Ärzte Zeitung, 10.01.2008

HINTERGRUND

Pneumokokken-Schutz beugt Otitis media vor: Geimpfte Kinder erkranken deutlich seltener

Von Wolfgang Geissel

Otitis media ist selten nur durch Viren bedingt. Bei den meisten Betroffenen werden Pneumokokken, H. influenzae oder Moraxella catarrhalis isoliert.

Foto: Photodisc

Mittelohrentzündungen gehören bekanntlich zu den häufigsten Krankheiten bei Kindern. Bereits im Alter von zwei Jahren haben über 60 Prozent aller Kinder mindestens einmal eine akute Otitis media (AOM) gehabt, wie Studien aus den USA ergeben haben. Und: "Bei Kindern bis zum zweiten Lebensjahr werden etwa 90 Prozent aller Antibiotika wegen AOM verordnet", wie Professor Stephen Pelton von der Boston University School of Medicine berichtet hat.

10 bis 20 Prozent der Kinder haben zudem wiederholte Mittelohrentzündungen oder bis zu zwölf Wochen ein Serotympanon. Dies kann die Hörfähigkeit einschränken und dadurch bei Kleinkindern die Sprachentwicklung behindern. Risikofaktoren für häufige Otitiden sind frühe erste Erkrankung, häufige AOM in der Familie, Babykost ohne Stillen, Betreuung in einer Kinderkrippe und rauchende Eltern. Die häufigen und sehr schmerzhaften Infektionen verringern die Lebensqualität der Kinder erheblich und belasten die Eltern, betonte der Kinderarzt und Epidemiologe bei einer Veranstaltung von GlaxoSmithKline in Athen.

Jeden Tag ein Patient mit Mittelohrentzündung

Die große Last durch AOM für Kinder und für das Gesundheitssystem spiegelt sich auch in einer aktuellen Umfrage bei 2000 Haus- und Kinderärzten in zehn Ländern Europas, Asiens und Lateinamerikas wider. Die Befragten behandeln nach eigenen Angaben im Mittel einen AOM-Patienten pro Tag, wurde in Athen berichtet. Jeder dritte Patient habe mehrere AOM-Episoden. 82 Prozent der Ärzte behandeln Betroffene generell mit Antibiotika. 69 Prozent machen sich Sorgen wegen Antibiotika-Resisten- zen.

"Otitis media ist nur selten allein durch Viren bedingt", sagte Pelton. Viren begünstigen aber die bakterielle Infektion, indem sie eine Entzündung in der Nasopharynx verursachen, was zu einer zugeschwollenen Tuba Eustachii und Belüftungsstörungen im Mittelohr führt. Bakterien aus dem Nasen-Rachen-Raum verursachen dann meist die AOM. Die Keime sind normalerweise harmlose Besiedler, 20 bis 40 Prozent aller gesunden Kinder haben zum Beispiel Pneumokokken im Nasopharynx. In einer aktuellen Studie mit 79 Kindern mit akuter Otorrhoe wurden isoliert: bei 50 Prozent Pneumokokken, bei 29 Prozent nicht-typisierbare Haemophilus influenzae (NTHi) und bei 25 Prozent Moraxella catarrhalis. Nur bei acht Prozent der Kinder wurden keine Bakterien nachgewiesen.

Mit Impfungen gegen die bakteriellen Erreger hofft man künftig, die Inzidenz der Mittelohrentzündungen deutlich verringern zu können. Ein Teil der Erkrankungen lässt sich bereits mit dem konjugierten Pneumokokken-Impfstoff (Prevenar®) verhindern. Kinder, die damit geimpft waren, hatten in Studien in den USA etwa sechs Prozent weniger AOM-Episoden wie Kinder ohne den Schutz. Der siebenvalente Impfstoff ist jedoch auf die Bakterien-Typen in den USA zugeschnitten und deckt in Deutschland nur etwa 71 Prozent der relevanten Pneumokokken ab. Zudem bietet die Vakzine keinen Schutz gegen nicht-typisierbare H. influenzae. Und gegen die unbekapselten NTHi schützt auch der Impfstoff gegen H. influenzae Typ b (Hib) nicht.

Zehnvalenter Impfstoff gegen Pneumokokken ist in Sicht

Inzwischen entwickelt das Unternehmen GlaxoSmithKline einen zehnvalenten konjugierten Pneumokokken-Impfstoff, der etwa 83 Prozent der relevanten Erreger in Europa abdeckt. Die Pneumokokken-Serotypen sind dabei mit einem rekombinanten Membran-Protein von H. influenzae verbunden, weshalb die Vakzine auch gegen NTHi schützt. Eine deutliche Wirksamkeit gegen AOM wurde bereits in einer Phase-II-Studie belegt.

Im Pneumococcus Otitis Efficacy Trial (POET) waren 4968 Säuglinge in Tschechien und der Slowakei je zur Hälfte mit vier Dosen des Pneumokokken-Impfstoffs oder mit einer Hepatitis-A-Vakzine geimpft worden (Lancet 367, 2006, 740). In den folgenden zwei Jahren wurden etwa 1000 AOM-Episoden ausgewertet. In der Verumgruppe gab es 52 Prozent weniger Otitis media durch Pneumokokken und 36 Prozent weniger durch H. influenzae. Insgesamt haben die Kinder der Verumgruppe 34 Prozent weniger AOM-Episoden gehabt. Phase-III-Studien mit dem Impfstoff stehen inzwischen kurz vor dem Abschluss. Das Unternehmen will den Impfstoff deshalb in Kürze zur Zulassung einreichen.

STICHWORT

Nicht-typisierbare H. influenzae

Nicht-typisierbare H. influenzae (NTHi) gehören zu den häufigsten Erregern von akuter Otitis media. In einer aktuellen Studie mit 79 Patienten wurden die Keime bei 29 Prozent isoliert und damit am zweithäufigsten nach Pneumokokken (isoliert bei 50 Prozent). Die Bakterien leben in der Regel als harmlose Besiedler des Nasopharynx. Bei Entzündungen oder geschwächter Abwehr können sie jedoch Mittelohrentzündungen oder Sinusitiden verursachen. Impfstoffe gegen H. influenzae Typ b (Hib) schützen nicht vor NTHi. (eis)

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