Ärzte Zeitung online, 13.08.2014

Ebola

Kanada bietet ungeprüften Impfstoff an

Kanada bietet der WHO gegen Ebola noch nicht klinisch geprüfte Impfstoffe an. Ob sie gegen das Ebola-Zaire-Virus bei Menschen wirksam sind, kann derzeit niemand sicher sagen. Unterdessen ruft die Bundesregierung die Deutschen auf, aus den Ebola-Ländern auszureisen. Die WHO sieht ein erhöhtes Ebola-Risiko in Kenia.

Von Thomas Müller

Kanada bietet ungeprüften Impfstoff an

Tests an Blutproben unter Hochsicherheitsbedingungen. Bei eventuellen Tests neuer Wirkstoffe gegen Ebola werden sie große Bedeutung gewinnen.

© Tim Brakemeier / dpa

OTTAWA/BERLIN. Die kanadische Regierung stellt der WHO 800 bis 1000 Dosen eines noch nicht an Menschen geprüften Impfstoffs zur Verfügung.

Nach Angaben des kanadischen Gesundheitsministeriums stammt die Vakzine mit der Bezeichnung VSV-EBOV aus einem staatlichen Forschungsprogramm. In Tierexperimenten seien vielversprechende Resultate erzielt worden.

Kanada hatte erklärt, den Impfstoff bereitzustellen, nachdem sich eine Ethikkommission der WHO im Kampf gegen die Epidemie auch für bisher ungeprüfte medizinische Interventionen ausgesprochen hatte.Zehn Dosen seien bereits an ein Krankenhaus in Genf versandt worden. Noch ist unklar, wer die Vakzine erhalten soll.

Der Impfstoff basiert auf dem Vesikulären Stomatitis-Virus (VSV), einem Einzelstrang-RNA-Virus, das bei Nutztieren Bläschen an Zunge, Füßen und Zitzen hervorruft, für Menschen aber weitgehend harmlos ist. Das Virus vermehrt sich gut in zahlreichen Säugetierzellen und sorgt für eine starke Immunantwort.

Aus diesen Gründen sind gentechnisch veränderte VSV in den vergangenen Jahren als Vektoren für neuartige Vakzine entwickelt worden, unter anderem gegen Aids und Influenza.

Dabei wird die Erbinformation für das virale VSV-Glykoprotein, das für die Pathogenität der Erreger entscheidend ist, durch die RNA für ein Protein des Zielerregers ausgetauscht. VSV-Ebola enthält also anstelle des VSV-Glykoproteins ein Ebola-Glykoprotein.

Sehr spezifische Vakzine

In Versuchen mit Affen konnte die Vakzine eine sehr starke Immunantwort mit hohen Serumtitern auslösen. Eine einmalige Injektion schützte selbst vor sehr hohen Konzentrationen an Ebolaviren - diese wurden in der Regel aber erst vier Wochen nach der Impfung verabreicht. In solchen Experimenten überlebten meist alle geimpften Tiere eine sonst tödliche Eboladosis.

Allerdings ist die Vakzine sehr spezifisch. Ein Impfstoff mit dem Glykoprotein des Ebola-Zaire-Virus schützt nur vor diesem und nicht vor verwandten Erregern wie dem Ebola-Sudan-Virus.Tierexperimente deuten noch auf einen anderen Vorteil der neuen Vakzine: Sie lässt sich offenbar auch therapeutisch einsetzen.

In Versuchen zur Postexpositionsprophylaxe überlebte ein Großteil der Primaten, wenn sie unmittelbar nach einer tödlichen Virendosis die Impfung bekamen, in Versuchen mit einem Marburg-Virus-Impfstoff auf Basis von VSV war sogar noch nach 24 Stunden eine gute Schutzwirkung zu beobachten. Wurde jedoch erst 48 Stunden nach viraler Exposition geimpft, starben zwei Drittel der Tiere.

Zumindest eine Erfahrung mit dem neuen Impfstoff gibt es auch bei Menschen: Im Bernhard-NochtInstitut für Tropenmedizin in Hamburg hat sich vor fünf Jahren eine Frau bei Arbeiten am Ebolavirus mit einer möglicherweise kontaminierten Nadel gestochen.

Sie bekam aus Kanada den experimentellen Impfstoff, zeigte nach der Impfung eine leichte Fieberreaktion und blieb gesund. Allerdings ist unklar, ob sie sich tatsächlich infiziert hatte.

Ob der VSV-Impfstoff gegen das Ebola-Zaire-Virus bei Menschen und gegen den derzeit in Westafrika grassierenden Zaire-Stamm wirksam ist, kann derzeit niemand sicher sagen. Der Einsatz solcher und anderer ungeprüfter Mittel wird daher sehr kritisch betrachtet.

"Ich halte das für sehr riskant", sagte der Ebola-Experte Dr. Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut gegenüber tageschau.de mit Blick auf den neuen Wirkstoff ZMapp™.

Bei schweren Nebenwirkungen derartiger Wirkstoffe würde das Vertrauen in die westliche Medizin noch mehr leiden als bisher. Außerdem sehe man sich dem Vorwurf ausgesetzt, Menschenversuche an der Bevölkerung zu machen.

Regierung fordert Deutsche zur Ausreise aus Ebola-Ländern auf

Wegen der Ebola-Epidemie hat das Auswärtige Amt alle deutschen Staatsbürger zur Ausreise aus den westafrikanischen Ländern Guinea, Sierra Leone und Liberia aufgefordert. Das gelte ausdrücklich nicht für dringend benötigtes medizinisches Personal, sagte ein Sprecher am Mittwoch in Berlin.

In Nigeria hat es unterdessen offenbar einen weiteren Ebola-Toten gegeben. Ein 36-jähriger Mitarbeiter sei in Lagos gestorben, teilte die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas mit. Er habe Kontakt zu dem infizierten Berater der liberianischen Regierung gehabt, der im Juli nach Lagos geflogen und am Flughafen zusammengebrochen war.

Der Ecowas-Mitarbeiter habe seither unter Quarantäne gestanden, hieß es weiter. In Nigeria sind damit bislang drei Menschen an Ebola gestorben, mehr als 100 Menschen stehen derzeit unter Beobachtung. Drei Länder - Gambia, die Elfenbeinküste und Sambia - haben Flüge aus Nigeria inzwischen gesperrt.

Auch Nigeria hat um die Lieferung des experimentellen Ebola-Mittels ZMapp™ gebeten. Die Regierung habe sich bei der US-Gesundheitsbehörde CDC gemeldet, um das Medikament zu erhalten und Patienten damit behandeln zu können, sagte Nigerias Informationsminister Labaran Maku. Eine Antwort aus den USA stehe noch aus.

WHO: Erhöhtes Risiko in Kenia

In Kenia besteht nach Auffassung der WHO ein erhöhtes Risiko für das Übergreifen der Ebola-Epidemie aus Westafrika. Der Flughafen der Hauptstadt Nairobi gilt als wichtiges Drehkreuz im afrikanischen Luftverkehr.

Die zuständige Landesdirektorin Custodia Mandlhate sagte am Mittwoch, es sei sehr wichtig, dass das ostafrikanische Land seine Kontrollen weiter verschärfe.

Nach Angaben des britischen Senders BBC landen wöchentlich 70 Flüge aus Westafrika in Kenia, darunter auch aus den von Ebola betroffenen Ländern Guinea, Sierra Leone, Liberia und Nigeria.

Die Regierung schloss zunächst aus, Flüge wegen der Epidemie zu streichen.  (mut/dpa)

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