Erster Grippe-Impfstoff ohne Hühnereier

MARBURG (eis). Über einen mit Zellkulturen hergestellten Grippe-Impfstoff wird weltweit schon seit Jahren gesprochen. Jetzt haben Forscher von Novartis Behring in Marburg erstmals eine solche Vakzine realisiert. Zur feierlichen Einweihung der Produktionsanlage kam sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Marburg. Der neue Impfstoff soll noch Ende des Jahres in Deutschland und Österreich auf den Markt kommen.

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Was bietet der neue Zellkulturimpfstoff Optaflu® beim Grippe-Schutz? Die Immunogenität der neuen Vakzine ist nach Herstellerangaben genauso gut wie die eines konventionellen Impfstoffs. Die neue Vakzine enthält gereinigte Antigene von den drei Influenzavirus-Stämmen, die von der WHO für diese Saison vorgesehen sind.

In Studien mit über 4000 erwachsenen Probanden in Deutschland, Litauen und Polen hat sich die Vakzine als sicher und gut verträglich erwiesen. Lokale und systemische Impfreaktionen waren danach in der Regel unbedeutend und in Häufigkeit und Schwere ähnlich wie bei konventionellen Impfstoffen. Der neue Impfstoff ist für Erwachsene ab 18 Jahren zugelassen.

Neuer Impfstoff eignet sich für Allergiker

Anders als konventionelle Impfstoffe ist die neue Vakzine aber völlig frei von Hühnereiweiß. So können damit jetzt auch Hühnereiweiß-Allergiker geimpft werden. Auch enthält die Vakzine keine Konservierungsstoffe und Stabilisatoren.

Was ist der wesentliche Vorteil des Zellkultur-Grippeimpstoffs? Die für den Impfstoff benötigten Influenzaviren werden in speziellen Säugetierzellen (aus der Niere eines Cockerspaniels) vermehrt. Diese Zellen schwimmen in einer Nährlösung in großen Kesseln (Fermentern).

Bei konventionellen Impfstoffen werden die Viren hingegen in Hühnerembryos in Eiern vermehrt. Für jede Impfdosis ist ein (steriles!) bebrütetes Hühnerei nötig. Millionen solcher Eier für die jährliche Impfstoffproduktion zu beschaffen, ist sehr aufwändig. So wurden für 23 Millionen Impfstoffdosen in diesem Jahr 18 Fußballfelder voller Eierpaletten verbraucht. Die Produktion eines konventionellen Impfstoffs dauert zudem bis zu sechs Monate. Sollte in dieser Zeit plötzlich ein neuer Virusstamm auftreten, der durch eine bereits in Produktion befindliche konventionelle Vakzine nicht abgedeckt wird, dann kann für die laufende Saison keine angepasste konventionelle Vakzine hergestellt werden.

Bei dem neuen Zellkulturimpfstoff ist das erheblich einfacher: Die Zellen für die Produktion sind tiefgefroren und lassen sich jederzeit auftauen und vermehren. Bei einem unerwartet hohen Impfstoffbedarf oder bei unvorhergesehenen Virusstämmen kann kurzfristig nach Bedarf ein neuer Impfstoff hergestellt werden. Für die Produktion lassen sich nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts im Vergleich zu konventionellen Vakzinen etwa zwei Monate einsparen.

US-Gesundheitsministerium subventioniert Anlage in den USA

Das ist ein riesiger Vorteil bei einer Grippe-Pandemie: Zeichnet sich eine weltweite Epidemie ab, kann mit einem Pandemievirus sehr schnell ein Impfstoff produziert werden. Aus diesem Grund subventioniert das US-Gesundheitsministerium mit 220 Millionen Dollar eine mit der Marburger Anlage identische Produktionsstätte für Zellkulturimpfstoffe. Die Anlage von Novartis Vaccines entsteht im US-Staat North Carolina.

Werden Zellkulturimpfstoffe künftig konventionelle Vakzinen ersetzen? Auch andere Impfstoffhersteller sind dabei, Produktionsverfahren für Grippe-Zellkulturimpfstoffe zu entwickeln. Fast hätte es das Unternehmen Baxter schon vor drei Jahren geschafft.

Die klinische Entwicklung der Vakzine mit dem vorgesehenen Handelsnamen InfluJect war aber wegen häufiger Impfreaktionen gestoppt worden. Langfristig werden Zellkulturimpfstoffe wahrscheinlich die konventionellen Vakzinen ersetzen. In den nächsten Jahren wird es aber auch von Novartis Vaccines weiterhin die konventionellen Impfstoffe Begrivac® und Fluad® geben.

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