Ärzte Zeitung, 03.12.2008

"Kein Grund, die HPV-Impfung neu zu bewerten"

"Natürlich ist sich die Ständige Impfkommission darüber bewusst, dass nicht alle Fakten zur HPV-Impfung bereits geklärt sind", sagt Professor Wolfgang Jilg aus Regensburg. Die jetzt von Kritikern erneut geäußerten Vorbehalte seien aber kein Grund dafür, die Impfung nicht zu empfehlen. Forderungen zu einer Neubewertung lehnt das STIKO-Mitglied ab.

"Kein Grund, die HPV-Impfung neu zu bewerten"

Zur Person
Professor Wolfgang Jilg ist Arzt für Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie und am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Universität Regensburg tätig. Der Virologe ist Mitglied der Ständigen Impfkommission und leitet ein Referenzzentrum der Weltgesundheitsorganisation für Virushepatitis.

Foto: Wudtke

Ärzte Zeitung: Gibt es einen aktuellen Anlass für die jetzt vorgebrachte Kritik?

Professor Wolfgang Jilg: Mir ist keiner bekannt. Im Wesentlichen werden die Vorbehalte wiederholt, die Anfang 2008 schon im "Arzneimitteltelegramm" geäußert wurden. Die negative Meinung der Autoren rührt nach wie vor daher, dass Studienergebnisse zur Wirksamkeit des Impfstoffs nicht richtig verstanden werden.

Ärzte Zeitung: Bezweifelt wird, dass der Impfstoff das leistet, was er verspricht.

Jilg: Immer wieder führen die Kritiker an, dass nicht belegt ist, dass der Impfstoff wirklich Gebärmutterhalskrebs verhindern kann. In einer Impfstudie kann man das aber prinzipiell nicht zeigen, sonst müsste man Frauen der Placebo-Gruppe bis zur Entstehung eines Karzinoms beobachten, abgesehen davon, dass das eine Beobachtungszeit von 10 bis 20 Jahren erfordern würde.

Wir wissen aber durch zahlreiche Untersuchungen, dass die durch Papillomviren verursachten zervikalen intraepithelialen Neoplasien (CIN) obligate Vorstufen eines Zervixkarzinoms darstellen. Diese Tatsache ist schließlich auch die Basis für die Vorsorgeuntersuchung! Und es ist hinlänglich belegt worden: Wenn CIN vermieden (oder entfernt!) werden, kommt es gar nicht zum Gebärmutterhalskrebs.

Ärzte Zeitung: Bezweifelt wird aber, dass der Impfstoff wirklich bis zu 70 Prozent aller Zervixkarzinome verhindern kann.

Jilg: In einer Vielzahl von Studien konnte gezeigt werden, dass weltweit im Mittel etwa 70 Prozent aller Zervixkarzinome durch die HPV-Typen 16 und 18 ausgelöst werden. Derartige Studien machten auch einen Teil der Forschungsarbeiten aus, für die Professor Harald zur Hausen in diesem Jahr der Nobelpreis für Medizin zuerkannt wurde. Gegen diese beiden HPV-Typen schützen die Impfstoffe nach allen Studiendaten zu nahezu 100 Prozent.

Ärzte Zeitung: In der FUTURE-II-Studie zum Impfstoff Gardasil® wurde aber insgesamt nur eine Abnahme der CIN von 17 Prozent in der Verumgruppe belegt.

Jilg: Das Ganze ist kompliziert: An der Studie nahmen über 12 000 Mädchen und Frauen im Alter zwischen 15 und 26 Jahren teil. Viele von ihnen waren bereits vor der Impfung sexuell aktiv und daher nicht wenige bei Studienbeginn mit HPV infiziert. 70 Prozent aller sexuell aktiven Frauen infizieren sich nämlich mit HPV, aber bei neun von zehn Frauen verschwindet die Infektion wieder. Das kann in jeder Phase der Infektion passieren, auch CIN bilden sich wieder zurück. Krebs entsteht dabei vorzugsweise aus CIN, die durch HPV 16 und 18 verursacht werden. Deshalb werden bei etwa 70 Prozent aller Karzinome, aber nur bei rund 50 Prozent aller CIN die HPV-Typen 16 und 18 gefunden.

Das heißt aber nun auch, dass in den Studien zu den aktuellen Impfstoffen auch unter optimalen Bedingungen nur eine Reduktion der CIN um 50 Prozent erreicht werden kann.

Es dauert zudem bis zu zehn Jahre, bis sich aus einer chronischen Infektion eine CIN entwickelt - nach einer dreijährigen Beobachtungszeit wie in der zitierten Studie kann man daher nicht erwarten, dass bereits der maximale Effekt sichtbar wird. So gesehen ist eine Reduktion der Krebsvorstufen um 17 Prozent in der Verumgruppe der Studie durchaus ein gutes Ergebnis!

