Ärzte Zeitung, 19.12.2005

HINTERGRUND

Auffrischimpfung gegen Pertussis ist bereits nach fünf Jahren nötig

Von Wolfgang Geissel

Die Zahl der Kinder mit Keuchhusten nimmt wieder zu, meldet das Robert-Koch-Institut (RKI). Und das, obwohl die Durchimpfungsraten gut sind. Bemerkt wird dies in den neuen Bundesländern, wo es eine Meldepflicht für Pertussis gibt und wo seit zwei Jahren immer wieder Häufungen der Infektionen in Familien, Schulen und Kindertagesstätten registriert werden.

Dort ist die Pertussis-Inzidenz von 7,4 Erkrankten pro 100 000 Einwohner im Jahr 2001 auf 12,3 im Jahr 2004 gestiegen. Weiter fällt auf, daß besonders häufig Kinder im Alter von fünf bis 15 Jahren Keuchhusten bekommen und immer öfter auch komplett geimpfte Kinder erkranken.

Obwohl die Zahlen bisher nur für die neuen Bundesländern vorliegen, wird auch in den alten Ländern eine Zunahme der Pertussis-Inzidenz bei älteren Kindern vermutet, so das RKI (Epi Bull 23, 2005, 195).

Nach einer Erkrankung ist man nur 15 Jahre geschützt

Gegen Keuchhusten gibt es keine lebenslange Immunität. Nach einer Erkrankung sind Menschen nur etwa 15 Jahre geschützt. Nach der kompletten Impfserie mit vier Impfungen im ersten Lebensjahr geht man bisher von einem etwa zehnjährigen Schutz aus.

Von der Ständigen Impfkommission (STIKO) wird deshalb zur Zeit allen Kindern und Jugendlichen zwischen neun und 17 Jahren eine Auffrischimpfung empfohlen. Offenbar läßt der Schutz bei Kindern aber bereits früher nach, wie Professor Christel Hülße von der STIKO im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" berichtet hat.

In Sachsen wird deshalb schon im Alter von fünf bis sechs Jahren der Pertussis-Booster empfohlen. Im Gegensatz zu den anderen neuen Ländern wird in Sachsen auch keine Zunahme der Inzidenz ab dem sechsten Lebensjahr beobachtet. Und: In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gab es unter den pertussiskranken Kindern 50 Prozent mit vollständiger Impfserie, in Sachsen waren es nur 22 Prozent.

"In der STIKO wird deshalb erwogen, die Auffrischimpfung generell in ganz Deutschland auf das fünfte bis sechste Lebensjahr vorzuziehen", sagte Hülße. Nach ihrer Meinung sollte das so schnell wie möglich geschehen. Die Kinder sollten dabei mit einer Kombivakzine mit Tetanus-, Diphtherie- und Pertussis-Anteil (TdaP) geimpft werden.

Impfung ist nur noch mit Kombivakzinen möglich

Wurde bei einem Kind die Grundimmunisierung im Säuglingsalter versäumt, dann können die Impfungen bis zum Ende des fünften Lebensjahres mit einem Fünf- oder Sechsfachimpfstoff nachgeholt werden, sagte die Impfexpertin. Bei älteren Kindern oder Jugendlichen sind hingegen andere Impfstoffe zu wählen. Da es keinen Monoimpfstoff mehr gegen Pertussis gibt, ist der Schutz dann nur noch mit anderen Kombivakzinen möglich. Eine einzige Impfdosis reicht dann für den Pertussis-Schutz.

Es gibt trivalente Impfstoffe mit Tetanus- und Diphtherie-Anteil (TdaP) oder tetravalente, die zusätzlich vor Poliomyelitis schützen (TdaP-IPV). Der Grundsatz, generell nicht öfter als alle fünf Jahre gegen Tetanus oder Diphtherie zu impfen, sollte bei fehlendem Pertussis-Schutz außer Acht gelassen werden, betont Hülße. Beträgt der Abstand zu einer Td-Impfung weniger als fünf Jahre, dann sollten Impflinge oder ihre Eltern aber darauf hingewiesen werden, daß die lokalen Impfreaktionen etwas heftiger ausfallen können.

In der STIKO wird zudem seit einigen Jahren diskutiert, allen Erwachsenen alle zehn Jahre eine Pertussis-Impfung zu empfehlen. Dadurch ließen sich auch die Infektionsketten unterbrechen: Die stark gefährdeten Säuglinge könnten nicht mehr durch infizierte Erwachsene angesteckt werden. Bereits jetzt empfiehlt die STIKO die Impfung etwa dem Personal in Kindergärten, -horten und -heimen.

Außerdem sollte Personal in Einrichtungen der Pädiatrie, der Schwangerenbetreuung und der Geburtshilfe geimpft werden. Zum Schutz für Säuglinge rät die STIKO zu einer Kokon-Strategie. "Überall, wo ein Baby geboren wird, sollten sich Eltern, Großeltern, Babysitter und Geschwister vorher gegen Keuchhusten impfen lassen", sagt Hülße.

Erwachsenen selbst kann die Impfung außerdem erhebliche Krankheitssymptome ersparen, sagt Hülße. Sie persönlich rät deshalb zur Impfung, wobei Erwachsene alle zehn Jahre eine Dosis einer Kombivakzine (TdaP oder TdaP-IPV) erhalten sollten. Auch empfiehlt sie Kollegen, erwachsene Patienten mit länger dauerndem Husten auf Keuchhusten zu untersuchen. Typisch für Pertussis bei Erwachsenen seien nächtliche Hustenattacken.

Daß Keuchhusten bei Erwachsenen gar nicht so selten ist, haben Hülße und ihre Kollegen in Rostock und Krefeld in einer Studie mit etwa 1000 Patienten in Arztpraxen belegt (wir berichteten).

Die Teilnehmer waren über 18 Jahre alt und hatten einen länger als sieben Tage dauernden Husten. Patienten mit chronischen Krankheiten der Atemwege waren ausgeschlossen. Anhand von Erregernachweisen in Nasen-Rachenabstrichen und Blutproben war Bordetella pertussis nach Respiratorischem Syncytial Virus (RSV), Chlamydien und Adenoviren die viert-häufigste Ursache des Hustens, berichtete Hülße.

Bei etwa zehn Prozent der Patienten wurde Pertussis belegt. Sie hatten dabei im Mittel 44 Tage lang gehustet, und der längste Husten hatte 72 Wochen gedauert.

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