Ärzte Zeitung, 05.10.2016

Hepatitis-Prävention

Wie Ärzte Ansteckungen verhindern können

Die Zahl der Neuinfektionen mit Hepatitis C stagniert. Bis 2030 soll Hepatitis ausgelöscht sein – so der Wille der Bundesregierung in Deutschland. Was sollten Ärzte dafür tun?

Von Marco Mrusek

Wie Ärzte Ansteckungen verhindern können

Das Hepatitis-C-Virus im 3D-Modell.

© Dr_Kateryna / Fotolia

NEU-ISENBURG. Bis zum Jahr 2030 soll die Verbreitung von Hepatitis B und C in Deutschland eingegrenzt sein – dieses Ziel hat sich die Bundesregierung im April dieses Jahres gesteckt.

Das Programm des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) mit dem Namen "Strategie zur Eindämmung von HIV, Hepatitis B und C und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten" und dem Untertitel "BIS 2030 – Bedarfsorientiert, Integriert, Sektorübergreifend" sieht vor, "die Epidemien von Aids und Tuberkulose zu beenden [und] Hepatitis zu bekämpfen."

Öffentlichkeitsbewusstsein nicht ausreichend vorhanden

Anders als bei HIV sei es bisher nicht gelungen, in der Öffentlichkeit ein ausreichendes Bewusstsein für die Infektion mit Hepatitis-Viren zu schaffen. Es mangele noch an Aufmerksamkeit für Risiken und Schutzmöglichkeiten vor Infektionen und es existierten noch Hürden, sich zu informieren oder bei Verdacht einen Arzt aufzusuchen. Denn noch immer sind sexuell übertragbare Infektionskrankheiten mit Scham und Stigma verbunden.

Betroffene Menschen werden häufig ausgegrenzt und diskriminiert. So verlieren laut Deutscher AIDS-Hilfe mehr Berufstätige mit HIV ihren Job aufgrund von Diskriminierung als wegen eines schlechten Gesundheitszustandes .

Dabei steht es in Deutschland um die Gesundheit der Hepatitis-Betroffenen alles andere als schlecht. Gegen Hepatitis B gibt es eine Impfung, die meisten Patienten mit chronischer Infektion mit Hepatitis C-Viren (HCV) können geheilt werden und bei rechtzeitiger Behandlung können Spätfolgen verhindert werden.

Bezüglich HCV steht Deutschland auch im internationalen Vergleich gut da. Wie aus einer Veröffentlichung des Robert Koch-Instituts (RKI) zu entnehmen ist, liegt die Antikörperprävalenz für HCV in Deutschland bei 0,3 Prozent.

Hat ein Patient HCV- Antikörper, signalisiert dies bekanntermaßen einen bereits erfolgten Kontakt mit dem Virus. Die Antikörper-Prävalenz in Italien beispielsweise liegt über sechzehnmal höher (5 Prozent), in Usbekistan liegt sie gar bei 13 Prozent.

Ansteckung: Vor allem Männer in den Dreißigern

Seit 2005 nimmt die HCV-Inzidenz insgesamt ab. Doch in den letzten sechs Jahren hat sich dieser Trend verlangsamt, die Inzidenz bleibt seit 2011 relativ stabil um die 5000 Neuerkrankungen pro Jahr. Einsamer Spitzenreiter dabei ist die Hauptstadt Berlin. Dort gab es 2015 12,4 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner. Am wenigsten Erstdiagnosen hatte Bremen mit 1,5 pro 100.000 Einwohner, so das RKI.

Es sind vor allem Männer in ihren Dreißigern, die sich in Deutschland mit HCV infizieren. Fast doppelt so häufig wie Frauen erkranken Männer an HCV, im Alter von 30 bis 39 sogar fast dreimal so häufig. Dabei stehen zwei Übertragungswege für Männer prominent im Vordergrund, auf sie entfallen zusammen 92 Prozent der Neuinfektionen:

- An erster Stelle zu nennen ist intravenöser Drogengebrauch. Mehr als drei Viertel der Neuerkrankungen von Männern und Frauen geschehen über diesen Übertragungsweg, bei Männern liegt der Anteil bei 81 Prozent.

