Ärzte Zeitung, 30.01.2006

HINTERGRUND

Weniger Meningitis, Otitis media und Pneumonie - das bietet Kindern die Pneumokokken-Impfung

Eine Röntgen-Ärztin schaut sich die Lungenaufnahme einer Patientin an, bei der klinisch der Verdacht auf eine bakterielle Pneumonie besteht. Foto: Dr. Ley, DGK

Von Wolfgang Geissel

Pneumokokken sind vielseitig. Als Bestandteil der normalen Flora besiedeln sie bei 60 Prozent der Kleinkinder und 30 Prozent der jungen Erwachsenen den Nasen-Rachenraum. Mit zunehmenden Alter nimmt die Trägerrate ab. Werden etwa durch virale Infektionen Schleimhäute geschädigt, oder die Abwehrkräfte nehmen ab, dann können Pneumokokken Otitis media, Sinusitis und Pneumonie oder auch schwere invasive Infekte wie Meningitis oder Sepsis hervorrufen. Besonders gefährdet sind alte Menschen und Kleinkinder.

Pro Jahr etwa 250 Meningitiden und 19 Todesfälle

Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme von Pneumokokken. Die Keime können invasive Infekte verursachen. Foto: CDC-PHIL

Nach Schätzungen erkranken jedes Jahr in Deutschland durch Streptococcus pneumonia bis zu 250 Kinder an Meningitiden und 600 000 an Otitis media. Nach Daten der Erhebungseinheit für seltene pädiatrische Erkrankungen (ESPED) sterben jedes Jahr etwa 19 Kinder im Alter bis fünf Jahre an invasiven Pneumokokken-Infekten, und 38 bekommen zum Teil schwere Behinderungen.

Impfen kann einen Teil der Pneumokokken-Infektionen verhindern. Allen Menschen ab 60 Jahren sowie chronisch Kranken rät die Ständige Impfkommission (STIKO) zur Impfung. Für ältere Kinder und Erwachsene gibt es dazu eine 23valente Polysaccharid-Vakzine (Pneumovax®).

Polysaccharid-Impfstoffe können allerdings Kleinkinder unter zwei Jahren wegen ihres noch nicht ausgereiften Immunsystems nicht schützen. Für sie gibt es seit 2001 eine konjugierte Vakzine (Prevenar®), die bis zum Alter von fünf Jahren zugelassen ist. Die STIKO rät, damit Frühgeborene zu schützen sowie Kinder mit Immundefekten oder Gedeihstörungen. Zudem wird über eine Impfempfehlung für alle Kinder in Deutschland diskutiert. In Sachsen wurde der Schutz jetzt in den Impfkalender aufgenommen.

Besonders der Wert der Kinder-Pneumokokken-Impfung ist in den vergangenen Jahren gut untersucht worden. Der verfügbare Kinder-Impfstoff enthält Antigene von sieben Serotypen und deckt damit in den USA etwa 90 Prozent der Erreger schwerer Infekte ab, wie Professor Ron Dagan von der Universität in Beer-Sheva in Israel berichtet hat.

Weil in Europa andere Keime zirkulieren, schützt die Vakzine nach Dagans Angaben hier nur gegen 70 Prozent der relevanten Erreger. Mit drei zusätzlichen Serotypen in neuen Vakzinen lasse sich die Rate künftig auf 87 Prozent erhöhen, sagte der Pädiater bei einem Symposium von GlaxoSmithKline in Prag.

Am besten schützt der sieben-valente Impfstoff vor invasiven Infekten wie Meningitis und Bakteriämien. In Studien seien Schutzraten von 77 bis 94 Prozent gegen die enthaltenen Serotypen ermittelt worden, berichtete Dagan.

Der Schutz gegen Mukosa-Infektionen ist geringer. Gegen eine Otitis media, durch eine von den sieben Serotypen hervorgerufen, biete die Vakzine 56 bis 67 Prozent der Impflinge Schutz. Weil aber auch weitere virale und bakterielle Erreger Mittelohrentzündungen verursachen, werden durch die Vakzine insgesamt nur sechs Prozent der Otitiden verhindert.

