Ärzte Zeitung, 12.01.2006

HINTERGRUND

Impfstoffe gegen Varizellen könnten künftig auch die Zoster-Prävalenz bei alten Menschen eindämmen

Von Werner Stingl

Zehn bis 20 Prozent der Menschen erkranken in ihrem Leben an Herpes zoster als endogene Reaktivierung einer Varicella-zoster-Infektion (Windpocken), wie Professor Robert Müllegger von der Universitäts-Hautklinik in Graz berichtet hat.

Herpes zoster auf der Stirn. Bei bis zu zwei Dritteln der über 70jährigen Patienten kommt es zu einer Post-Zoster-Neuralgie. Foto: Schauerte

Je älter Menschen sind, desto häufiger bekommen sie die Erkrankung: So beträgt die jährliche Zoster-Inzidenz bei 40- bis 49jährigen etwa 300 pro 100 000, bei über 70jährigen steigt sie auf 700/100 000 und bei den über 80jährigen sogar auf 1200/100 000. Da der Anteil alter Menschen in der Bevölkerung zunimmt, dürfte damit die Herpes-zoster-Prävalenz steigen.

Alte Menschen bekommen sehr oft eine Post-Zoster-Neuralgie

Mit dem Alter wird auch der Verlauf von Herpes zoster schwerer, so Müll-egger auf einer Veranstaltung des Unternehmens Berlin-Chemie in München. So bekommen 15 bis 20 Prozent der Patienten mit Gürtelrose eine Post-Zoster-Neuralgie, bei den über 70jährigen sind es bis zu zwei Drittel.

Warum gerade ältere Menschen ein erhöhtes Risiko haben, begründete Müllegger mit der altersbedingt sinkenden Zahl CD4-positiver T-Zellen. Die dadurch bedingte Abwehrschwäche erleichtert die endogene Reaktivierung der im Körper meist seit der Kindheit schlummernden Windpocken-Viren.

Bekommen Menschen unter 50 Jahren einen Herpes zoster, sollte dies deshalb immer als möglicher Hinweis auf eine medikamentös- oder krankheitsbedingte Abwehrschwäche gewertet und die Patienten sollten entsprechend untersucht werden, sagte Müllegger. So würden zum Beispiel viele HIV-Infizierte erstmals durch einen Herpes zoster klinisch auffällig.

Durch Impfungen könnte künftig ein Teil der Zoster-Erkrankungen verhindert werden. So wird allen Kindern in Deutschland von der Ständigen Impfkommission im Alter von 11 bis 14 Monaten die Windpocken-Impfung empfohlen.

Das abgeschwächte Impfvirus scheint im Vergleich zum Varicella-Wildvirus deutlich weniger stark zur endogenen Reaktivierung zu neigen. Zumindest aus kleinen Studien ist bekannt, daß bei geimpften Kindern der in diesem Alter sehr seltene Herpes zoster um bis zu 75 Prozent weniger auftritt als bei Ungeimpften. Inwieweit dieser Schutz bis ins Alter anhält - wenn das eigentliche Zoster-Risiko besteht -, ist angesichts der kurzen Erfahrungen mit der Impfung noch unklar.

Allerdings wird auch ein mögliches Problem der generellen Windpocken-Impfung von Kleinkindern diskutiert. Mit Impfungen wird nämlich - was man sich erhofft - die Erregerzirkulation weitgehend unterbunden. Das Zoster-Risiko für Menschen, die Windpocken gehabt haben und in denen somit das Wildvirus schlummert, könnte sich dadurch erhöhen, räumte Müllegger ein.

Aus US-Studien ist bekannt, daß kinder- und enkellose alte Menschen signifikant öfter an Herpes zoster erkranken als Altersgenossen mit vielen Nachkommen. Und Kinderärzte bekommen Herpes zoster nur etwa ein Drittel so häufig wie Gleichaltrige aus der Normalbevölkerung, bestätigte Professor Peter Wutzler vom Virologischen Institut der Universität Jena.

Offenbar frischt regelmäßiger Kontakt mit Windpocken-Viren die Abwehrkräfte von Erwachsenen auf und beugt so der Virusreaktivierung vor. Diese natürlichen Booster fallen natürlich in einer gut durchgeimpften Bevölkerung weg.

Schutz für alte Menschen vor Zoster könnte aber eine Impfung gegen das Varicella-zoster-Virus bieten. Hierfür wird ein spezieller hochdosierter Lebendimpfstoff entwickelt. Die Wirksamkeit der Vakzine wurde in einer großen Studie in den USA belegt (NEJM 352, 2005, 2271).

An dieser Doppelblindstudie hatten 38 000 Menschen im Alter über 60 Jahre mit Windpocken in der Anamnese teilgenommen. Sie waren randomisiert in zwei Gruppen aufgeteilt worden. Eine Hälfte wurde mit dem Senioren-Varicella-Zoster-Impfstoff (vom Unternehmen MSD, Zulassung in Europa beantragt), die andere Hälfte mit Placebo geimpft.

50 Prozent weniger Zoster-Kranke bei den Geimpften

In der durchschnittlich dreijährigen Nachbeobachtungszeit waren in der Verumgruppe 315 und in der Placebogruppe 642 Menschen an einem Herpes zoster erkrankt. Die Reduktion der Zoster-Rate auf weniger als die Hälfte war statistisch signifikant.

Auch die Zahl von Post-Zoster-Neuralgien wurde in der Impfgruppe um zwei Drittel reduziert. Zudem waren die Verläufe von Zoster-Erkrankungen in der Verumgruppe im Schnitt deutlich milder und komplikationsärmer als in der Placebogruppe.

STICHWORT Aus dem Springer Lexikon Medizin

Zoster

Herpes zoster ist eine akute, schmerzhafte Erkrankung durch Rezidiv eines Infekts mit dem Varicella-zoster-Virus (Windpocken).

Klinik: beginnt mit Allgemeinerscheinungen und dumpfen oder ziehenden Schmerzen im Versorgungsbereich des betroffenen Ganglions; am 3. bis 5. Tag kommt es zur typischen Hauteruption mit entzündlicher Rötung und Bläschenbildung; meist sind das Gesicht (30 Prozent im Trigeminusbereich) oder der Rumpf betroffen (typische Gürtelrose).

Komplikationen: pyogene Sekundärinfektion, Konjunktivitis, Keratinitis, Ulcus corneae, Entzündung des Sehnervs, Dissemination in innere Organe bei Abwehrschwäche.

Therapie: systemische Therapie mit Replikationshemmern wie Aciclovir, Famciclovir, Valaciclovir, lokale Therapie, Analgesie.

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