- An zweiter Stelle steht Sex zwischen Männern. Über diesen Infektionsweg erkrankten 2015 insgesamt 11 Prozent. Das Infektionsrisiko bestimmen dabei nicht nur verletzungsträchtige Sexualpraktiken, sondern auch bereits vorhandene andere sexuell übertragbare Infektionen.

Gleiche Risikogruppe für HIV und Hepatitis C

Studien des BMGs zufolge häufen sich solche sexuell übertragbaren Infektionen in bestimmten Gruppen aufgrund gleicher beziehungsweise ähnlicher Übertragungswege. Von den Infektionen mit gleichem Übertragungsweg erhöht vor allem eine HIV-Infektion das Infektionsrisiko für Männer, die Sex mit Männern haben.

Diese erhöhte Koinfektionsrate erklärt sich laut BMG durch die oft größere Viruslast bei Betroffenen mit HIV-HCV-Koinfektion. Diese wiederum bedingt eine erhöhte Infektiosität unter der Gruppe von HIVinfizierten Männern, die Sex mit Männern haben.

In Zahlen ausgedrückt bedeutet das: HCV-Neudiagnosen mit wahrscheinlichem Übertragungsweg durch sexuelle Kontakte zwischen Männern steigen seit 2001, seit 2004 hat sich die Zahl fast vervierfacht. So wurden 2004 insgesamt 26 HCV-Erstdiagnosen mit wahrscheinlichem Übertragungsweg durch sexuelle Kontakte zwischen Männern an das RKI übermittelt, 2015 waren es 95.

Strategie des RKI

Wie will das RKI dem HCV-Infektionsrisiko durch intravenösen Drogengebrauch und sexuelle Kontakte zwischen Männern begegnen, vor allem bei bestehender HIV-Infektion? Das Institut fordert eine verstärkte Aufklärung, regelmäßige Tests von Risikogruppen auf HCV und sexuell übertragbare Krankheiten und konsequente Behandlungen von Infizierten. Außerdem wird der Gebrauch von Kondomen empfohlen sowie, Drogenbesteck nicht zu teilen.

Um das Bewusstsein zu Übertragungswegen und Schutzmaßnahmen in Risikogruppen zu verbessern, stellen sich die Zuständigen des RKI gezielte Kurzberatungen für Risikogruppen als regelmäßiges Angebot, Schulungsangebote für Mitarbeiter der Drogenhilfe und eine flächendeckende bedarfsorientierte Ausgabe von Konsumutensilien wie Spritzen und Löffeln vor.

Besonders junge Drogenkonsumenten sollen so auf lokaler Ebene gezielt mit Präventionsmaßnahmen erreicht werden. Auch bei Flüchtlingen seien Wissensdefizite zu Hepatitis vorhanden, und mehr als die Hälfte der vom RKI befragten Asylsuchende gab an, sich mehr Informationen zu Übertragungsrisiken zu wünschen.

Ärzten, vor allen Haftärzten und Ärzten für Drogengebrauchende, rät das RKI, Hepatitis B-Impfungen verstärkt anzubieten und umzusetzen. Personen, die fortgesetzt Infektionsrisiken ausgesetzt sind, sollten regelmäßig auf HIV und HCV getestet werden. Sehr wichtig sei in diesem Bereich die Vorbeugung von Nadelstichverletzungen, fügt die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege hinzu.

Am 20. November wird der 17. Deutsche Lebertag von der Deutschen Leberstiftung, der Deutschen Leberhilfe e. V. und der Deutschen Gastro-Liga e. V. ausgerichtet. Zum bundesweiten Aktionstag werden viele lokale Veranstaltungen angeboten. Informationen im Internet unter www.lebertag.org

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