Ärzte Zeitung, 07.12.2006

Neue Perspektiven für Patienten mit chronischer Hepatitis B

Neues Nukleosid-Analogon ist bisherigem Standardmedikament überlegen

BOSTON (urm). Bei Patienten mit chronischer Hepatitis B ist das Nukleosid-Analogon Telbivudin stärker antiviral wirksam als das Standardmedikament Lamivudin. Das haben Daten einer zweijährigen Studie ergeben, die bei einer Tagung zu Leberkrankheiten in Boston vorgestellt worden sind.

Hepatitis-B-Viren im Elektronenmikroskop. Sie kommen vor allem in der Leber vor. In Deutschland sind etwa 500 000 Menschen Träger des Virus. Foto: Gerlich, Uni Gießen

An GLOBE*, der bislang größten Studie ihrer Art, haben in 112 Zentren 1367 Patienten mit chronischer Hepatitis B teilgenommen. Das hat Dr. Ching-Lung Lai aus Hongkong bei einer Veranstaltung von Novartis berichtet. Die meisten Patienten (921) waren HBe-Antigen-positiv. Sie hatten anfangs eine um mehr als hundertfach höhere Viruskonzentration im Blut (zwei log-Stufen) als die HBe-Ag-negativen Patienten. Nach dem Zufallsprinzip bekamen die Teilnehmer entweder 600 mg Telbivudin oder 100 mg Lamivudin täglich.

Primärer Endpunkt der Studie war eine Absenkung der HBV-DNA unter 100 000 Kopien/ml plus Normalisierung der ALT oder ein HBe-Ag-Verlust. Dies erreichten mit Telbivudin 64 Prozent der Patienten nach zwei Jahren, mit Lamivudin 48 Prozent. Mit Telbivudin sank zudem die Viruskonzentration im Blut stärker als mit Lamivudin (minus 5,7 versus minus 4,4 log-Stufen). Bei mehr Patienten wurde die HBV-DNA unter die Nachweisgrenze gedrückt (56 versus 39 Prozent).

30 Prozent der Telbivudin-behandelten Patienten hatten eine HBe-Ag-Serokonversion, 25 Prozent mit Lamivudin. Bei den HBe-Ag-positiven Patienten mit ALT-Werten über dem zweifachen Normwert waren die Konversionsraten mit Telbivudin deutlich höher (36 versus 28 Prozent), so Lai.

Besonders gut sind die Aussichten für eine HBe-Ag-Serokonversion, wenn bei den Patienten nach 24wöchiger Therapie bereits die HBV-DNA unter die Nachweisgrenze gefallen ist. Haben die Patienten zu diesem Zeitpunkt noch eine Virusmenge von mehr als vier log-Stufen, so sind die Ansprechraten auch nach zwei Jahren unbefriedigend. Telbivudin ist in Deutschland noch nicht zugelassen. Mit der Markteinführung wird nach den Angaben des Unternehmens mit Mitte 2007 gerechnet.

*GLOBE: Global Leadership & Organizational Behaviour Effectiveness

STICHWORT

Hepatitis B

Epidemiologie: Weltweit sind 300 bis 420 Millionen Menschen Träger des Hepatitis-B-Virus (HBV). Die HBV-Prävalenz in Europa wird auf 0,1 Prozent im Nordwesten und 8 Prozent im Osten und Süden geschätzt. Für Deutschland gehen Epidemiologen von etwa 500 000 chronisch HBV-infizierten Menschen aus.

Erreger: Das Hepatitis-B-Virus gehört zur Gruppe der Hepadna-Viren. Seine DNA ist in ein Kapsid aus Core-Protein (HBcAg) verpackt. Das ist von einer Virushülle umgeben, die aus viralen Oberflächen-Antigen (HbsAg) und Zellmembranteilen besteht. Die lösliche Form des Core-Proteins ist das HBeAg. (eb)

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