In den USA, wo seit sechs Jahren allen Kleinkindern die Impfung empfohlen wird, zeigte sich auch ein deutlicher Effekt von Herdimmunität. Nicht nur bei den geimpften Kindern ging die Rate invasiver Infektionen zurück, sondern auch bei Erwachsenen und bei den besonders gefährdeten alten Menschen.

Nach Angaben von Dagan wurde berechnet, daß im Jahr 2003 in den USA 9140 invasive Erkrankungen bei den Impflingen verhindert wurden, in den nicht-geimpften Bevölkerungsgruppen aber mit 20 460 mehr als doppelt so viele. Weil die Erregerzirkulation durch das Impfprogramm nachläßt, wurden auch Antibiotika-resistente Pneumokokken in der US-Bevölkerung stark zurückgedrängt.

In Entwicklungsländern mit hohen Raten schwerer Pneumokokken-Infektionen sind konjugierte Impfstoffe besonders effektiv. So wurden in einer Studie in Gambia je etwa 8700 Säuglinge mit einer neun-valenten Vakzine oder Placebo geimpft.

In den folgenden zwei Jahren bekamen 333 Kinder eine im Röntgenbild gesicherte Pneumonie im Vergleich zu 513 in der Placebogruppe - ein Unterschied von 37 Prozent (Lancet 365, 2005, 1139). Die Zahl der invasiven Pneumokokken-Infekte wurde halbiert. Insgesamt gab es bei den Geimpften 16 Prozent weniger Todesfälle.

Die Schutzwirkung gegen Otitis media wurde verbessert

Weiterentwickelte konjugierte Pneumokokken-Impfstoffe scheinen zudem einen verbesserten Schutz gegen akute Otitis media zu bieten. Zum Beispiel entwickelt GSK zur Zeit einen elf-valenten Impfstoff, bei dem die Pneumokokken-Antigene nicht wie bei der verfügbaren Vakzine an ein Tetanus-Protein, sondern an ein Protein von Haemophilus-influenzae-gebunden sind. Man hofft, damit auch einen Schutz gegen Otitiden durch H.-influenzae zu erreichen.

Erste Ergebnisse einer Studie mit der Vakzine hat Dagan vorgestellt. Im Pneumococcus Otitis Efficacy Trial (POET) waren 4968 Säuglinge in Tschechien je zur Hälfte mit vier Dosen des Pneumokokken-Impfstoffs oder mit einer Hepatitis-A-Vakzine geimpft worden. In den folgenden zwei Jahren wurden etwa 1000 Episoden von Otitis media ausgewertet, so Dagan.

In der Verumgruppe habe es 52 Prozent weniger Otitis media durch Pneumokokken und 36 Prozent weniger durch H. influenzae gegeben. Insgesamt hätten die Kinder der Verumgruppe 34 Prozent weniger Episoden akuter Otitis media gehabt.

FAZIT

Vor allem alte Menschen und Kleinkinder brauchen Impfschutz gegen Pneumokokken. In den USA wurde jetzt belegt, daß durch Kleinkinder-Impfprogramme wegen der verringerten Erregerzirkulation auch alte Menschen geschützt werden. Zudem nimmt durch Impfen die Rate von Infekten mit Antibiotika-resistenten Keimen ab. Neue Pneumokokken-Vakzine werden entwickelt und sollen künftig einen verbesserten Schutz gegen Otitis media bieten.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Medikamente auch einmal beherzt absetzen!

Viele Ärzte scheuen sich, Medikamente abzusetzen - obwohl sie wissen, dass dies Patienten oft hilft. Neuseeländische Wissenschaftler haben zwei paradoxe Gründe dafür gefunden. mehr »

Geht's auch etwas modischer in der Klinik?

Unsere Bloggerin Dr. Jessica Eismann-Schweimler hat Verständnis für die Klinik-Kleidungsvorschriften. Doch mit ein klein wenig Fantasie könnte man auch den unvermeidlichen Kasack hübscher gestalten, meint sie. mehr »

Sport im Alter schützt vielleicht vor Demenz

Dass Sport nicht Mord bedeutet, wissen Forscher schon lange. Jetzt haben Alters- und Sportwissenschaftler messen können, wie Sport das Gehirn im Alter verändert. Dient Fitness als Demenzprävention? mehr »