Ärzte Zeitung, 28.09.2006

Neues Medikament gegen Hepatitis B in Sicht

Telbivudin war in einer Studie der Standardtherapie mit Lamivudin überlegen / Bisher nur wenig resistente Viren

HANNOVER (grue). Zur Behandlung von Patienten mit chronischer Hepatitis B wird es in Deutschland voraussichtlich ab Mitte nächsten Jahres ein weiteres Medikament geben. Telbivudin ist wie das Standardmedikament Lamivudin ein Nukleosid-Analogon. In einer Vergleichsstudie mit dem Standardmittel war die neue Substanz nach einem Jahr antiviral wirksamer, und es gab damit weniger resistenzbedingte Wirkungsverluste.

Hepatitis-B-Viren im Elektronenmikroskop. Telbivudin hemmt die Virusreplikation. Resistenzen gegen das Mittel sind relativ selten. Foto: Gerlich, Uniklinik Gießen

An der Zwei-Jahres-Studie haben mehr als 1300 Patienten teilgenommen, wie Dr. Markus Cornberg von der Medizinischen Hochschule Hannover berichtet hat. Bei Therapie mit Telbivudin sank im ersten Jahr bei 60 Prozent der HBeAg-positiven Patienten die Virusmenge unter die Nachweisgrenze, mit Lamivudin war das bei 40 Prozent der Fall. Bei den HBeAg-negativen Patienten betrugen die Raten 88 (Telbivudin) vs. 71 Prozent.

Nach etwa eineinhalb Jahren Therapie (76 Wochen) sei der Vorteil bei Telbivudin noch größer geworden, sagte Cornberg auf einer Veranstaltung von Novartis in Hannover. Mit dem neuen Medikament sei dann bei mehr als zwei Drittel der HBeAg-positiven Patienten keine HBV-DNA mehr nachweisbar gewesen.

Die Patienten profitierten offenbar mehrfach von der neuen Therapie, so Cornberg: Die Virusmenge verringere sich schnell. Im Vergleich zur Lamivudin-Therapie normalisierten sich häufiger die Leberwerte, und es komme öfter zur HBeAg-Serokonversion.

Offenbar bilden HBV gegen Telbivudin auch nur selten Resistenzen. So gab es nach einem Jahr Telbivudin-Therapie bei drei Prozent der Patienten resistente Viren, bei Lamivudin waren es acht Prozent. Beide Nukleosid-Analoga sind nach Cornbergs Angaben ähnlich verträglich.

Mit Telbivudin und anderen neuen Medikamenten komme wieder Bewegung in die Hepatitis-Therapie, resümierte Cornberg: "Die Behandlung wird dadurch effektiver, aber auch komplizierter." Hepatitis-B-Patienten sollten deshalb möglichst in spezialisierten Zentren behandelt werden, sagte der Geschäftsführer des Kompetenznetzes Hepatitis.

Telbivudin ist bereits in der Schweiz zugelassen und soll bald auch in den USA auf den Markt kommen.

Hepatitis-B-Merkblatt: www.rki.de unter "Infektionskrankheiten A-Z"

STICHWORT

Hepatitis B

Etwa eine halbe Million Menschen sind in Deutschland chronisch mit Hepatitis-B-Viren infiziert. Akute Infektionen sind im Jahr 2003 bei etwa 2700 Patienten gemeldet worden. Als Infektionsursache wurden dabei am häufigsten Geschlechtsverkehr genannt, gefolgt von operativen oder invasiv-diagnostischen Eingriffen. An dritter Stelle stehen i.v.-Drogengebrauch und enger Kontakt mit infizierten Menschen. Fünf bis zehn Prozent der akuten Infektionen chronifizieren mit hohem Risiko für Zirrhose und Leberkrebs.

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