Ärzte Zeitung: Die Kritiker fürchten zudem, dass durch die Elimination der Virustypen 16 und 18 eine Nische entsteht, die von anderen kanzerogenen HPV-Typen besetzt werden könnte.

Jilg: Das ist prinzipiell nicht auszuschließen, aber nach Meinung der HPV-Virologen sehr unwahrscheinlich. Auch die bisherigen Ergebnisse der Impfstudien geben keinerlei Anlass zu dieser Annahme.

Ärzte Zeitung: Angezweifelt wird auch, dass der Impfstoff über Jahrzehnte schützt.

Jilg: Darüber kann man aufgrund der beschränkten Beobachtungszeit noch keine eindeutige Aussage machen; die Schutzdauer wird aber in verschiedenen Studien sorgfältig überwacht. Nachdem es sich bei dem HPV-Impfstoff um einen Totimpfstoff handelt (wie Tetanus-, Diphtherie-, Hepatitis-B- oder FSME-Impfstoff) muss man fast annehmen, dass der Antikörperspiegel zumindest bei einigen der Geimpften über die Jahre unter die Schutzgrenze sinkt. Wenn man alle heute geimpften Mädchen über vier Jahrzehnte schützen möchte, wird man vielleicht nachimpfen müssen.

Ärzte Zeitung: Der STIKO wird zudem vorgeworfen, dass sie die Impfung bereits empfohlen hat, bevor die relevanten Studien publiziert worden sind.

Jilg: Das ist ein Argument, das auf völliger Unkenntnis über die Arbeitsweise der STIKO beruht. Die STIKO hat sich bereits ein Jahr vor der Zulassung mit diesem Impfstoff beschäftigt. Die relevanten, noch unpublizierten Studiendaten lagen den Zulassungsbehörden vor und waren auch der STIKO bekannt. Selbstverständlich wurden auch diese Daten in die Empfehlung der STIKO mit einbezogen. Natürlich war sich auch die STIKO der Tatsache bewusst, dass eine Reihe von Fakten über diesen Impfstoff noch ungeklärt sind, sah das aber nicht als Hinderungsgrund für das Aussprechen einer Empfehlung zur generellen Impfung an.

Auch beim damaligen (und auch jetzigen!) Kenntnisstand handelt es sich um den interessantesten und wirksamsten Impfstoff der vergangenen Jahre. Potenziell können damit in Deutschland langfristig mehrere hundert Todesfälle pro Jahr vermieden werden. Und vielen Frauen werden damit künftig Krebsvorstufen und in Folge belastende Untersuchungen und Eingriffe erspart.

Das Interview führte Wolfgang Geissel

Zur Person

Professor Wolfgang Jilg ist Arzt für Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie und am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Universität Regensburg tätig. Der Virologe ist Mitglied der Ständigen Impfkommission und leitet ein Referenzzentrum der Weltgesundheitsorganisation für Virushepatitis.

Foto: Wudtke

Kritiker stellen Forderung ins Internet

Eine umgehende Neubewertung der HPV-Impfung fordern 13 Forscher aus Deutschland von der Ständigen Impfkommission (STIKO). Die Wirksamkeit der Impfung sei nicht ausreichend geklärt, und es würden unzutreffende Informationen dazu verbreitet, so die Kritiker. Zu den Unterzeichnern gehören unter anderen Professor Wolf-Dieter Ludwig von der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, die Gynäkologin Professor Martina Dören von der Charité in Berlin und der Public-Health-Experte Professor Rolf Rosenbrock vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin. STIKO-Mitglieder wie der Virologe Professor Wolfgang Jilg aus Regensburg weisen die Argumente der Kritiker zurück.

Das Manifest der Kritiker im Internet:

www.uni-bielefeld.de/

gesundhw, "AG3" und "Downloads" anklicken!

Eine Stellungnahme der Bundesregierung zu Vorbehalten gegen HPV-Impfstoffe:

www.bundestag.de/aktuell/hib/2008/2008_173/11.html,

Informationen des Paul-Ehrlich-Instituts zu Bedenken gegen HPV-Impfstoffe

www.pei.de, anklicken: "Ärzte und Apotheker", "Impfungen/Impfstoffe" und Informationen zu HPV-Impfstoffen"

Lesen Sie dazu auch:
Krebsimpfung: Kritik wird zurückgewiesen
"Verhütung der nötigen Zervix-Ca-Vorstufen durch die Impfung ist eindeutig belegt"

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