Ärzte Zeitung, 19.08.2014

Kinderlähmung

Polio-Mutation durchbricht Impfschutz

Die Poliomyelitis bleibt ein weltweites Problem: Jetzt haben Forscher ein mutiertes Virus isoliert, das den Schutz durch Impfungen erheblich unterlaufen kann. Das Virus kann auch für Deutschland ein Problem werden.

Polio-Mutation durchbricht Impfschutz

Polio-Schluckimpfung eines Jungen in Nigeria. Das Land gehört zu den letzten Endemieregionen weltweit.

© Oghene / dpa

BONN. Dank Impfprogrammen wurde Poliomyelitis weltweit stark zurückgedrängt. Jährlich erkranken nur noch wenige hundert Menschen daran. In den letzten Jahren hat es bei den Eradikationsprogrammen jedoch immer wieder Rückschläge gegeben.

Das Virus wurde immer wieder aus den letzten drei Endemieländern (Nigeria, Pakistan, Afghanistan) in andere Länder verschleppt. Die WHO hatte die Polio zuletzt als internationalen Notfall deklariert.

Jetzt melden Wissenschaftler der Universität Bonn zusammen mit Kollegen aus Gabun einen weiteren alarmierenden Befund: Ein mutiertes Virus kann offenbar den Impschutz unterlaufen (PNAS 2014; online 18. August). Auch in Deutschland würde der Erreger vermutlich viele Menschen anstecken können, heißt es in einer Mitteilung der Universität.

Die Wissenschaftler haben die Erreger eines Polio-Ausbruchs im Kongo vor vier Jahren isoliert. Dieser Ausbruch war besonders schwer verlaufen. 445 erkrankte Menschen wurden nachweislich registriert, meist junge Erwachsene. Bei 209 von ihnen endete die Krankheit tödlich. Diese hohe Sterberate hat die Ärzte überrascht.

Dazu kommt, dass viele der Erkrankten offensichtlich Impfschutz hatten: Bei Befragungen erinnerte sich knapp die Hälfte der Patienten, die vorgeschriebenen drei Impfdosen erhalten zu haben. Bislang gilt die Impfung als hochwirksam, um den Erreger in Schach zu halten.

"Wir haben Polio-Viren aus Verstorbenen isoliert und genauer untersucht", wird Dr. Jan Felix Drexler, der inzwischen in den Niederlanden arbeitet, in der Mitteilung zitiert. Er hat die Studie während seiner Tätigkeit am Institut für Virologie des Universitätsklinikums Bonn zusammen mit Kollegen durchgeführt.

"Der Erreger trägt eine Mutation, die seine Gestalt an einer entscheidenden Stelle verändert", so Drexler. Die Folge: Die durch die Impfung induzierten Antikörper können das mutierte Virus kaum noch erkennen und neutralisieren.

Plädoyer für hohe Impfraten

Die Forscher haben nun untersucht, wie erfolgreich der neue Erreger dem Immunsystem entgeht. Dazu haben sie unter anderem Blutproben von 34 Medizinstudenten in Bonn getestet. Die Probanden waren in ihrer Kindheit erfolgreich gegen Polio geimpft worden, wie ein erster Test ergeben hat: Mit normalen Polio-Viren wurden die Antikörper im Blut der Probanden problemlos fertig.

Anders sah es bei dem mutierten Virus aus dem Kongo aus; hier war die Immunreaktion deutlich schwächer. Die Forscher schätzen, dass jeder Fünfte der Bonner Testpersonen von dem neuen Polio-Virus hätte infiziert werden können, vielleicht sogar jeder Dritte.

Die WHO will das Polio-Virus in den nächsten Jahren auszurotten. Vorbild ist die Pocken-Eradikation - dank einer konsequenten Impfstrategie gilt die Welt seit 1980 als pockenfrei. Im Prinzip stehen die Chancen gut, dass es auch bei Poliomyelitis klappen könnte: Das Virus kann nur von Mensch zu Mensch weiter gegeben werden, es gibt keine Erreger-Reservoire in Tieren.

Ähnlich wie bei den Pocken bieten die Polio-Impfstoffe zudem einen hochwirksamen en Schutz. Das gilt jedoch nicht, wenn das Virus mutiert. "Wenn so ein veränderter Erreger auf eine Bevölkerung trifft, die nicht konsequent genug geimpft wurde, dann wird es gefährlich", warnen die Forscher.

Die Polio-Epidemie im Kongo konnte durch ein massives Impfprogramm und Hygiene-Maßnahmen gestoppt werden. Die aktuellen Impfstoffe scheinen also gut genug zu wirken, wenn sie zeitnah und konsequent verabreicht werden.

Dennoch ist der neue Erreger ein Warnsignal: "Wir müssen die Impfquote weiter erhöhen und neue, potentere Impfstoffe entwickeln. Nur so besteht die Chance, die Kinderlähmung dauerhaft zu besiegen." (eis)

|
Topics
Schlagworte
Impfen (3926)
Pädiatrie (8140)
Organisationen
Uni Bonn (452)
WHO (2762)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Top-Meldungen

Unterquoten bei Internisten denkbar

GBA-Chef Hecken hat im Interview mit der "Ärzte Zeitung" erste Neuerungen in der künftigen Bedarfsplanung verraten. Auch spricht er darüber, wie Ärzte über die Wirtschaftlichkeit einer Verordnung informiert werden sollen. mehr »

Blutzuckersenker mit eingebautem Herzschutz

Neue Antidiabetika sorgen für Furore, weil sie neben Blutzucker auch das Herztodrisiko senken. Sind sie eigentlich noch als Antidiabetika zu bezeichnen oder sind es nicht eher Herzmedikamente mit Blutzuckersenkung als erfreulichem Begleiteffekt? mehr »

Wenn ein Hausbesuch angefordert wird

Die Ehefrau eines Patienten ruft in der Praxis an und bittet den Arzt um einen Hausbesuch, da der Patient nicht in die Praxis kommen könne. Wie lässt sich diese telefonische Anfrage korrekt abrechnen? Unser Abrechnungsexperte klärt auf. mehr »