Ärzte Zeitung online, 26.09.2014

Ebola-Epidemie

Der perfekte Sturm

Vielleicht war der Kampf gegen Ebola in Westafrika schon verloren, bevor er begonnen hat. Denn das Virus breitete sich lange Zeit fast unbemerkt aus. In Guinea fand es dafür optimale Bedingungen. Wir zeichnen nach, wie alles begann.

Von Thomas Müller

Der perfekte Sturm

Im West Point Slum in Liberias Hauptstadt Monrovia warnt dieses Schild vor dem tödlichen Ebola-Virus.

© Ahmed Jallanzo / epa / dpa

NEU-ISENBURG. Jeder Hurrikan beginnt als harmlose Gewitterzelle über dem Atlantik, aber die wenigsten Gewitterzellen entwickeln sich zu einem tropischen Sturm, und noch weniger zu einem Wirbelsturm. Dafür müssen die Bedingungen schon optimal sein: Die Wassertemperatur, der Wind, die geografische Lage.

Der Weg des Ebola-Virus in Westafrika

Die Ebola-Epidemie in Westafrika sorgt für Tausende infizierte Menschen - und Tausende Tote. Der Ausbruch geht auf ein zweijähriges Mädchen zurück. Zur Chronologie des Ausbruchs.

Als sich im Dezember 2013 ein zweijähriges Mädchen in Guinea mit dem Ebolavirus infizierte, sprach zunächst wenig dafür, dass ausgerechnet diese einzelne Infektion zu einer Epidemie wächst, die wie ein verheerender Sturm über Westafrika zieht und ganze Staaten destabilisiert.

Denn normalerweise fallen Ebola-Ausbrüche nach kurzer Zeit in sich zusammen wie Gewitterwolken am Abend eines schwülen Sommertages. Doch dieses Mal sollte alles anders kommen.

Natürlich hat es schon immer Experten gegeben, für die es nur eine Frage der Zeit war, bis ein tödliches Virus aus den Regenwäldern die afrikanischen Metropolen erreicht, schließlich rückt der Mensch dem Busch immer näher.

Wachsende Elendsquartiere in Großstädten, marode Gesundheitssysteme, Bürgerkriege und kaum vorhandenes medizinisches Wissen in der Bevölkerung sind ein guter Nährboden für Krankheitserreger.

Doch Ebola hatten die wenigsten auf dem Radar. Zu sporadisch waren die Ausbrüche in der Vergangenheit. Zu schwierig die Übertragung: Ebola bekommt man nicht wie eine Erkältung, man muss sich das Virus schon aktiv holen - in dem man Kranke anfasst, mit ihrem Schweiß, ihrem Blut oder ihren Exkrementen in Kontakt kommt. Und das tut niemand mehr, wenn er die Infizierten wie Fliegen sterben sieht.

Ebola, so lautete bisher das Credo, kann keinen Flächenbrand auslösen. "Alle waren überrascht. Nie hat es ein Ausbruch dieser Größenordnung gegeben", konstatierte der belgische Ebola-Entdecker Peter Piot im August.

Rituale

Irgendetwas ist also gründlich aus dem Ruder gelaufen, und nun versuchen Forscher, die Gründe dafür zu eruieren, damit so etwas nicht noch einmal passiert, damit die Welt beim nächsten Mal schneller reagiert.

Schließlich hätte sich der Krankheitsausbruch in den ersten Wochen und Monaten noch gut eindämmen lassen, wenn er denn bemerkt worden wäre, lässt sich aus einer Veröffentlichung internationaler Experten um Dr. Stephan Günther vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg schließen. Darin wird die erste Phase der Epidemie anhand von Nachforschungen und viralen Genanalysen detailliert beschrieben (NEJM 2014, online 19. September).

Patient Zero erkrankte nach diesen Recherchen am 2. Dezember 2013 im Dorf Meliandou im Südosten von Guinea. Eine andere Berechnung sieht den Beginn einige Tage später. In der Region gibt es zahlreiche Arten von Flughunden und Fledermäusen, die als Reservoir für Ebola infrage kommen.

Vielleicht infiziert sich das Kind am Kot solcher Tiere, möglicherweise ist aber auch Fleisch von Wildtieren im Spiel. Jedenfalls stirbt das Mädchen nach hohem Fieber, Erbrechen und schwarzem Stuhl offenbar am 6. Dezember - nicht ohne zuvor weitere Familienmitglieder angesteckt zu haben: Ebola tötet die Mutter am 13. Dezember, eine Schwester am 29. Dezember, die Großmutter am 1. Januar.

