Ärzte Zeitung online, 23.03.2015

Infektionswelle

Berlin kriegt Masern nicht in den Griff

Die Masernwelle in Berlin ebbt nicht ab: Pro Tag gibt es im Schnitt 15 Neuerkrankungen. Experten sind alarmiert. Sie befürchten eine rasante Ausbreitung in andere Regionen Deutschlands.

Berlin kriegt Masern nicht in den Griff

Masernkrankes Kind: Fehlender Impfschutz ist in Deutschland ein drängendes Problem.

© Prof. Dr. Dr. F.C. Sitzmann / DGK

BERLIN. Die große Masernwelle in der Hauptstadt bereitet Experten zunehmend Sorgen. "Es ist beängstigend, wie lange der Ausbruch auf diesem hohen Niveau anhält", sagte Professor Hartmut Hengel, wissenschaftlicher Beirat der AG Masern am Robert Koch-Institut zur Nachrichtenagentur "dpa".

Seit Oktober sind in der Hauptstadt 866 Menschen an Masern erkrankt, die meisten davon sind Erwachsene. Ein Kleinkind starb im Februar an den Folgen der Infektion.

Noch immer gibt es pro Tag rund 15 neue Meldungen. Ein Viertel der Patienten kam bisher ins Krankenhaus.

Defizite bei der hausärztlichen Versorgung?

Die Hauptgründe für den langen Ausbruch sieht der Experte in großen Impflücken bei jüngeren Erwachsenen. Eine Rolle spielten aber auch Defizite in der Gesundheitspolitik und bei hausärztlichen Versorgungsstrukturen.

"Wir haben keine Tradition bei Catch-up-Impfungen, mit denen man systematisch Impflücken schließt", kritisierte Hengel. "Vielleicht wird die Verantwortung für sich selbst und andere auch noch nicht ausreichend kommuniziert."

Hengel leitet an der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität das Institut für Virologie. Die Masernwelle in der Hauptstadt wertet er als einen der größten deutschen Ausbrüche der vergangenen zehn Jahre.

"Das Virus findet in Berlin beständig empfängliche Menschen vor", sagte der Arzt. Nach einer Analyse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) ist bundesweit jeder fünfte 18- bis 29-Jährige und jeder zweite 30- bis 39-Jährige nicht gegen Masern geimpft.

In Berlin ergreifen die Gesundheitsbehörden nach Schulschließungen und Schulverboten für ungeimpfte Kinder inzwischen weitere Maßnahmen. Der Impfbeirat rief Eltern dazu auf, Babys schon mit neun Monaten impfen zu lassen - statt bisher in der Regel mit elf Monaten.

 An Erwachsene wird appelliert: "Auch wer ein Baby auf den Arm nimmt, muss gegen Masern geschützt sein".

Vater bringt Erreger von Geschäftsreise mit

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte rät Eltern in der Stadt zudem seit Wochen, nicht mit ihren Säuglingen in die Öffentlichkeit gehen. Die Ansteckungsgefahr sei zu hoch.

"Fehlender Impfschutz ist ein drängendes Problem", so Hengel. Es gehe auch immer um den Schutz von anderen und um die geplante Ausrottung der Masern.

In Berlin tritt jeder zehnte Masernfall bei einem Kind im ersten Lebensjahr auf, die Impfung ist aber erst ab dem neunten Monat möglich. Weltweit gibt es nach WHO-Angaben zudem jedes Jahr mehr als 100.000 Masern-Todesfälle.

Das wäre nicht nötig, wenn sich in allen Ländern genug Menschen impfen ließen.

Ein typisches Beispiel hat Hengel in Freiburg erlebt. Ein Familienvater war für einen Tag auf Geschäftsreise in Berlin. Er wusste nichts vom Masernausbruch - und auch nicht, dass er nicht geimpft war. Er infizierte sich und steckte dann andere Familienmitglieder an.

Alle Erwachsenen ohne Masernschutz sollten unbedingt eine Impfung bekommen, betont Hengel. Der Virologe hofft, dass Deutschland aus dem Berliner Ausbruch Lehren zieht und die Impflücken in allen Bevölkerungs- und Altersschichten schließt.

Einen Impfzwang hält er dabei allerdings für kontraproduktiv. (dpa/eis)

[24.03.2015, 16:21:52]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
@Dr. Jan Geldmacher der KV und den Politikern muss man das gültige IfSG vor die Nase halten.
Das ist nun wirklich ein ganz ganz dickes Eigentor der KV bei einer Epidemie!!!
Sogar mit Regressdrohung???? Ich würde das unter gesetzwidrig einstufen.
IfSG=Infektionsschutzgesetz, für solche Maßnahmen ist primär der Staat zuständig, selbstverständlich auch für die Kosten!:
Es ist sowohl medizinisch wie okonomisch schwachsinnig,
eine Blockadeimpfung zu verhindern, das kommt doch einer vorsätzlichen Körperverletzung nahe
und die damit vermeidbaren Krankenhauskosten sind selbstverständlich viel höher als die Kosten einer Impfung in einem Epidemigebiet!
Was für ein Affentheater hat man denn mit den Lebertransplantationen gemacht: Tötungsvorwürfe (ohne Tote)
Blockadeimpfung ist vom Begriff her eine Sofortmaßnahme und auch örtlich begrenzt,
Je länger man wartet, desto mehr schwindet die Lokalisierungsmöglichkeit.
In welchem Land leben wir??? zum Beitrag »
[24.03.2015, 10:10:18]
Dr. Rüdiger Storm 
Köstlich
Der deutsche Impfeiertanz geht weiter, die Politik eiert eifrig mit, die Impfgegner mischen ihre Desinformation weiter unters Volk.

