Ärzte Zeitung App, 03.07.2014

Meningokokken B

Erster Impfstoff weckt Hoffnung und Zweifel

Der erste Meningokokken-B-Impfstoff könnte die letzte große Lücke beim Schutz vor bakteriellen Meningitiden schließen. Aber die STIKO-Impfexperten zögern, eine breite Anwendung zu empfehlen - und das hat Gründe.

Von Wolfgang Geissel

Erster Impfstoff weckt Hoffnung und Zweifel

Potenziell tödliche Keime:Meningokokken im Modell.

© Novartis Vaccines

Ein Impfstoff gegen schwere invasive Infektionen mit Meningokokken B (MenB) wurde viele Jahre sehnlich erwartet. Jetzt gibt es mit Bexsero® erstmals eine solche Vakzine, aber viele Impfexperten zögern, sie für die breite Anwendung zu empfehlen.

So geht die Ständige Impfkommission (STIKO) in Deutschland zwar aufgrund der Studiendaten davon aus, dass die Impfung "vor invasiven Erkrankungen durch einen Großteil der in Deutschland zirkulierenden MenB-Stämme schützen kann".

In einer Stellungnahme betont das Gremium aber, dass noch Fragen zu klären sind (Epi Bull 2013; 49: 495): Wie viele der zirkulierenden Meningokokken-Stämme werden in Deutschland bei Säuglingen und in anderen Altersgruppen durch den Impfstoff abgedeckt? Wie lange persistieren die schützenden Antikörper? Wie sicher ist die Impfung bei einer Koadministration mit Standardimpfungen und wie lässt sie sich in den bestehenden Impfkalender am besten einbinden?

Die Fragen sind schwer zu beantworten. Meningokokken sind zwar weit verbreitet, bei jedem zehnten Menschen gehören sie zur Bakterien-Flora im Nasopharynx. Aber nur ganz wenige Stämme können zu schweren Erkrankungen führen.

Von 2010 bis 2012 wurden in Deutschland jährlich im Schnitt 370 Fälle von Meningokokken-Meningitis oder -Sepsis registriert; gut zwei Drittel der Erkrankungen entfielen auf MenB-Stämme.

Acht Prozent der Patienten sterben dabei und jeder zehnte Überlebende hat bleibende Schäden wie Hörverlust, neurologische Symptome oder Amputationen.

82 Prozent der zirkulierenden MenB-Stämme werden in Deutschland nach einer Untersuchung durch die vier Antigen-Komponenten des Impfstoffs abgedeckt.

Trotz der wenigen Erkrankungen lohnt sich nach Expertenansicht der Schutz: Gegen Meningokokken C (MenC) mit ähnlich schweren Komplikationen aber zwei Drittel weniger Erkrankungen wird seit Jahren bei uns geimpft.

Was ist die beste Impfstrategie?

Gegen MenB wird aber noch eine optimale Impfstrategie gesucht. Die meisten Fälle gibt es im Säuglingsalter, daher raten viele Impfexperten zur Grundimmunisierung mit drei Dosen ab dem zweiten Lebensmonat und einem späteren Booster.

Das Problem: In diese Zeit fallen bereits die Sechsfachimpfung, die Pneumokokken-Impfung und die Schluckimpfung gegen Rotaviren. Eine Koadministration mit der MenB-Vakzine beeinträchtigt zwar offenbar nicht die Immunogenität dieser Impfungen, aber es kommt dabei zu vermehrten Impfreaktionen, insbesondere Fieber.

Auch sind Eltern drei Injektionen bei einem Impftermin schwer zu vermitteln. Zusätzliche Impftermine bergen hingegen das Risiko, dass es zu Verzögerungen oder Lücken bei den Standardimpfungen kommen könnte. Würde hingegen erst ab dem sechsten Lebensmonat geimpft, gäbe es keinen Schutz im ersten halben Jahr.

In diese Zeit fallen aber 27 Prozent der Erkrankungen in den ersten beiden Lebensjahren.

Die Entscheidung zur Impfstrategie hängt auch davon ab, ob hohe Impfraten zu einer Herdenimmunität führen. Dies ist bei dem Konjugatimpfstoff gegen MenC der Fall. Impfprogramme haben dabei in den Niederlanden und England das nasopharyngeale Trägertum der durch den Schutz abgedeckten Keime um zwei Drittel reduziert.

Dies habe zum Rückgang der MenC-Inzidenz in diesen Ländern erheblich beigetragen, so die STIKO in der Stellungnahme.

Sollte der MenB-Impfstoff ebenfalls einen solchen Herdenschutz hervorrufen, dann würde ein breites Impfprogramm bei Kindern und Jugendlichen den größten Erfolg bringen. Die STIKO hat hier bei günstigen Impfszenarien und einer 30-prozentigen Reduktion des Trägertums eine mögliche Abnahme der Erkrankungen um 45 Prozent berechnet.

Breite Impfempfehlungen in Australien, Polen, Tschechien

Gegen eine breite Empfehlung der Impfung sprechen aus STIKO-Sicht also vor allem Unsicherheiten bei der Wahl der Impfstrategie. Das Gremium rät bereits jetzt, die Impfung bei Personen mit erhöhtem Erkrankungsrisiko zu erwägen.

Dazu gehören enge Kontaktpersonen von Erkrankten und besonders gefährdete Personen, etwa mit Asplenie oder Komplementdefekten. Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin und die besonders Innovations-freundliche Sächsische Impfkommission raten hingegen schon jetzt zum Schutz aller Säuglinge ab dem zweiten Lebensmonat und zu Nachholimpfungen bis zum 18. Geburtstag. Einige Kassen bezahlen zudem bereits die Impfung ganz oder teilweise (Infos: www.kinderaerzte-im-netz.de).

Auch Reisemediziner sprechen sich für den Schutz bei Aufenthalten in Risikoländern aus. Breite Impfempfehlungen gibt es in Australien, Polen, Tschechien und in der kanadischen Provinz Quebec.

England - wo es eine etwa viermal höhere MenBErkrankungsrate als in Deutschland gibt - plant ein staatliches Impfprogramm bei Kindern im ersten Lebensjahr. Die Kampagne hängt jedoch davon ab, ob für den Impfstoff ein "kosteneffektiver Preis" ausgehandelt werden kann (in Deutschland kostet eine Impfdosis etwa 97 Euro).

In den USA - wo der Impfstoff noch nicht zur Zulassung eingereicht ist - wurde das Präparat bereits zur Eindämmung von MenB-Ausbrüchen an zwei Universitäten verwendet. Die FDA gab zudem bekannt, dass ein Zulassungsverfahren wegen einer "breakthrough therapy designation" beschleunigt werden könnte.

Es gibt also viele Argumente, Eltern in Deutschland über die neue Schutzmöglichkeit für ihre Kinder vor einer potenziell tödlichen Krankheit zu informieren und ihnen die Impfung nahezulegen.

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