Vermutlich wäre es bei einer Familientragödie geblieben, hätte dem Virus nicht ein erster günstiger Umstand zugespielt: Die Toten in dieser Gegend werden nicht einfach nur begraben, ihr Abschied wird zelebriert. Angehörige waschen die Verstorbenen, Trauernde berühren, umarmen und küssen sie.

Doch Ebola ist auch nach dem Tod noch infektiös, gerade in der letzten Krankheitsphase scheiden die Opfer am meisten Viren aus. Beerdigungen werden daher unbemerkt zu Ebola-Partys.

Freunde und Verwandte der Opfer schleppen die Krankheit in umliegende Dörfer. Dokumentiert ist etwa die Trauerfeier eines Heilers in Sierra Leone, bei der sich im Mai 14 Frauen anstecken.

Mobilität

Eine zweite Verbreitungsroute läuft über Krankenhäuser wie die Klinik in der Bezirksstadt Guéckédou. Im Januar wird dort eine Frau aus Meliandou eingeliefert, die sich bei der Indexfamilie angesteckt hat. Ärzte und Krankenschwestern ahnen zunächst nichts von der Gefahr, infizieren sich und übertragen die Krankheit auf weitere Patienten und ihre Angehörigen.

Die Ankunft des Virus in Guéckédou war vermutlich der zweite entscheidende Faktor, der aus dem Ausbruch eine Epidemie werden ließ: Der Ort ist nicht nur irgendein Buschdorf, sondern mit 5600 Einwohnern ein kleines regionales Zentrum.

Es gibt einen Wochenmarkt, auf dem sich nicht nur Händler aus der ganzen Region treffen, sondern sogar solche aus den angrenzenden Ländern - Guéckédou liegt genau im Dreiländereck Guinea, Sierra Leone und Liberia.

Die Grenze zu den Nachbarstaaten ist nur wenige Kilometer entfernt, wichtige Fernstraßen kreuzen sich in dem Ort, unter anderem die Nationalstraße N1.

Auf ihr gelangt man innerhalb eines Tages in die knapp 700 Kilometer entfernte Hauptstadt Conakry. Noch kürzer ist die Reise über die N16 nach Freetown in Sierra Leone oder nach Monrovia, der Hauptstadt Liberias.

Guéckédou hat also wenig mit den rückständigen und isolierten Dörfern im Kongobecken der 1970er Jahre zu tun, in denen der Mikrobiologe Piot das Ebolavirus erstmals bei einer belgischen Nonne isoliert hat.

Die Menschen im Süden Guineas sind mobil, nutzen Handys, Autos und Busse, haben weit entfernte Verwandte und Freunde. Guéckédou ist Ziel und Durchgangsstation für Tausende Menschen. Der Ort ist das optimale Sprungbrett für Ebola.

So arbeiten auch in der Klinik in Guéckédou Ärzte und Schwestern aus entfernten Orten. Sie sind es in erster Linie, die das Virus weiterverteilten: Zunächst 90 km entlang der N1 nach Macenta, dann 80 Kilometer in die Gegenrichtung nach Kissidougou. Dort wird Ende Februar ein Arzt aus Macenta beerdigt, der sich bei einem Mitarbeiter der Klinik in Guéckédou angesteckt hat.

Mehrere Angehörige infizierten sich auf der Trauerfeier. Macenta hat 90.000 Einwohner, Kissidougou über 100.000.

Etwa zur gleichen Zeit muss das Virus auch den Weg nach Liberia gefunden haben. Das Dreiländereck wird zum Epizentrum der Epidemie

Unwissenheit

Ebola übersät nun die Region zwischen den drei Städten mit einzelnen Infektionsherden wie mit Metastasen, führt zu multiplen lokalen Clustern, die zunächst niemand als Teil einer beginnenden Epidemie begreift, weil niemand das ganze Bild sieht - und weil keiner die Krankheit kennt. Weder die Menschen noch die Ärzte in Guinea haben Erfahrung mit Ebola.

Sämtliche Ausbrüche der vergangenen 40 Jahren traten in einem schmalen Gürtel auf, der von Afrikas Westküste bei Gabun über den Kongo und Uganda bis in den Sudan reicht.