Gerne unterstützt von den Medien, wo harte wissenschaftliche Fakten dann gleichberechtigt neben Behauptungen und Vermutungen gestellt werden.
Nach dem Motto jeder darf mal was in den Raum stellen, was ihm gerade so durch den Kopf geht.

Scharlatanerie wurde früher noch beim Namen benannt, heute kommen selbsternannte "Experten" zu Wort, und dürfen die Bevölkerung verunsichern.

Hilflos schaut der Gesundheitsminister zu, nun ja fehlt ihm dafür auch jeglicher Sachverstand, aber Juristen sind bekanntlich überall kompetent einsetzbar. zum Beitrag »
[24.03.2015, 09:47:07]
Siegfried Hauswirth 
Ein Trend der Zeit ?
Leider wird heute eher einem Heilpraktiker mit 4 Wochen Crash-Kurs oder einem Shamanen geglaubt, als einem studierten Mediziner. Man glaubt eher der mittelalterlichen "Heilverfahren" wie Homöopathie usw., zu abstrusen Ernährungstheorien, wie die vegane Ernährung, zu absurden Trinkwassersorten, wie Granderwasser usw. Man glaubt nicht der Schulmedizin, denn die Pharmabranche steckt hinter allem Bösen und alle stecken unter einer Decke. Und: Masern sind (durch die Impfungen) so selten geworden, dass das Impfen als überflüssig geworden scheint. Wenn aber ein dunkelhäuiger Mensch mit Schweiß auf der Stirn an einer Bushaltestelle sitzt, wird Ebola Alarm ausgelöst ! Leider haben auch die Medien und das Internet einen großen Einfluss auf die Meinungsbildung. Hier gibt es bestens aufbereitete Seiten, die für den Laien glaubhaft den größten Blödsinn verbreiten. Und keiner will wissen, dass auch hier Milliarden mit der Angst der Menschen gemacht werden. Und Sie haben recht, Herr Dr. Bayerl, es gibt genug Ärzte, die hier wider besseren Wissens mitmischen. Ich habe den Eindruck, dass, je mehr man darüber diskutiert, desto mehr verhärten sich die Meinungen. zum Beitrag »
[23.03.2015, 19:52:02]
Dr. Jan Geldmacher 
Impfung auch für Erwachsene über 45
Auf Nachfrage sagte mir unsere KV, dass nur Menschen mit Geburtsjahr 1970 oder jünger geimpft werden dürfen. Sonst drohe ein Regressverfahren. Russisch oder GBA Roulette? Erwachsene ohne Impfschutz und ohne frühere Masernerkrankung sollten ohne Regressgefahr geimpft werden. Eine Klarstellung durch die Krankenkassen wäre hilfreich. zum Beitrag »
[23.03.2015, 13:39:20]
Amadeus Schubert 
Auch die Gesundheitsämter müssen hier aktiver werden und nicht alles auf Hausärzte abschieben???
Mit Verlaub: die Gesundheitsämter würden zweifelsohne gern noch mehr aktiver werden! Gern erinnere ich an die Zeiten vor dem Kahlschlag des ÖGD, in dessen Folge u. a. auch die KJGD-Dienste und das Impfwesen in den Gesundheitsämtern ausbluteten. Die Gesellschaft (und damit auch die Politik) zeigte sich seinerzeit resistent gegen warnende Worte vieler Facleute (und weiß Gott nicht nur aus dem ÖGD, öffentliche Vorsorge einzustampfen - die sich ja bekanntermaßen lange Zeit bewährt hatte. Insofern sind die Worte von Herrn Hengel bezügl. der "Defizite in der Gesundheitspolitik" durchaus ein Ansatz, den Finger in die nun schon beinhae ausgeblutete Wunde zu legen.  zum Beitrag »
[23.03.2015, 12:09:44]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Nennen wir doch das Kind beim Namen, wir haben militante Impfgegner in Politik, Medien (Internet) und sogar
bei einigen Ärzten. Alle werden mit Samthandschuhen angefasst:
WARUM???
Warum darf man zum Gericht gehen, wenn das Gesundheitsamt Maßnahmen ergreift zu denen es nach dem IfsG verpflichtet ist?
Sind wir im Mittelalter?
Und bitte unter Ärzten und Krankenkassen keine langen Diskussionen, wer das machen darf:
JEDER APPROBIERTE ARZT. Auch die Gesundheitsämter müssen hier aktiver werden
und nicht alles auf Hausärzte abschieben (Gemeinschaftseinrichtungen!)
Eine hoch ansteckende Krankheit ist KEINE Privatangelegenheit.
Das IfsG früher Seuchengesetz erlaubt und fordert hier Eingriffe in das Grundrecht der Bewegungsfreiheit und der körperlichen Unversehrtheit (Therapie).
In den Nachbarländern wird nicht soviel Theater gemacht!
 zum Beitrag »

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