

Resignierter Griff zum Rezeptblock?

So wie Richter, die zu fortgeschrittener Stunde zunehmend geneigt sind, härtere Strafen zu verhängen, greifen Ärzte offenbar über den Tag hinweg immer öfter resigniert zum Rezeptblock, auch wenn ihnen wohl bewusst ist, dass das verschriebene Antibiotikum beim unkomplizierten Atemwegsinfekt nichts hilft.

Um zu belegen, dass die Hypothese von der "Entscheidungs-Fatigue" auch für die Arztpraxen gilt, hat die Arbeitsgruppe um Dr. Jeffrey A. Linder vom Brigham and Women's Hospital in Boston die Daten von 21.867 Patienten aus 23 Praxen der Primärversorgung ausgewertet.

Alle untersuchten Patienten hatten wegen eines akuten Atemwegsinfekts den Arzt aufgesucht. Chronische Erkrankungen oder Erkrankungen, die zwangsläufig eine antibiotische Therapie erfordert hätten, waren dabei ausgeschlossen.

Wie Linder und seine Kollegen berichten, hatten die Ärzte in 44 Prozent der Fälle ein Antibiotikum verschrieben. Die Verschreibungsrate stieg zwischen acht Uhr morgens und vier Uhr nachmittags deutlich an.

Dies betraf nicht nur Fälle, in denen, schreiben die Forscher, "manchmal" ein Antibiotikum indiziert ist, sondern - wenn auch in geringerem Maße - auch diejenigen Fälle, bei denen eine solche Indikation den Leitlinien zufolge nicht besteht.

In Relation zur ersten Praxisstunde lag die Wahrscheinlichkeitsrate einer Antibiotika-Verschreibung in der zweiten Stunde bei 1,01, in der dritten bei 1,14 und in der vierten bei 1,26 (pTrend < 0,001).

Nur scheinbar die einfachste Lösung

Ein Mittel gegen den erlahmenden Widerstand auf Arztseite zu finden, ist nicht leicht, schreiben Linder und Kollegen. Schließlich erscheine der Griff zum Antibiotikum im Moment oft als die einfachste Lösung.

Die Autoren schlagen vor, die Sprechstunden besser zu takten, gezielt Pausen einzulegen, auch mal einen Snack zwischendurch zu sich zu nehmen. Geeignet sei alles, was der "Erosion der Selbstkontrolle" entgegenwirke. (eo)

[01.12.2014, 09:58:44]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
US-Hausärzte-"Bashing" oder je später der Tag, desto kränker die Patienten?
“This corresponds to about 5 percent more patients receiving antibiotics at the end of a clinic session compared to the beginning“ beschreiben Jeffrey A. Linder et al. die Ergebnisse einer US-Studie mit dem Titel: "Time of Day and the Decision to Prescribe Antibiotics" (J. A. Linder et al. doi:10.1001/jamainternmed.2014.5225). Dabei hatte das Autoren-Team vom Brigham and Women's Hospital in Boston die Daten von 21.867 Patienten aus 23 Praxen der Primärversorgung ausgewertet.

Doch 5 von 100 Fällen kann keine Signifikanz belegen: Eine fünfprozentige Abweichung liegt im Mess-Fehlerbereich. Und theoretisch könnten im längeren Verlauf eines Tages ja auch schwerer kranke Patienten den Arzt aufgesucht haben. Diese nahe liegende, im US-Selbstzahler-System begründete Hypothese haben die Autoren überhaupt nicht geprüft, weil sie n i c h t die behandelnden Ärzte oder Patienten p e r s ö n l i c h befragt, sondern nur elektronische Krankenakten ausgewertet haben: "The researchers merged billing and electronic health record (EHR) data for patient visits to 23 different primary care practices over the course of 17 months."

Von vorne herein stand für die Autoren fest: Haus und Primär-Ärzte verschreiben unnötig viele und nicht indizierte Antibiotika bei Atemwegsinfekten: "In primary care, doctors often prescribe unnecessary antibiotics for acute respiratory infections (ARI)". Und an dieser Vorverurteilung konnte auch eine schlichte 5-Prozent-Differenz nicht mehr rütteln.

Dies passt im Trend perfekt zu einer anderen Studie im British Medical Journal:
BMJ 2014; 349: g5493
Die Autoren um C. J Currie et al. vom Cochrane Institute of Primary Care and Public Health, Cardiff University, Cardiff, UK und Global Epidemiology, Pharmatelligence, Cardiff, UK, wollten unbedingt auf eine angestiegene F e h l e r quote hinweisen, vergaßen aber aus populistisch-ideologischen Gründen die Erfolgsquoten anzugeben ["Overall failure rates increased by 12% over this period"]. Dies negierte, dass ein 12%-Anstieg innerhalb von 21 Jahren einem weniger dramatischen jährlichen Anstieg von 0,571 Prozent entspricht. Die Gesamtversagerquote bei der antibiotischen Behandlung der genannten Infektionskrankheiten lag bei knapp 15 Prozent. Von 1991 bis 2012 war sie von 13,9 auf 15,4 Prozent gestiegen. ["By 2012, the overall failure rate was 15.4%, representing an increase of 12% compared with 1991 (adjusted value indexed to first year (1991) 112, 95% confidence interval 112 to 113)"]. Dagegen können sich die korrespondierenden E r f o l g s q u o t e n über 21 Jahre von 86,1 bis 84,6 Prozent im pharmako-therapeutischen Alltag durchaus sehen lassen.

Zum letzgenannten BMJ-Artikel sind meine beiden englischen Kommentare unter
http://www.bmj.com/content/349/bmj.g5493/rapid-responses
publiziert.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Kaprun/A)
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