Ärzte Zeitung, 19.05.2010

"Werben Sie für Hepatitis A- und B-Impfungen!"

"Werben Sie für Hepatitis A- und B-Impfungen!"

"Das ist Hepatitis ..." Mit einer internationalen Kampagne will die Welt-Hepatitis-Allianz die Bedeutung der Erkrankungen verdeutlichen. Zum Welt-Hepatitis-Tag am 19. Mai fordert Professor Michael P. Manns: "Die Lebererkrankungen müssen endlich als ernstes gesundheitspolitisches Problem wahrgenommen werden!"

"Ärzte Zeitung": Herr Professor Manns, "Bin ich die Nummer 12?" lautet die Frage der seit Oktober 2009 laufenden Kampagne der World Hepatitis Alliance (WHA). Was ist damit gemeint?

Professor Michael Manns: Einer von zwölf Menschen weltweit leidet an chronischer Hepatitis B oder C. Wir wollen darauf hinweisen, dass die Virushepatitiden zu den gesundheitspolitisch und auch ökonomisch bedeutendsten Erkrankungen zählen, eine der wichtigsten Ursachen für Krebserkrankungen und Tod darstellen. Es gibt Behandlungsmöglichkeiten, aber dafür muss man die Erkrankungen zunächst einmal erkennen.

"Ärzte Zeitung":Welche Ziele verfolgt die WHA mit dieser Kampagne?

Manns: Es soll ein Bewusstsein für die Hepatitiden geschaffen werden, sowohl bei Patienten wie auch bei niedergelassenen Ärzten. Weil nur ein Bruchteil der Menschen, die an einer Virushepatitis leiden, davon überhaupt weiß, sind sie als Ansteckungsquelle eine Gefahr und sie entgehen der Behandlung. Jeder erhöhte Leberwert muss geklärt werden!

Prof. Michael Manns
Ausbildung: 1970 -1976 Studium der Humanmedizin; 1976 Med. Staatsexamen, 1977 Approbation
Werdegang: 1984 Arzt für Innere Medizin; seit 1991 Direktor der Klinik für Gastro­enterologie, Hepatologie und Endokrinologie, MHH

Mitgliedschaften: seit 2005 Mitglied im Lenkungsausschuss von VIRGIL, europäisches Exzellenz-Netzwerk für den Kampf gegen Virusresistenz; seit 2006 Vorstandsvorsitzender der Deut-schen Leberstiftung

"Ärzte Zeitung": Wie wird sich die Deutsche Leberstiftung an der Kampagne beteiligen?

Manns: Dank der Forschungsarbeit der Stiftung gemeinsam mit dem Kompetenznetz Hepatitis ist die Behandlung bei chronischer Hepatitis deutlich optimiert worden. Diese Arbeit geht weiter und wir informieren die Öffentlichkeit darüber, zum Beispiel mit Faltblättern, mit dem zweimal jährlich erscheinenden "HepNet Journal" oder mit Telefonsprechstunden für Betroffene, Ärzte und Apotheker. Jedes Jahr am 20. November veranstalten wir gemeinsam mit der Gastro-Liga und der Patientenselbsthilfeorganisation Deutsche Leberhilfe e.V. den Deutschen Lebertag. Über unsere Internetseite www.deutsche-leberstiftung.de stellen wir Fachleuten exklusive Informationen zur Verfügung.

"Ärzte Zeitung": Was bedeutet die Problematik unerkannter Hepatitis-Erkrankungen für den niedergelassenen Arzt?

Manns: An erster Stelle möchte ich dazu aufrufen, für die Impfungen gegen Hepatitis A und B zu werben und Ängste davor abzubauen. Die Hepatitis-B-Impfung wird ab dem Kleinkindalter empfohlen, trotzdem haben wir im Schulalter noch keinen hundertprozentigen Impfschutz erreicht. Nur die Durchimpfung in der Bevölkerung hemmt die Verbreitung der Viren. Hepatitis A ist eine der wichtigsten Reisekrankheiten, und auch für die Hepatitis A Impfung sollte man die Indikation großzügig stellen, zumal es Kombinationsimpfstoffe gegen Hepatitis A und B gibt. Zweitens: Nur wenn dem Hausarzt bewusst ist, dass erhöhte Leberwerte keine "Kavaliersdelikte" sind und man deren Gründe klären muss, werden auch die Hepatitiserkrankungen erkannt. Diese Patienten sollten dann beim Spezialisten behandelt werden. Ich rate davon ab, mit irgendeiner Therapie zu beginnen und im Nachhinein beim Fachkollegen anzufragen, ob das richtig war.

