Ärzte Zeitung, 01.02.2016

Harnwegsinfekt

Rezidiv zu selten mit Kultur abgeklärt

Englische Mediziner haben untersucht, wie die Diagnostik bei Verdacht auf rezidivierende, wiewohl unkomplizierte Harnwegsinfekte verläuft. Sie stießen auf ein Zuwenig an Urinkulturen und ein Zuviel an Zystoskopien.

Von Robert Bublak

Rezidiv zu selten mit Kultur abgeklärt

Urinkultur bei rezidivierenden Harnwegsinfekten - so sehen es die Leitlinien vor.

© ArTo / fotolia.com

BATH. Rezidivierende Harnwegsinfekte (HWI) von Frauen sind ja keine Seltenheit. Abzuklären sind sie primär durch eine Urinkultur - so empfehlen es die einschlägigen Leitlinien.

Das gilt auch für unkomplizierte Infekte, solche also, bei denen keine relevanten funktionellen oder anatomischen Anomalien des Harntraktes, keine relevanten Nierenfunktionsstörungen und keine relevanten Begleiterkrankungen vorliegen, die eine Infektion der Harnwege beziehungsweise gravierende Komplikationen begünstigen würden.

In der Praxis sieht es aber oft anders aus, als in den Leitlinien vorgesehen. Das hat eine Studie gezeigt, die eine Arbeitsgruppe um Sian Parsons vom Royal United Hospital im englischen Bath unternommen hat (J Clin Urol 2016, online 6. Januar).

Die Wissenschaftler sahen die Krankenakten von 244 Frauen durch, die wegen unkomplizierter rezidivierender HWI in der Klinik vorstellig wurden.

Hier stellte sich heraus, dass 35 Prozent der Frauen zur fachärztlichen Untersuchung geschickt worden waren, ohne dass auch nur durch eine einzige Kultur erforscht worden wäre, ob es sich überhaupt um eine HWI handelte.

Bei 34 Prozent dieser Frauen war überhaupt nie eine Urinkultur angelegt worden, bei 66 Prozent waren die Kulturen negativ ausgefallen.

Kaum mehr Info durch Zystoskopie

Das heißt: Selbst wenn man annähme, dass bei den Frauen der ersten Gruppe bei genauerer kultureller Diagnostik ein Harnwegsinfekt festgestellt worden wäre, so wurden doch zwei Drittel dieser - und insgesamt betrachtet fast jede vierte aller - Patientinnen auf rezidivierende HWI untersucht und behandelt, obwohl die Beweislage für das Gegenteil sprach.

Andererseits fanden bei den 244 Frauen 180 Zystoskopien statt - 161 flexible und 19 starre. Routinemäßige Zystoskopien sind gemäß den Leitlinien bei ansonsten gesunden Frauen mit rezidivierenden HWI nicht indiziert.

Relevante pathologische Veränderungen ergaben die Zystoskopien in der vorliegenden Studie nur in sechs Fällen, zudem waren die Läsionen bei der Kontrolle verschwunden oder entpuppten sich in der Histologie als Entzündungen.

Insgesamt förderten die Zystoskopien keine zusätzlichen klinischen Informationen zutage.

Sonografie erwies sich als sinnvoll

Als sinnvolle diagnostische Maßnahme erwies sich die Sonografie des Harntrakts. Neben Befunden wie Harnsteinen (7 Patientinnen), Vernarbungen des Nierenparenchyms (5), hydronephrotischen Veränderungen oder Erweiterungen des Sammelsystems (3), möglichen Raumforderungen (2) und Geweberückständen in der Blase (1) erlaubt der Ultraschall auch die Restharnbestimmung.

Dies geschah 237-mal, 54-mal lagen die Mengen über 30 ml. Ab diesem Volumen steigt das Risiko für rezidivierende HWI.

Ab welchem Volumen eine Intervention erfolgen sollte, etwa in Form einer Selbstkatheterisierung, ist allerdings nicht klar.

Die in der Studie registrierten Volumina betrugen zwischen 0 und 841 ml, in neun Fällen lag die Restharnmenge zwischen 100 und 200 ml, in sieben Fällen darüber.

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