Dort kennen die Menschen den Schrecken von Ebola, dort haben sie am ehesten gelernt, die Symptome ernst zu nehmen, die Kranken zu isolieren, Abstand zu halten. Nicht aber 5000 Kilometer entfernt in Westafrika. Und das ist ein dritter, entscheidender Vorteil für das Virus.

So vergeht viel kostbare Zeit, bis endlich jemand Alarm schlägt. Als sich im März die Fälle in Guineas Krankenstationen häufen, sehen Ärzte und Schwester endlich das Muster, die zahlreichen Cluster mit den gleichen Symptomen und dem gleichen Verlauf, der hohe Sterberate von über 70 Prozent.

Am 10. März erfährt das Gesundheitsministerium in Conakry von dem mysteriösen Fieber, zwei Tage später "Ärzte ohne Grenzen". Die Organisation betreibt in der der Region ein Malariaprojekt. Sowohl "Ärzte ohne Grenzen" als auch die Regierung schicken Experten in die Region. An Ebola denkt trotzdem niemand. Ebola existiert nicht in Westafrika. Erneut vergeht kostbare Zeit.

So dauert es noch einmal zwei Wochen, bis der Erreger in Blutproben definitiv nachgewiesen wird. Am 23 März informiert Guinea die WHO über einen Ebola-Ausbruch.

Zu diesem Zeitpunkt haben sich wohl erst 100 Menschen infiziert, diese verteilten sich aber auf mindestens fünf Bezirke und über eine Fläche von mehreren 10.000 Quadratkilometern: im Süden Guineas und in der Grenzregion der Nachbarstaaten. Viele winzige Cluster zwischen Millionen von Menschen. Ebola ist nirgends und überall zugleich.

Von nun an beginnt ein Wettlauf mit der Zeit - es gilt, alle Infizierten und deren Kontaktpersonen zu isolieren. Doch schon vier Tage nach dem Ebola-Alarm der WHO deutet sich an, dass dieses Rennen nicht zu gewinnen ist: In Guineas Hauptstadt Conakry gibt es am 27. März die ersten Verdachtsfälle. Sie bestätigen sich.

Das Virus hat sich weitgehend unbemerkt in großen Teilen des Landes ausgebreitet, überall neue Infektionsherde verteilt, die zu wuchern und zu streuen beginnen. Jedes einzelne dieser Feuer zu finden und auszutreten - dafür ist es offenbar zu spät.

Am 30. März meldet die WHO die ersten Ebola-Toten in der liberianischen Grenzprovinz Lofa. Sie sind wohl schon Anfang März erkrankt, doch auch hier dauert es Wochen, bis die Gefahr erkannt wird.

Doch selbst dann, als die Behörden Bescheid wissen, ändert sich kaum etwas: Die Menschen sind skeptisch, sie glauben nicht an Ebola und die Infektionsgefahr, und so wiederholt sich das, was in Guéckédou geschah, nun fast überall in Guinea, Liberia und auch Sierra Leone.

Mitte August äußert sich der Ebola-Entdecker Piot zu dieser Entwicklung. Da braue sich etwas zusammen, was man einen "tempête parfaite", einen perfekten Sturm, nennen könne, sagt er der französischen Zeitung "Libération".

Der Sturm hat längst die Stärke eines Hurrikans. Noch macht er an den Grenzen der drei betroffenen Länder Halt, noch gelingt es, jene Infizierten, die es über diese Grenzen schaffen, zu isolieren. Noch können wir dafür sorgen, dass sich das Unwetter nicht weiterbewegt, dass ihm irgendwann die Puste ausgeht.

|

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Top-Meldungen

Gefährlich für Herz und Hirn

Soziale Isolierung und Einsamkeit können offenbar die Wahrscheinlichkeit erhöhen, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. mehr »

Kinder als Schutzfaktor gegen Stress

Kinder halten gesund - das legt der aktuelle TK-Gesundheitsreport nahe. Dennoch nehmen psychische Erkrankungen bei den 30- bis 44-Jährigen zu. mehr »

"Doktorarbeiten - oft eine Farce"

Solveig Mosthaf will Ärztin werden und gerne den Doktortitel mit Stolz führen. Doch die Medizinstudentin findet: Doktorarbeiten werden "fast schon inflationär" geschrieben. Warum allzu oft die motivierte Idee zur Farce verkommt, erläutert sie in ihrem Gastbeitrag für die "Ärzte Zeitung". mehr »