"Ärzte Zeitung": Bei welchen Risikogruppen der Bevölkerung sollte man denn besonders aufmerksam sein?

Manns: Bei Hepatitis C sind dies alle Menschen, die vor 1990 Transfusionen von Blut oder Blutprodukten erhalten haben. Dazu gehören weiterhin alle, die von intravenös konsumierten Drogen abhängig waren oder sind. Hinzu kommen Menschen, die häufig Operationen oder andere medizinische Eingriffe über sich ergehen lassen mussten. Man sollte in der Öffentlichkeit auch klar kommunizieren, dass Hepatitis B eine der häufigsten Geschlechtskrankheiten ist. Das Hepatitis-B-Virus ist wesentlich kontagiöser als HCV und HIV. Impfungen und Kondome schützen!

"Ärzte Zeitung": Ernährung, Übergewicht und Alkoholmissbrauch sind weitere wesentliche Ursachen für Lebererkrankungen. Wie kann man diesem Problem Herr werden?

Manns: Übergewicht ist eine Hauptursache für die Entstehung der Fettleber. Damit verbunden ist eine erhöhte Diabeteshäufigkeit. Hepatitis C schreitet dann verstärkt Richtung Zirrhose fort, wenn die von Ihnen genannten Faktoren hinzukommen. Jeder vierte Hepatitis-C-Patient hat eine progrediente Erkrankung, die in die Leberzirrhose mündet. Und das sind eben jene, die Alkohol trinken, die übergewichtig sind und die einen Diabetes mellitus haben. Also müssen wir diese Patienten verstärkt ins Auge fassen. Hinzu kommen jene mit nicht-alkoholischer Steatohepatitis (NASH), die zur Leberfibrose und Leberzirrhose fortschreiten und auf deren Boden schließlich ein Karzinom entstehen kann.

"Ärzte Zeitung": Welche therapeutischen Fortschritte hat es in den vergangenen Jahren bei Leberzirrhose und Leberzellkarzinomen gegeben?

Manns: Wenn man eine Hepatitis C im frühen Zirrhosestadium ausheilt, schreitet die Lebererkrankung praktisch nicht fort. Das ist wichtig zu wissen. Frühe Zirrhosezeichen können sich bei adäquater Behandlung sogar zurückbilden. Die Hepatitis B ist bislang nicht heilbar, aber wir können das Fortschreiten der Erkrankung aufhalten.

Wenn man die Virusproduktion medikamentös hemmt, nimmt auch die Wahrscheinlichkeit für Komplikationen wie Aszites, Gelbsucht, Enzephalopathie, für Ösophagusvarizenblutungen und für die Karzinomentstehung ab. Anteilsmäßig sind die erstgenannten Komplikationsmöglichkeiten zurückgegangen. Die Varizenblutungen zum Beispiel beherrscht man heute unter anderem mit endoskopischen Ligaturtechniken recht gut. Hinzu kommen spezifische minimal-invasive Behandlungsmethoden an der Leber wie das Schaffen intrahepatischer Stent-Shunts. Hauptkomplikation ist daher heute das Leberzellkarzinom. Patienten mit Leberzirrhose müssen deshalb halbjährlich sonographisch untersucht und der Tumormarker AFP bestimmt werden. Sich bildende präkanzeröse Knoten werden lokoregional mit Alkohol, Laser oder Hitze zerstört oder chirurgisch entfernt.Liegen sehr viele Herde vor und ist die Leberfunktion noch gut, praktiziert man die Chemoembolisation.

"Ärzte Zeitung": Welche Forderungen würden Sie im Zusammenhang mit der Aufmerksamkeitskampagne an Politiker richten?

Manns: Die Deutsche Leberhilfe hat sechs globale und sechs nationale Forderungen an Politiker formuliert, nachzulesen auf der Internetseite www.binichdienummer12.de . In Deutschland bemühen wir, also die Leberstiftung, die Leberhilfe und die Gastro-Liga, uns unter anderem darum, dass der Leberwert GPT Teil des Check-up 35 wird, dass kostenlose und anonyme Testmöglichkeiten zur Verfügung gestellt und dass Statistiken über Neuerkrankungen in Deutschland vereinheitlicht werden. Die Leberkerkrankungen, besonders Hepatitis B und C, müssen endlich als ernstes gesundheitspolitisches Problem wahrgenommen werden!

Weitere Informationen zum Welt-Hepatitis-Tag und Lebererkrankungen unter: www.binichdienummer12.de, www.leberhilfe.org, www.deutsche-leberstiftung.de, www.kompetenznetz-hepatitis.de
Das Interview führte Thomas Meißner

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